Arzneimittel-Skandale

Arzneimittel-Skandale

Medikamente sollen helfen. Doch das ist nicht immer der Fall.

Ein behindertes Kind , das durch Contergan während der Schwangerschaft geschädigt wurde.

1957 brachte die Firma Grünenthal aus Stolberg bei Aachen das Schlafmittel Contergan auf den Markt. Auch Schwangere nahmen das Mittel – mit fatalen Folgen. Tausende Kinder mit verkürzten Armen und Beinen kamen zur Welt, allein in Deutschland waren es rund 5000. Der Contergan-Skandal war einer der Hauptgründe für das erste Arzneimittelgesetz in Deutschland, das 1961 verabschiedet wurde. Von da an mussten Hersteller ihre Wirkstoffe auf mögliche Risiken testen, bevor sie sie auf den Markt bringen durften. 1976 wurde dann ein Wirksamkeitsnachweis Pflicht. Auch wenn das heute unwirklich klingen mag: Dieser war bis dahin nicht notwendig gewesen.

1957 brachte die Firma Grünenthal aus Stolberg bei Aachen das Schlafmittel Contergan auf den Markt. Auch Schwangere nahmen das Mittel – mit fatalen Folgen. Tausende Kinder mit verkürzten Armen und Beinen kamen zur Welt, allein in Deutschland waren es rund 5000. Der Contergan-Skandal war einer der Hauptgründe für das erste Arzneimittelgesetz in Deutschland, das 1961 verabschiedet wurde. Von da an mussten Hersteller ihre Wirkstoffe auf mögliche Risiken testen, bevor sie sie auf den Markt bringen durften. 1976 wurde dann ein Wirksamkeitsnachweis Pflicht. Auch wenn das heute unwirklich klingen mag: Dieser war bis dahin nicht notwendig gewesen.

Das Diätmittel Phen-Fen kombinierte die zwei Wirkstoffe Phentaeramin und Fenfluramin – daher sein Name. Die US-amerikanische Firma Wyeth, die inzwischen zum weltgrößten Arzneimittelhersteller Pfizer gehört, brachte Phen-Fen als Schlankheitspille auf den Markt. Doch 1997 wurde das Mittel zurückgezogen, weil es im Verdacht stand, tödliche Herzklappenschäden zu verursachen. Wyeth hat seit 1998 mehr als 20 Milliarden US-Dollar Entschädigung an die Opfer gezahlt. Damit ist Phen-Fen der bislang teuerste Haftungsfall der Pharmabranche.

Geradezu alltäglich ist der Skandal mit gefälschten Arzneimitteln. Der Handel mit den Fälschungen wächst Jahr für Jahr. In Deutschland hat Interpol im Jahr 2013 bei einem Einsatz insgesamt 27930 gefälschte und verbotene Tabletten, Kapseln und Ampullen aus dem Verkehr gezogen. Einen Rekordfund machte der französische Zoll im Jahr 2014, als er 2,4 Millionen gefälschte Medikamente aus China sicherstellte. Die Kopfschmerztabletten, Erektionsmittel und anderen Medikamente waren als Tee aus China deklariert gewesen. Gefälschte Medikamente sind keine Lappalie: Für Patienten können sie lebensgefährlich sein.

Der Cholesterinsenker Lipobay war ein Senkrechtstarter. 1997 zugelassen, wurde es schnell eines der meistverordneten Blutfettsenker. Es galt als preiswert und effektiver als vergleichbare Medikamente. Dann stellte sich heraus, dass offenbar auch die Nebenwirkungen heftiger waren. Mehr als andere Blutfettsenker zerstörte es offenbar Muskelzellen – so etwas kann die Nieren überlasten und zum Tod führen. 31 Todesfälle in den USA wurden mit Lipobay in Verbindung gebracht. Bayer nahm das Medikament im Jahr 2001 vom Markt und zahlte in einer Sammelklage 1,2 Milliarden Euro Schadensersatz. 2011 ließ der Oberste Gerichtshof der USA eine weitere Sammelklage zu, über die noch nicht entschieden ist.

Den Appetitzügler Menocil gab es seit 1965 ohne Rezept, ein Verkaufsschlager. Frauen wussten nicht, dass die Schlankheitspille Herzkreislaufschäden und Lungenhochdruck nach sich ziehen kann. Menocil wurde in den USA schon in den 1950er Jahren von dem Pharmaunternehmen McNeil Laboratories unter dem Namen Aminorex entwickelt, dort aber nicht zugelassen. In Deutschland stellte die Firma Cilag-Chemie in Alsbach das Arzneimittel her. Mindestens 20 Menocil-Verbraucher starben in der Bundesrepublik an Lungenhochdruck, mindestens 850 sollen daran schwer erkrankt sein. Ein Ermittlungsverfahren gegen die Hersteller wurde eingeleitet und dann wieder eingestellt.

Schon 2001 legten Studien nahe, dass das Schmerzmittel Vioxx das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht. Erst 2010 nahm US-Hersteller Merck & Co. das Medikament vom Markt. Die US-Justiz kam beim Strafprozess zu der Überzeugung, Merck habe das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen unterschlagen, um die Verkaufszahlen nicht zu gefährden. Bis zu 139.000 Patienten haben laut der US-Zulassungsbehörde FDA nach der Behandlung mit Vioxx einen Infarkt erlitten, bis zu 55.000 Menschen starben daran.

Diabetiker bekamen Avandia verschrieben, um das Herzinfarkt-Risiko zu senken. Dann stellte sich heraus, dass Avandia selbst das Herz schädigen kann. Eigentlich sei schon bei der Zulassung im Jahr 2000 das Nutzen-Risiko-Verhältnis fragwürdig gewesen, kritisierten Mediziner im renommierten Fachblatt British Medical Journal. Die europäische Arzneimittelbehörde legte dem britischen Hersteller GlaxoSmithKline (GSK) 2010 nahe, Avandia vom Markt zu nehmen. In den USA durfte das Mittel zwar auf dem Markt bleiben, der Zugang für Patienten wurde aber erschwert. Laut einem Bericht der Zeitung New York Times hätte GSK schon seit längerem unerfreuliche Daten über das Mittel unterdrückt. GSK bestreitet das, hat sich aber mit US-Klägern auf eine Vergleichszahlung von 460 Millionen US-Dollar geeinigt.

Im Januar 2015 veröffentlicht die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) eine Liste von 52 Medikamenten, von denen sie abrät. Nach Überprüfung durch Wissenschaftler ist die EMA zu dem Schluss gekommen, dass die Studien, die zur Zulassung vorgelegt wurden, schwere Mängel aufwiesen. Diese waren in den Jahren 2004 bis 2014 von der indischen Firma GVK Bio angefertigt worden. Das Unternehmen arbeitet im Auftrag vieler großer Pharmakonzerne weltweit.

Stand: 28.04.2017, 12:00 Uhr

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