Studentenverbindungen

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Studentenverbindungen

Narben im Gesicht, eigenwillige Trink -und Feierrituale, Seilschaften bis in die höchsten Zirkel der Macht - über Studentenverbindungen kursieren viele Mythen und Halbwahrheiten. Doch die Realität ist vielschichtig, das Spektrum groß: Manche Verbindungen existieren seit dem 19. Jahrhundert nahezu unverändert, andere haben sich aktuellen Strömungen angepasst. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zur Tradition und ein eher konservatives Weltbild.

Verschiedene Arten von Verbindungen

Gruppenfoto einer schlagenden Studentenverbindung aus dem Jahr 1902.

Liebe zur Tradition und konservatives Weltbild

Studentenverbindungen (Korporationen) werden in ihrer Gesamtheit oft als Burschenschaften bezeichnet, doch die Burschenschaften bilden nur einen Teilbereich unter den Korporationen. Studenten schließen sich außerdem noch in Corps, Landsmannschaften, konfessionellen Verbindungen, Turner-, Sänger- und Jägerbünden zusammen. Das Leben in einer Verbindung folgt bestimmten Ritualen und Zwängen, denen sich die Mitglieder unterwerfen müssen und die bei Außenstehenden oft auf Unverständnis stoßen. Diese sind sehr unterschiedlich: Manche Verbindungen geben sich über die Wahl bestimmter Kleidung und Symbole zu erkennen (farbentragend), andere, sogenannte schlagende Verbindungen, praktizieren Fechtkämpfe (Mensuren), die oft mit Verletzungen enden.

Gemeinsam ist allen Verbindungen die dreiteilige Mitgliedschaftsstruktur: Wer einer Verbindung beitreten will, muss sich erst eine gewisse Zeit als Fuchs (beziehungsweise Fux) bewähren. In dieser Probezeit (meist ein bis drei Semester) befasst sich der Fuchs mit Geschichte, Gepflogenheiten und Ritualen seiner Verbindung. Wenn die Gemeinschaft beschließt ihn aufzunehmen, wird er in einer feierlichen Zeremonie zum Burschen ernannt. Er ist während seines Studiums nun Teil der "Aktivitas" seiner Verbindung.

Nach Beendigung des Studiums wird er zum "Alten Herren", der seine Verbindung weiter nach Kräften unterstützt. Denn es gilt das Lebensbundprinzip: Wer einmal Mitglied ist, bleibt dies in der Regel für immer. Das bedeutet: Alte Herren, die im Berufsleben stehen, unterstützen ihre Verbindung finanziell. Zudem finden sich Korporierte überdurchschnittlich oft in Führungspositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung und helfen ihren Bundesbrüdern auch beruflich weiter.

Gründung der Jenaer Urburschenschaft

Burschenschaftsfahne und Schwert 1816.

Eine der ersten Burschenschaftsfahnen aus dem Jahr 1816

Seit im 11. Jahrhundert die ersten europäischen Universitäten entstanden, schlossen sich Studenten in "Bursen" oder "Collegia" zusammen. Dort fanden sie Schutz, Geselligkeit, oft sogar eine Ersatzfamilie. Im deutschsprachigen Raum geschah dies in Form von Landsmannschaften, wo sich Studenten, die aus derselben Region stammten, meist unter dem Namen ihrer Herkunftsregion (zum Beispiel "Westphalia", "Saxonia") zusammenfanden. Einheit demonstrierten sie durch das Tragen bestimmter Kleidungsstücke, deren Farbe auf die Heimat verwies. Anfang des 19. Jahrhunderts gingen aus den Landsmannschaften die ersten Corps hervor, die zumeist aus adligen Studenten bestanden.

Nach der Französischen Revolution 1789 fielen die Gedanken der Aufklärung und das Prinzip der Volkssouveränität auch in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Das Bürgertum wollte sich stärker in die Politik einbringen. Allerdings bestand Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts aus vielen Kleinstaaten, die zudem zu großen Teilen durch Napoleons Truppen besetzt waren. Der Wunsch nach nationaler Einheit war groß - auch unter Studenten.

Am 12. Juni 1815 schlossen sich verschiedene Landsmannschaften, Corps und freie Studenten in Jena zur sogenannten Urburschenschaft zusammen. Ein Vorstand wurde gewählt und eine Verfassung beschlossen. Dort fanden sich einige liberal-demokratische Ideen: Alle Mitglieder wurden gleich behandelt, Herkunft und Geburt spielten keine Rolle, Beschlüsse sollten demokratisch gefasst werden. Doch es gab auch Elemente nationalistisch-völkischer Ideologie. Das gemeinsame Vaterland wurde mythologisch verklärt; es wurde zur "heiligen Pflicht" erklärt, "die vorherige Ehre und Herrlichkeit unseres Volkes" wiederherzustellen. Als Verbindungsfarben wurde Schwarz-Rot-Gold gewählt - die späteren Nationalfarben.

19. Jahrhundert: zwischen Fortschritt und Konservatismus

Verbindungsstudent posiert in voller Montur 1890.

Männliches Leitbild im Kaiserreich: der Corpsstudent

Im März 1819 wurde der Autor August von Kotzebue, der sich über die Deutschtümelei vieler Studenten lustig machte, von dem Burschenschafter Karl Sand ermordet. Als Folge kam es zu den Karlsbader Beschlüssen: Die deutsche Burschenschaft und alle deutschen Verbindungen wurden verboten.

Viele Verbindungen waren jedoch weiterhin tätig und radikalisierten sich im Untergrund. Auf dem Hambacher Fest 1832 und während der Revolution 1848/49 machten die sogenannten Progressstudenten von sich reden. Sie hatten eine bürgerlich-demokratische Gesinnung und die Überwindung der Aristokratie zum Ziel. Mit dem Scheitern der Revolution 1848/49 war allerdings auch die Progressbewegung am Ende. Das Streben der Studenten nach bürgerlicher Emanzipation wurde zunehmend durch reaktionäre Einstellungen ersetzt. So verschwanden auch die Unterschiede zwischen den monarchistisch-konservativen Corps und den zum Teil republikanisch gesinnten Burschenschaftern. Organisation und Ziele glichen sich an, man praktizierte dieselben Rituale wie zum Beispiel das studentische Fechten, zudem trugen die meisten Korporierten stolz ihre Farben (Couleur) zur Schau.

Von der Reichsgründung 1871 bis zum Ersten Weltkrieg erlebte das Verbindungswesen seine Blütezeit. Besonders die Corpsstudenten galten als Leitbild, wie ein junger Mann in der Kaiserzeit zu sein habe: vornehm, mit strammer Haltung, an militärischen Werten orientiert und von der eigenen Überlegenheit als Elite überzeugt. Frühere Corpsstudenten waren in allen Führungspositionen des Staates zu finden, bis hin zu Reichsgründer Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm II.

Zum übersteigerten Nationalgefühl, das in den meisten Verbindungen herrschte, kam ab den 1880er Jahren ein immer stärker werdender Antisemitismus. Auch Sozialdemokraten und Frauen, die sich ab 1900 erstmals an den Universitäten einschreiben durften, hatten keine Chance auf Mitgliedschaft.

Von Weimar bis zur Wiedervereinigung

Katholische Verbindungsstudenten bei einer Feier 1951.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Verbindungen wiederbelebt

In der Weimarer Republik gingen die Studentenverbindungen auf Distanz zum Staat. Man hing vergangenen Zeiten nach, pflegte Rituale und Traditionen und driftete immer weiter ins politisch rechte Lager. In den meisten Verbindungen wurde Hitlers Wahl zum Reichskanzler begrüßt. Das Prinzip der Gleichschaltung machte in der Folge auch vor dem vielfältigen Verbindungswesen nicht halt. Der Nationalsozialistische Studentenbund wurde als alleinige studentische Organisationsform installiert; bis 1936 lösten sich alle anderen Verbindungen freiwillig auf oder wurden zwangsaufgelöst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den 1950er Jahren viele Verbindungen wiedergegründet. Als Mitte der 1960er Jahre die Studentenbewegung aufkam, hatte das auch große Auswirkungen auf die Verbindungen. Sie galten als antiquiert und hatten mit großen Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Viele Verbindungen mussten zeitweise ihren aktiven Betrieb einstellen. Erst Ende der 1980er Jahre erfuhren sie wieder größeren Zulauf. Konservative Weltbilder wurden wieder attraktiv, zudem durften sich nach der Wiedervereinigung auch die Studenten in Ostdeutschland zu Korporationen zusammenschließen.

Aktuelle Situation im 21. Jahrhundert

Studenten beim Fechten, 2004.

Rituale wie die Mensur werden auch heute noch gepflegt

Im neuen Jahrtausend geben die Studentenverbindungen ein sehr uneinheitliches Bild ab. Schätzungen gehen davon aus, dass zwei bis drei Prozent aller Studenten in Verbindungen organisiert sind. Ab den 1970er Jahren öffneten sich manche Verbindungen für Frauen, Ausländer und Angehörige nichtchristlicher Konfessionen. Zudem schafften viele Korporationen den Mensurzwang ab, sodass inzwischen die meisten der etwa 1000 Verbindungen, die es im deutschsprachigen Raum gibt, nichtschlagend sind.

Es existieren über 30 Dachverbände, deren Mitglieder teilweise höchst unterschiedliche Überzeugungen an den Tag legen - von liberal gesinnten Damenverbindungen bis zu rechtsextremen Burschenschaften, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Größte Gemeinsamkeiten sind die Traditionsverbundenheit, die oft in Konservatismus umschlägt, sowie das Lebensbundprinzip, das bis heute Gültigkeit besitzt.

Autor/in: Ingo Neumayer

Stand: 18.08.2014, 13:00

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