Tätowierungen

Ein Mann mit einem Tattoo, das den halben Rücken bedeckt.

Mode

Tätowierungen

Bilder, die unter die Haut gehen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Früher wurde die Haut mit scharfen Steinen oder Knochen aufgeritzt und dann mit Asche oder Pflanzenfarbe eingerieben. Heute stechen Tätowierer auf der ganzen Welt den Kunden ihre Wunschmotive in die Haut. Was vor Jahren noch schockierend oder zumindest irritierend wirkte, ist längst gesellschaftsfähig geworden.

Sogar Ötzi war tätowiert

Fast überall auf der Welt kennen Menschen Bilder, die mit Nadeln oder anderen scharfen Gegenständen und Farbpigmenten in die Haut gezeichnet werden. Von Alaska bis Feuerland, von Island bis Japan schmücken sich Menschen mit Hautbildern.

Über 50 Tätowierungen weist der 5300 Jahre alte Körper des Steinzeitmenschen Ötzi auf. Zu den Tätowierungen auf diesem ältesten erhaltenen Körper der Welt zählen parallel verlaufende Linien an der unteren Wirbelsäule, Streifen am rechten Fußknöchel und ein Kreuz-Motiv an der Innenseite des rechten Knies.

Da sich die Zeichnungen exakt an der Hauptakupunkturlinie befinden, gehen Forscher mittlerweile davon aus, dass sie bei Ötzi Schmerzen lindern sollten.

Ein tätowierter Polynesier.

Polynesische Kunst beeinflusste auch Tätowierungen in Europa

Tätowierungen fand man auch auf der 4000 Jahre alten Mumie der ägyptischen Priesterin Amunet. Im mittleren Reich Ägyptens, etwa 2015 bis 1794 vor Christus, waren an Ornamente der Nubier angelehnte Stechmalereien auf der Haut ein beliebtes Ritual.

Die charakteristischen Motive aus blauschwarzen Punkten und Strichen trägt beispielsweise eine Prinzessin aus der 11. Dynastie Thebens (2000 vor Christus), die 1923 in einer Gruft bei Luxor entdeckt wurde.

2400 Jahre alt ist der Leichnam einer Frau, der im russischen Ukok-Plateau gefunden wurde. Sie trägt an Armen und Schultern kunstvolle, reich verzierte Hautbilder mit Vögeln, Hirschen und mystischen Tieren. Man geht davon aus, dass die Frau zum Stamm der Pazyryker gehörte und wahrscheinlich Kriegerin oder Erzählerin von Stammesgeschichten war.

Körperkunst mit archaischen Techniken

Im Gegensatz zur heutigen modernen und vergleichsweise schmerzarmen Technik des Tätowierens muten vergangene Methoden roh und brutal an. Dabei hatte jedes Volk sein eigenes Verfahren, Farben unter die Haut zu bringen:

Inuits bearbeiteten ihre Haut mit rußigen Fäden, die narbenähnliche Markierungen hinterließen.

Die Maoris in Neuseeland schnitten sich mit meißelähnlichen Holzinstrumenten Farbe in die Gesichtshaut.

Eine kammähnliche Hacke, die unter anderem aus bearbeiteten Menschenknochen bestand, benutzten die Samoaner.

Auf Tahiti wurde mit spitzen Knochen oder Haifischzähnen tätowiert, die Maya und Azteken behalfen sich mit Dornen und Kakteenstacheln.

Irezumi – japanische Tätowierungen

Ob "Klassiker" wie Anker, Herz und Adler, abstrakte Muster oder individuelle Bilder – Tätowierstile gibt es viele. Einer der wichtigsten Stile der Welt stammt aus Japan. Auch hier gab es erste frühzeitliche Stammestätowierungen, die mit der Orientierung an der chinesischen Hochkultur als primitiv verworfen wurden.

Nachdem Shogune Tätowierungen über Jahrhunderte lang bis 1868 zur Stigmatisierung von Verbrechern eingesetzt hatten, kam die Nihon Irezumi, die schmückende Tätowierung, auf.

Irezumi bedeutet "Tinte einführen. Die dazugehörigen Motive gehen auf eine chinesische Räuber- und Rebellengeschichte aus dem 14. Jahrhundert zurück. Die als "Suikoden" ("Geschichten vom Strand") im 18. Jahrhundert ins Japanische übertragene Erzählung von vier tätowierten Gesetzlosen, die sich wie Robin Hood in den Dienst der Schwachen stellten, traf den Nerv der Zeit. Auch die japanische Bevölkerung hatte die Bevormundung durch die Shogune satt.

Den Grundstock für die Irezumi-Tattoos lieferten die "Suikoden"-Illustrationen von Katshushika Hokusai und Utagawa Kuniyoshi, die die vier Rebellen mit ihren Hautmotiven und den in den Geschichten beschriebenen Motiven künstlerisch umsetzten. Typische Irezumi-Motive sind Drachen und Kirschblüten, Leoparden, Tiger oder auch Affen.

Utagawa Kuniyoshi prägte die Stilrichtung zusätzlich, indem er die Motive in einen Wellen- und Wolkenhintergrund einbettete.

Von großer Wichtigkeit beim Irezumi ist die Stimmigkeit der Motive, die vom Tätowierer eine sehr gute Kenntnis der japanischen Geschichte, Mythologie und Kunst verlangt. Irezumi wird oft als Synonym für die japanische Ganzkörpertätowierung, den sogenannten Anzug, verwendet.

Warum lassen sich Menschen tätowieren?

Rocker von hinten: Auf seiner Lederjacke steht der Schriftzug 'Hells Angels'. In seinen Nacken hat er den gleichen Schriftzug eintätowiert.

Tätowierung als Zeichen der Gruppe

Die Gründe dafür, Bilder auf der Haut zu verewigen, sind so individuell wie der Mensch selbst. Bei frühzeitlichen Tätowierungen geht man von einem Stammesritual oder von einem kultischen Hintergrund aus.

In Ägypten sollte eine Tätowierung dem Verstorbenen Kraft und Fortpflanzungsfähigkeit im Jenseits geben. Bei den Ainu, den Ureinwohnern Japans, erkannte man an einer Tätowierung rund um den Mund den Status eines erwachsenen Eheweibs. Afrikanische Stämme drückten den Zusammenhang von Zeugung, Geburt, Tod, Kraft und Mut aus.

Religiös ist der Hintergrund bei den Hautzeichen der Frühchristen. Sie ließen sich die Anfangsbuchstaben Christi, CX oder I.N. (Jesus Nazarenius), oder Symbole des Christentums wie Lamm, Kreuz oder Fisch auf die Stirn oder das Handgelenk stechen.

Die Kreuzritter im Mittelalter stachen sich ebenfalls ein Kreuz in die Haut. Ohne diese Identifizierung, so ihr Glaube, war einem Kämpfer im muslimischen Morgenland die christliche Ruhestätte nicht sicher.

Ob Seeleute, Fremdenlegionäre, die japanischen Mafiosi der Yakuza, Angehörige der SS im Zweiten Weltkrieg, Prostituierte und Zuhälter oder Mitglieder der Rockerbande Hells Angels – (Rand-)Gruppen nutzen bis heute Tätowierungen als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit. Im NS-Konzentrationslager Auschwitz bekamen die Häftlinge eine Nummer auf den Arm tätowiert, um Leichen ohne Kleidung und geflohene Häftlinge identifizieren zu können.

Mit Leopardenmuster am ganzen Körper tätowierter Mann.

Machte Furore mit seinem Leopardenoutfit: Tom Leppard

Die Kunst auf der Haut diente auch als Broterwerb: Auf Jahrmärkten und in Kuriositätenkabinetten verdienten sich Menschen mit ihrer Zurschaustellung den Lebensunterhalt.

Ein Beispiel aus heutiger Zeit ist der zu 99,9 Prozent tätowierte Schotte Tom Leppard. Mitte der 1980er Jahre ließ er sich sein Leoparden-Design anlegen und seine Eckzähne spitz feilen. Lange Zeit war er im "Guinness Buch der Rekorde" als der am vollständigsten tätowierte Mensch aufgeführt.

Tätowierungen waren und sind oft Ausdruck einer Gegenkultur, die sich gegen geltende Normen richtet. Doch wie viele andere Protesthaltungen ist auch das Tätowieren längst salonfähig geworden: Prominente Sänger, Schauspieler und Sportler lassen sich genauso tätowieren wie Bankangestellte, Lehrer und Studenten.

Individuelle, möglichst fantasievolle Tattoos, sind Kult, gelten als modisch, erotisch und schick. Auch der psychologische Aspekt, seelische Befindlichkeiten für alle sichtbar auf der Haut zu tragen, hat sich in den letzten Jahren verstärkt.

Autorin: Beatrix von Kalben

Stand: 21.01.2016, 13:00

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