Frisuren

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Frisuren

Individuelle Haarstile werden von der einzelnen Persönlichkeit und ihrer Selbstwahrnehmung, dem Alter und der Mode bestimmt. Außerdem stehen Haarstile in engem Zusammenhang mit den Geschlechter- und Körperbildern einer Epoche und verändern sich mit dem Wandel der Lebensstile und Moden.

Kulturelle Bedeutung der Haare

Wenn "Mädchen keine langen Haare tragen, dann ist das wie ein Indianermädchen ohne Kopfschmuck oder ein Indianer ohne Federn". Dieser Glaubenssatz, den eine Mutter ihrer Tochter mit auf den Weg gegeben hat, illustriert, welche wichtige kulturelle Bedeutung Haare haben: sie haben eine Schmuck- und eine Zeichenfunktion.

In fast allen Kulturen dienen Haare zur Markierung von Geschlecht und sozialem Status. Als äußere, auf einen Blick wahrnehmbare Merkmale sind sie eng mit dem gesellschaftlichen Werte- und Normsystem verbunden.

In Bezug auf Männer repräsentieren Haare meist deren körperliche Stärke, während sie bei Frauen eher sexuell konnotiert sind und als Zeichen ihrer Verführungskraft gelten.

Stilfolgen wiederholen sich in großen Rhythmen

Haarmode wird von den sich in großen Rhythmen vollziehenden Stilfolgen beeinflusst. Bei den Frisuren der Frauen fällt auf, dass sie regelmäßig wechseln zwischen schlichter Natürlichkeit und extremer Künstlichkeit.

Bei Männern wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob die Haare lang oder kurz getragen werden sollen. Und: Barthaare ab oder lieber wachsen lassen? Welche Bartform?

Eine junge Frau haucht einen Kuss in die Kamera.

Lange Haare – bei Frauen ein Symbol für Weiblichkeit

Rokoko – groteske Hochfrisuren

In den 1760er Jahren, 20 Jahre vor der Französischen Revolution, präsentierten feder- und schmucküberladene Hochfrisuren auf den Köpfen Stimmungen und Erlebnisbereiche, die vordergründig durch effektvolle Dekorationen dargeboten wurden.

Das Rokoko war die Blütezeit für das Friseurhandwerk. Ein Meister seines Faches war Léonard Autier, der Friseur der französischen Königin Marie Antoinette. Einer Legende zufolge hatte Marie Antoinette mit 16 Jahren schon 300.000 Franc Schulden für ihre riesigen Hochsteckfrisuren.

Zur Zeit des Rokoko nahm die Haarmode groteske Formen an, die den Kopf nur noch zur unbedeutenden Basis gewagter Konstruktionen benutzte. Mit immer kühneren Frisuren versuchten die adeligen Damen sich gegenseitig zu übertreffen. Die Anfertigung dieser monströsen Aufbauten entwickelte sich zur zeitraubendsten und wichtigsten Aktion des Tages.

Das Rokoko ist die letzte rein höfische Stilepoche und Ausdruck einer äußerst verfeinerten Etikette und Eleganz, mit der sich der Adel vom aufstrebenden Bürgertum abzugrenzen suchte.

Gemälde einer Frau aus dem Rokoko mit aufwändig geflochtenen Zöpfen

Rokoko-Frisuren nahmen oft groteske Formen an

Die 1950er Jahre – Aufbau mit Haarspray

In den 1950er Jahren und zu Beginn der 1960er Jahre nagelten die Frauen ihre Haare mit Haarspray an Ort und Stelle fest, beliebt waren auch Toupieren und Dauerwellen. Es war nebensächlich, dass das Haar schwer geschädigt und widerlich anzufassen war und dass die Frisuren unendlich viel Wartungsarbeit erforderten und doch nie richtig saßen.

Künstlerisch-künstliche Frisurenaufbauten und Kunsthaar waren angesagt. Friseure wie Antoine oder Monsieur Guillaume waren dafür berühmt. Die persische Prinzessin Farah Dibah wurde Vorbild für hochgestellte Frisuren. Hochtoupieren war angesagt, manch eine Frisur erinnerte an die Hochfrisuren im Rokoko.

Der Wiederaufbau Europas war in vollem Gang und die Sehnsucht nach Wohlstand stand bei den meisten Menschen im Vordergrund. Die Haare spiegelten die Stimmung des Jahrzehnts wieder – auch sie bewegten sich zwischen Tradition und Modernität.

Die Swinging Sixties – Aufbruch im und auf dem Kopf

Die Swinging Sixties führten zur Auflösung der gebändigten Pracht. Es gab zahlreiche Anstöße für neue Frisurentrends: Etwa die Pilzköpfe der Beatles, die geometrischen Schnitte von Vidal Sassoon oder die langen, kaum manipulierten Haare der "Blumenkinder".

Offen getragene, meist schulterlange Haare, weniger Künstlichkeit und Bewegung im Haar kennzeichneten die Zeit ab Mitte der 1960er Jahre. Im Partnerlook wurden sich die Geschlechter immer ähnlicher – Männer probierten lange Haare aus, Frauen standen überwiegend auf kürzere Haare.

Mit dem geradlinigen Five-Point-Cut revolutionierte der Londoner Starfriseur Vidal Sassoon 1963 die Welt der Frisuren und Friseure. Er passte dabei geometrische Formen den individuellen Gesichtszügen seiner Kundinnen an.

Der politische Geist der 68er, der für Aufbruch, Ausbruch aus gesellschaftlichen Konventionen und Liberalisierung stand, zog schließlich auch an den Frisuren nicht spurlos vorbei. Die bedeutendste Veränderung im Haarstil der Nachkriegszeit betraf die Männermode: Nachdem über 150 Jahre männliche Kurzfrisuren üblich waren, ließen Männer ihre Haare wieder lang wachsen.

Günther Netzer und Paul Breitner auf dem Platz.

Weiche Locken und lange Haare: Paul Breitner und Günther Netzer 1974

Postmoderne – Vielfalt von Haarmoden

Frisuren stellen heute ein kulturelles Attribut dar, das wie andere beliebig gewählt und zusammengestellt werden kann, analog den Modetechniken der Postmoderne, bei denen vor allem die "Ensemblebildung" gefragt ist – die modische Kompetenz, sich aus Stilrichtungen das geeignete herauszupicken und zu einer neuen Einheit zusammenzufügen oder auch Unvereinbares gezielt zu kontrastieren.

Haare bilden daher nicht mehr geschlossene Gruppen- oder Gegenkulturen wie früher. Ein Beispiel: Angesagt waren eine Zeit lang Frisurenelemente aus der Punkkultur, die spielerisch eingesetzt wurden. Aber von einer völligen Beliebigkeit zu sprechen wäre falsch, denn auch heute noch gilt die richtige Frisur als Ausdruck von Selbstwahrnehmung und Identität.

Frau mit etxravaganter Frisur

Heute ist alles erlaubt, Hauptsache es fällt auf

Autorin: Nathalie Muntermann

Weiterführende Infos

Stand: 15.02.2017, 14:30

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