Wenn Kinder ihre Eltern pflegen – Ein Erfahrungsbericht

Pflege

Wenn Kinder ihre Eltern pflegen – Ein Erfahrungsbericht

Nach dem Schlaganfall war nichts mehr so wie vorher. Irmgard Weinbrenners Körper ist seitdem linksseitig gelähmt. Sie ist ans Bett gefesselt. Ihre Tochter will sie nicht Fremden überlassen und übernimmt selbst die Pflege. Hätte Cerstin Hoffmann damals geahnt, was sie erwartet, hätte sie ihre Mutter in ein Heim einweisen lassen. Ein Erfahrungsbericht nach fast elf Jahren Pflege.

Wenn der Alltag zur Qual wird

Meine Mutter ist seit zehn Jahren bettlägerig. Nach einem Schlaganfall 2002 ist sie linksseitig gelähmt. Hätte ich geahnt, was mich erwartet, hätte ich meine Mutter nach der Reha in ein schönes Pflegeheim einweisen lassen. Es ist schrecklich, das zu sagen. Aber es ist die Wahrheit. Damals wollte ich nicht, dass meine Mutter in ein Heim kommt. Die Pflegeheime haben nicht ausreichend Personal, um Bettlägerige zu betreuen. Meine Mutter wäre vereinsamt.

Meine Mutter ist eigentlich kein schwieriger Pflegefall. Nach schlechten, für mich sehr anstrengenden Phasen, kommen auch immer wieder ruhigere. Dennoch bin ich häufig schlecht drauf. Es sind die ständigen Wiederholungen, die mir zu schaffen machen, ohne Pause, ohne Abwechslung, ohne Aussicht auf Besserung des gesundheitlichen und geistigen Zustandes meiner Mutter.

In einem Regal steht ein Tablettenkästchen, beschriftet von Montag bis Sonntag. Dahinter liegen verschiedene Medikamentenschachteln.

Die Tabletten müssen jeden Tag portioniert werden

Für meine Mutter ist es ganz normal, dass ich sie pflege. Schließlich erhalte ich Unterstützung, von der Diakonie und einer Haushaltshilfe. Das sind am Vormittag zwei bis drei Stunden. Dass ich mit meinen Kräften bald am Ende bin, sieht meine Mutter nicht.

Vormittags gehe ich ins Büro, um dem Pflegealltag zu entfliehen. Manchmal wird mir alles zu viel und ich könnte schreien. Aber irgendwie geht es immer weiter - und das muss es schließlich auch.

Rund um die Uhr abrufbereit

An den Tagen, an denen ich durchschlafe, könnte ich Kreuze machen. Manchmal werde ich um 4 Uhr aus dem Schlaf gerissen, weil der Fernseher nicht automatisch angeht. Komme ich um 4.05 Uhr ins Zimmer meiner Mutter, geht der Fernseher gerade an. Die 5 Minuten hätte sie noch warten können.

Morgens ist es meist hektisch. Eigentlich will ich meiner Mutter nur das Frühstück hinstellen und die Tabletten geben. Aber das gelingt nur selten: Sie will sich schließlich auch etwas unterhalten. Sie wirft uns häufig vor, dass wir kaum Zeit für sie haben. Aber welche Mutter sieht ihre Tochter, ihren Schwiegersohn und ihren Enkel so oft wie sie?

Eine Frau steht in der Küche. Sie schneidet ein belegtes Brot in Stücke.

All inclusive: Cerstin Hoffmann bereitet das Essen vor

Die Zeit, in der ich was mit meinem Mann und meinem Sohn unternehmen kann, beschränkt sich auf drei bis vier Stunden - wenn meine Mutter gut drauf ist. Für Ausflüge, die länger dauern, muss ich eine Betreuung organisieren. Ich versuche oft unbemerkt ins Haus zu kommen. Wenn sie mich hört, ruft sie meist gleich nach mir. Dabei schaue ich nach meiner Mutter, sobald ich alles geregelt habe.

Mir fehlt die Anerkennung

Um für ihr Wohl zu sorgen, gebe ich alles. Anerkennung oder Dank erhalte ich kaum dafür. Sie denkt nur an sich. Wie es für mich und meine Familie ist, interessiert sie nicht.

Eine Frau steht vor dem Pflegebett ihrer Mutter. Sie will ihr Essen geben. Die Mutter beachtet sie nicht, hält eine Zeitung vor ihr Gesicht.

Cerstin Hoffmann sucht Blickkontakt, ihre Mutter nicht

Ich frage mich, warum ich mir das antue. Erwarten andere das von mir? Erwarte ich es von mir? Von meinem eigenen Sohn würde ich nicht erwarten, dass er mich pflegt. Ich fühle mich schlecht, weil ich nicht die Tochter bin, die das alles schafft, ohne zu meckern.

Es gibt auch gute Zeiten

Manchmal ist es auch anders. Wenn meine Mutter und ich beide gut drauf sind, die Glotze aus ist und wir reden. Sie sagt dann, dass es ihr leid tue - und dass sie damals besser gestorben wäre. Diese ehrlichen Momente zwischen uns helfen. Sie ist dann die Mutti von früher, nicht dieser Patient, der meistens nervt.

Eine Frau hält die Hände einer Seniorin.

Hand in Hand

Als sie noch fit war, hat meine Mutter mir fast alles ermöglicht. Sie war eine gute Mutter und wäre meinem Sohn eine tolle Großmutter geworden. Er wäre bestrickt, bekocht und betreut worden, was das Zeug hält. Mein Sohn hat diese Seite der Oma leider nie kennenlernen dürfen. Das macht mich sehr traurig. Für ihn ist sie eher ein Störfaktor, der Mami oft wütend macht, glaube ich.

Meine Mutter zu pflegen, hat mich verändert

Ich sehne mich nach einer Zeit ohne diese Pflege-Belastung. Das würde bedeuten, dass meine Mutter in ein Heim kommt - oder dass sie stirbt, auch wenn ich das nicht möchte. Ich will nur wieder Luft und Raum für mich und meine Familie. Ich will ein normales Leben führen. Wenn ich alt bin, möchte ich keinem zur Last fallen.

Es wäre schön, wenn meine Mutter noch einige Jahre leben würde, ihren Enkel heranwachsen sieht, mit ihrer einigermaßen ausgeglichenen Tochter ab und an Gespräche führt und so weiter. So wie es momentan läuft, ist es für mich aber kaum möglich, weiterzumachen. Es fällt mir schwer, das einzugestehen. Will ich doch die liebevolle Tochter sein, die es schafft, ihre Mutter zu pflegen.

Eine Pflegekraft aus Osteuropa

Eine Pflegerin sitzt am Bett einer Patientin. Sie liest ihr ein Buch vor und hält ihre Hand.

Eine Pflegerin leistet einer Patientin Gesellschaft

Mein Mann und ich überlegen eine Pflegekraft aus Osteuropa einzustellen. Mit dieser könnte meine Mutter unten im Haus leben, während wir oben wohnen. Das wird vermutlich nichts: Zum einen will meine Mutter nicht runterziehen. Zum anderen ist es sehr schwer, eine ordentliche und bezahlbare Betreuung zu finden, vor allem für gelegentliche Einsätze. Der Pflegekreis hat uns nicht überzeugt, da kommt jedes Mal jemand anderes. Die Betreuung sollte sich auskennen und mit der Situation vertraut sein.

Das Pflege-System muss sich ändern

In der Pflege liegt vieles im Argen. Mich ärgert es, wenn Medikamente und Pflegemittel gestrichen werden. Und wenn ich eine halbe Stunde zum Facharzt fahren muss, um ein Rezept zu holen, das der Hausarzt nicht ausstellen kann.

Symbolfoto: Auf einem Tisch liegt ein Zettel mit Pflegeleistungen. Darauf steht ein Püppchen: Es ist ein Senior im Rollstuhl, hinter dem ein Pfleger steht.

Pflegeleistungen - reicht das?

Und: Warum kann die Politik kein neues Pflegegesetz erlassen, das es Haushalten mit Pflegebedürftigen ermöglicht, eine Hilfskraft aus dem Ausland legal zu beschäftigen? Diese Kräfte nehmen meiner Ansicht nach keine Arbeitsplätze weg. Der Pflegedienst würde weiterhin zu uns kommen. Wer seine Eltern zu Hause pflegt, sollte zudem vom Staat finanziell unterstützt werden. Bislang gibt es kein Betreuungsgeld vom Staat. Und auch die Situation in den Pflegeheimen muss sich bessern. Hier sollte es mehr Personal geben.

Autor/in: Cerstin Hoffmann

Stand: 19.02.2014, 12:00

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