Organe züchten

Organverpflanzung

Organe züchten

Die Transplantation von Organen ist heute medizinisches Alltagsgeschäft. Das Einsetzen eines Organs in einen anderen Körper ist beinahe Routine. Und die schweren Abstoßungsreaktionen lassen sich mit Medikamenten unterdrücken. Doch ein großes Problem können die Mediziner trotz allen Fortschritts nicht beheben: Es gibt zu wenig Organe, die transplantiert werden können. Auch wenn es für manche wie eine Vision von Dr. Frankenstein klingt: Vielleicht wird es in Zukunft einmal möglich sein, menschliche Organe im Labor zu züchten.

Wettlauf mit dem Tod

Laborantin mit Nährlösung.

Gezüchtete Organe wären für viele die Rettung

Das Warten ist lang und quälend, es kann Jahre dauern. Oft genug ist der Tod schneller als der Anruf, der das Ausharren beendet. Doch es gibt keine Alternative zum Warten auf ein Spenderorgan. Allein in Deutschland ist dies Alltag für rund 12.000 Menschen. Sie warten auf eine neue Niere, ein neues Herz, eine Leber, Lunge oder Bauchspeicheldrüse.

Im Jahr 2011 konnten immerhin knapp 4000 Organe tatsächlich verpflanzt werden. Dennoch wird klar: Wie überall auf der Welt herrscht auch bei uns ein eklatanter Mangel an Spenderorganen. Fünf bis neun Jahre dauert es durchschnittlich, bis ein Patient eine neue Niere bekommt.

Trotz Organmangels könnte es einen Ausweg geben. Wissenschaftler überall auf der Welt forschen fieberhaft an einer unglaublich klingenden Vision. Tag und Nacht verbringen sie in ihren Laboren und versuchen, menschliche Organe zu züchten. In Zukunft soll es möglich sein, maßgeschneiderte Organe für jeden einzelnen Patienten zu züchten. Vorbei wäre das endlose Warten auf ein Spenderorgan. Und vorbei wäre die Zeit der quälenden Abstoßungsreaktionen, mit denen der Körper auf ein neues Organ reagiert, da die gezüchtete Variante aus den eigenen Zellen des jeweiligen Patienten stammen soll.

Plötzlich beginnt es zu schlagen

Menschliches Organ in Laborglas.

Eine kühne Vision: die Züchtung menschlicher Organe im Labor

Noch liegt ein weiter Weg vor den Forschern. Aber sie lassen sich nicht beirren. Denn die bisherigen Erfolge machen jede Menge Mut. Und sie sind beachtlich: Wissenschaftlern der University of Minnesota ist es Anfang 2008 gelungen, ein Herz zu züchten, ein pulsierendes, rhythmisch schlagendes Herz. Einer der beteiligten Wissenschaftler: "Als wir die ersten Kontraktionen sahen, da waren wir sprachlos." Denn sie hatten nicht unbedingt mit diesem Ergebnis gerechnet.

Noch ist das gezüchtete Herz "nur" ein Rattenherz. Und noch schafft es dieses Herz nur auf höchstens fünf Prozent der Leistungsfähigkeit eines gesunden Herzens. Trotzdem verspricht die Methode der Wissenschaftler einen gewaltigen Fortschritt. Denn die Idee dahinter ist faszinierend.

Zunächst brauchen die Forscher ein Spenderorgan, in diesem Fall ein Rattenherz. Mit einem ganz speziellen Lösungsmittel waschen sie alle Herzzellen aus dem Organ heraus, so lange, bis nur noch ein mattweißes Gerüst übrig bleibt. Dieses Gerüst besteht aus Kohlenhydraten und Proteinen, es ist die sogenannte Matrix. Das Wertvolle daran: In diesem Gerüst bleiben alle Strukturen des Spenderherzens erhalten – Herzkammern, Herzklappen, Blutgefäße.

Im nächsten Schritt impfen die Forscher die Matrix mit frischen Herzzellen einer Ratte. Und tatsächlich: Die frischen Herzzellen wachsen an dem Gerüst fest und bilden so ein neues Herz nach. Nach vier Tagen fängt das Gebilde dann wirklich an zu schlagen. Noch ein paar Tage später ist es kräftig genug, um auch eine Flüssigkeit durch die Blutgefäße zu pumpen.

Die Vision der Wissenschaftler: Eines Tages wollen sie auch menschliche Herzen züchten können. Die Matrix könnten sie aus Schweineherzen gewinnen, denn diese sind fast so groß wie menschliche Herzen. Die Impfung mit Stammzellen des Patienten schließlich ließe dann das neue Organ wachsen. Denkbar ist diese Methode nicht nur für das Herz, sondern auch für alle anderen Organe.

Endlich ohne Tierversuche

Labormaus in Händen, die Gummihandschuhe tragen.

Künstliche Organe als Ersatz für Tierversuche

"Tissue Engineering" nennen die Wissenschaftler ihren Forschungszweig. "Gewebekonstruktion". Denn nicht immer steht die Züchtung transplantierbarer Organe im Fokus. Für die Forschung wären auch gezüchtete menschliche Organe ausgesprochen nützlich, an denen Wissenschaftler die Wirkung von Medikamenten ausprobieren könnten.

Normalerweise werden neue Wirkstoffe immer erst im Tierversuch getestet. Doch die Ergebnisse lassen sich nur selten auf den Menschen übertragen. Noch seltener lassen sich daraus wirkungsvolle Therapien entwickeln.

Gezüchtete menschliche Organe könnten effektive Medikamententests ermöglichen. Bei deren Entwicklung gehen die Experten ganz ähnlich vor wie bei der Züchtung des menschlichen Herzens: Zuerst wird ein Stück Schweinedünndarm von seinen Zellen befreit. Anschließend werden zum Beispiel menschliche Leberzellen injiziert. In einem sogenannten Bioreaktor oder Zellgewächshaus können diese dann unter realen Körperbedingungen in aller Ruhe wachsen.

Bis ins kleinste Detail werden in einem solchen Bioreaktor die Verhältnisse im menschlichen Körper simuliert: der Blutdruck ist optimal, der pH-Wert und die Temperatur stimmen exakt. Nach einigen Wochen ist dann ein künstliches Organ entstanden. In dieses könnten die Wissenschaftler direkt die Medikamente oder Wirkstoffe impfen und ganz genau beobachten, was passiert. Wie schnell wird die Substanz zersetzt? Wann setzt die Wirkung ein? Und welche Nebenprodukte entstehen dabei?

Organe aus dem Drucker

Die Visionen des "Tissue Engineering" klingen wirklich vielversprechend: Aussagekräftige Medikamententests ohne Tierversuche und maßgeschneiderte Ersatzorgane ohne lebensgefährliche Wartezeiten und quälende Abstoßungsreaktionen.

Tag für Tag kommen die Wissenschaftler ihrem Ziel einen kleinen Schritt näher und kommen dabei manchmal auf völlig verrückt klingende Ideen. Wie der japanische Mediziner Makoto Nakamura. Er arbeitet an der Entwicklung eines Organdruckers. Vielleicht drucken Mediziner eines Tages Ersatzorgane – genau so einfach wie ihre Examensarbeit.

Autor: Silvio Wenzel

Stand: 31.05.2016, 09:40

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