Evolutionsmedizin

Medizin

Evolutionsmedizin

Wer in der modernen zivilisierten Welt würde schon in der Steinzeit leben wollen, wo wir es doch heute so komfortabel haben? Ein Problem gibt es aber: Unser Körper steckt noch in der Steinzeit. Im Laufe der Jahrmillionen haben wir eine genetische Ausstattung entwickelt und immer wieder angepasst, die für unser Überleben von Vorteil war.

Unser biologisches Erbe

Der menschliche Körper in der Entwicklungsphase vom Primaten zum aufrechtgehenden Menschen.

Evolution des Menschen

Genau diese Anlagen sind es aber, die in unserer modernen Zivilisationsgesellschaft zum Risikofaktor werden. Wir leben nicht mehr im Einklang mit unserem biologischen Erbe. Viele unserer heutigen Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Krebs verstehen wir nur, wenn wir unsere biologische Entwicklung analysieren - unsere Evolution. Für Evolutionsmediziner ist der lange Blick zurück die Voraussetzung für eine erfolgreiche Medizin in der Zukunft.

Von gestern bis heute - der Mensch wird träge

Der Steinzeitmensch als "Couch-Potato"? Unvorstellbar! Wie hätte er auch satt werden sollen, hätte er zu lange dem körperlichen Müßiggang gefrönt. Wollten unsere Vorfahren in der Steinzeit ihren Bauch füllen, mussten sie schon aktiv werden. Ein Supermarkt war nun mal nicht um die Ecke, genauso wenig wie ein motorisierter fahrbarer Untersatz, um ihn zu erreichen.

Die Lebensmittel waren äußerst lebendig und mussten erjagt und erlegt, statt nur in den Einkaufskorb gelegt werden. So lief das über Jahrmillionen - und so hat sich unser Organismus entwickelt und an die Lebenssituation angepasst. Bewegungsmangel kam in unserer Vergangenheit einfach nicht vor.

Und heute? Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist die Ernährung von der Bewegung abgekoppelt. Wir müssen gewissermaßen nur noch die Hand ausstrecken und zugreifen. Dieser Komfort hat seinen Preis, den wir nicht nur daran erkennen, dass eine ganze Gesellschaft aus ihrer Kleidergröße herauswächst. Industriegefertigte Nahrung, die den Überfluss sichert, leistet ihr Übriges. Die Fett-Epidemie breitet sich immer weiter aus.

Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu unseren Industriegesellschaften gewissermaßen wie das täglich Brot und der tägliche Bewegungsmangel. Im Grunde wissen wir alle, wie wir gesünder leben sollten. Ein jeder kennt die geradezu ermüdenden Ermahnungen zu einer ausgewogenen Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse - und natürlich ausreichend Bewegung.

Warum fällt es uns nur so schwer, diese vermeintlich einfache Formel eines gesunden Lebensstils zu beherzigen? Irgendwie will das gesunde Leben nicht so recht in unseren heutigen Alltag passen, der geprägt ist von Überfluss, rasanten technischen Neuentwicklungen, Schnelllebigkeit und Stress.

Evolutionsmedizin bedeutet Prävention

Ein Paar joggt durch den Wald.

Wir sind biologisch auf Bewegung programmiert

Evolutionsbiologisch gesehen ist es gerade mal einen Wimpernschlag her, seit sich unsere Lebensumstände derart drastisch geändert haben. Nie zuvor lebten die Menschen in einer Welt, die in irgendeiner Weise mit der heutigen vergleichbar ist.

Genau das ist aber unser Problem: Unsere Biologie hinkt gewissermaßen hinterher. Aber: Wenn wir es nicht schaffen, mit unserer Biologie in Einklang zu leben, riskieren wir, krank zu werden. So ist der Mensch nun mal biologisch auf Bewegung programmiert. Die brauchen wir heute zwar nicht mehr zum Überleben, aber um gesund zu bleiben.

Bewegungsmangel sehen Evolutionsmediziner als die größte Gefahr für unsere Gesundheit. Nicht nur unsere Muskulatur wird schlaff, die Kondition lässt nach und die Fettpölsterchen wachsen - auch die Gene werden träge. Zwar sind sie trotz Bewegungsarmut alle noch intakt vorhanden, aber es fehlt ihnen der richtige Impuls, damit sie "eingeschaltet", also aktiviert werden können.

Das heißt, es kommt nicht nur darauf an, welche Genvarianten wir erben, sondern auch darauf, dass wir durch unsere Lebensweise dafür sorgen, dass sie ihre Wirkung entfalten können, beschreibt es der Evolutionsmediziner Prof. Detlev Ganten von der Charité Berlin.

Die eigene Biologie kennen

Anatomische Darstellung des Menschen.

Der Mensch sollte seine eigene Biologie kennen

Vorbeugen statt heilen, das ist unbestritten die beste Medizin - und einer der Kernpunkte der Evolutionären Medizin. Sie hat die Geschichte der Menschheit fest im Blick und mit ihr die über unzählige Generationen erprobten Patente der Natur. Evolutionsmedizin bedeutet aber weder "zurück in die Steinzeit", noch setzt sie auf Öko. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, warum wir Menschen mit unserem System Körper so sind, wie wir sind.

Wenn wir wissen, warum wir uns so entwickelt haben, hilft es uns, ein viel besseres Verständnis der Gesamtbiologie des Menschen zu bekommen und zu erkennen, was wir tun müssen, um unsere Gesundheit zu erhalten. Denn unsere Gesundheit steckt uns gewissermaßen in den Genen.

Eigenverantwortlichkeit des Patienten ist dabei das Credo der Evolutionsmediziner - nicht der erhobene Zeigefinger. "Prävention heißt Bildung und ohne Bildung gibt es keine Prävention, denn die Prävention kann ja nicht von außen aufgezwungen werden, sondern sie muss selbstverantwortlich gewollt werden", fasst Detlev Ganten zusammen.

Das heißt im Klartext, wir alle müssen unsere Biologie kennen - zumindest in einem gewissen Umfang. Doch wie gut kennen wir unsere Biologie wirklich, wenn dieses Wissen nicht gerade zu unserem Beruf gehört? Was wissen wir über die eigenen Körpervorgänge, beispielsweise über die Verdauung oder die Funktion der Leber? Wo sitzen unsere Organe genau und wie arbeiten sie miteinander? Was macht Bewegung mit unserem Körper - abgesehen von Muskelaufbau und Fettverbrennung?

Bildung über den eigenen Körper ist das Grundelement einer Prävention - und sie sollte früh anfangen, am besten schon im Kindergarten, fordert Prof. Detlev Ganten. Denn eines ist klar: Die moralische Keule war schon immer ein beliebtes Instrument, wenn es darum ging, dass wir uns bessern. Wirklich funktioniert hat sie nicht. Wissen und Verständnis dürften in der Tat der bessere Weg sein, um die -zukünftigen - Patienten in die Eigenverantwortung zu ziehen und Prävention zu betreiben - eine intellektuelle Kampfansage an die klassischen Zivilisationskrankheiten.

Evolutionsmediziner Detlev Ganten ist sicher, dass wir Krankheiten im Herz-Kreislauf-Bereich und am Bewegungsapparat zu über 80 Prozent verhindern verhindern oder ihr Auftreten um viele Jahre hinauszögern könnten, wenn wir nur die Grundregeln einer gesunden und bewegten Lebensweise beherzigen würden.

Komplexe Krankheiten unter dem Fokus der Vergangenheit

Die Evolutionsmedizin betrachtet den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit und Individualität, denn wir sind in unserer Genetik nicht alle gleich ausgestattet. Jeder hat sein ganz eigenes genetisches Profil. Für die Medizin heißt das, wer heilen will, muss diese Unterschiede erkennen und versuchen, das unendlich komplexe Wechselspiel zwischen allen Akteuren des Lebens wie Proteinen, Zellen, Körperorganen, dem Stoffwechsel und so weiter zu begreifen.

Hierbei helfen das Wissen und das Verständnis um die Entwicklung des Menschen im Laufe seiner Evolution, vor allem auch, wenn darum geht, bei der Behandlung von hochkomplexen Krankheiten wie beispielweise Krebs neue Wege zu gehen.

Krebs ist die ungebremste Vermehrung einzelner Zellen, die die Kontrollmechanismen unseres Körpers umgehen. Um diese Prozesse besser zu verstehen, sind die Evolutionsmediziner den Zellteilungsmechanismen von Urzellen auf der Spur. Denn das Wachstum und die schnelle Vermehrung von Einzellern sind aus Sicht der Evolution in den Ursprüngen eigentlich gar nichts Negatives. Im Gegenteil. Es war die Voraussetzung für die Entstehung des Lebens.

Die Mastzelle hilft dem Immunsystem.

Zellen sind der Grundbaustein unseres Körpers

Zu Beginn des Lebens hatten die Einzeller einen evolutionären Vorteil, deren Teilungsmechanismen besonders robust und unabhängig von den sie umgebenden Außeneinflüssen waren und die sich entsprechend besser vermehren und ihre Gene weitergeben konnten. Die erfolgreichsten dieser Mechanismen haben sich durchgesetzt - bis heute.

Für uns bedeutet das: Wir tragen auch jetzt noch diese Erfolgspatente der Evolution in uns, auch wenn das Leben sehr viel komplexer geworden ist. Aus den Einzellern wurden im Laufe der Jahrmillionen die unterschiedlichsten Vielzeller - darunter auch der Mensch. In unserem Körper reifen die Zellen zu Spezialisten heran - Hautzellen, Leberzellen, Gehirnzellen, Muskelzellen, Knochenzellen und so weiter.

Unsere Zellen sind differenziert. Krebs ist im Grunde nichts anderes als eine Entdifferenzierung von Zellen, die aus dem Organverband ausbrechen und sich plötzlich in tumorartigem Wachstum durch Teilung vermehren. Die Zellen entziehen sich den Kontrollmechanismen des Körpers, der sie umgibt und fallen zurück in ein sogenanntes embryonales Stadium. Evolutionsmediziner sagen auch: in ein Urstadium der Zellteilung.

Im Kampf gegen den Krebs

Ein Mann bei der Chemotherapie.

Chemotherapie - die häufigste Behandlung gegen Krebs

Um die Krebszellen zu eliminieren sind bisher Bestrahlung und Chemotherapie, die "chemische Keule", die Mittel der Wahl. Das Problem dabei ist, dass die verabreichten Zellgifte eben nicht nur selektiv die Krebszellen, sondern alle Zellen schädigen, wenngleich die Zellen am stärksten, die sich am schnellsten teilen - und das sind die Tumorzellen.

Doch die Medizin beschreitet bereits jetzt neue Wege in der Krebsbehandlung. Künftig will sie das Problem viel präziser angehen, es gewissermaßen bei den Wurzeln packen. Irgendwo gibt es einen "Schalter" im System der Zelle, der in eine falsche Position gerutscht ist. Den gilt es zu finden und wieder zu richten.

Dazu ist es nötig, die Mechanismen der Zelldifferenzierung, Zellteilung und der Genregulation genau zu kennen. Nur dann kann auch spezifisch in diese Mechanismen eingegriffen werden. Dazu kommt, dass nicht jede Zelle wie die andere ist, was bedeutet, dass auch Krebs nicht gleich Krebs ist.

Deswegen untersucht und identifiziert die moderne Krebstherapie die einzelnen Krebsarten. Sie erstellt sozusagen einen genetischen Fingerabdruck der Krebszelle und analysiert, welche Mechanismen zu dem unkontrollierten Wachstum geführt haben. Mit diesem Wissen wird es möglich, den richtigen "Schalter" zu finden und das unkontrollierte Wachstum abzuschalten.

All diese biologischen Mechanismen lassen sich aus der Evolution heraus sehr viel besser verstehen - somit ist der lange Blick zurück für Evolutionsmediziner die Voraussetzung für eine erfolgreiche Medizin in der Zukunft.

Autorin: Andrea Wengel

Stand: 28.10.2015, 10:26

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