Angst im Kino

Der Regisseur Alfred Hitchcock posiert mit einer Möwe und einem Raben auf seinen Schultern.

Angst

Angst im Kino

Weit aufgerissene Augen, feuchte Hände, der Körper tief in die Polster gedrückt - ein spannender Kinofilm ist wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Neben Herz und Schmerz ist das wichtigste Gefühl: die Angst. Doch wieso geht man ins Kino, um sich Angst machen zu lassen? Und wieso bekommt man überhaupt Angst?

Auf der Suche nach dem Thrill

Das Porträt-Foto zeigt Alfred Hitchcock in fortgeschrittenem Alter im schwarzen Anzug und Krawatte

Meister der Spannung: Alfred Hitchcock

Der Thrill sei der Weg zur Lust über die Angst, meint der Filmkritiker Georg Seeßlen. Wer ins Kino geht, will also nicht unbedingt ängstlicher wieder herauskommen als er hineinging, sondern ist auf der Suche nach einem "Kick", einem Lustgewinn. Der Lustgewinn ist der Ausstieg aus dem Alltag.

Alltag ist ja schön und gut, aber viele wilde Gefühle, die in uns schlummern, haben in ihm keinen Platz. Nur an der Seite eines Leinwandhelden können wir in aller Öffentlichkeit schreien, flüchten, kämpfen, heiße Küsse erbeuten und alle normalen Regeln verletzen. Doch der Weg zum Austoben der Gefühle führt häufig über die Angst, das Gruseln, den wohligen Schreck.

Angst bricht Alltag auf

In Alfred Hitchcocks "Die 39 Stufen" wird Richard Hannay (Robert Donat) von einer Frau um Hilfe gebeten, die ihm von feindlichen Agenten erzählt. Hannay glaubt ihr nicht und will damit auch nichts zu tun haben. Doch dann wird die Frau ermordet und er steht unter Verdacht.

Die Dramatik und die Angst vor Polizei und Agenten braucht es schon, um aus dem biederen Hannay einen Helden zu machen, der in einer atemlosen Jagd schreit, tobt, auf eigene Faust den Fall löst und zwischendurch auch einmal in einem Zugabteil eine wildfremde Blondine küsst, um nicht von seinen Verfolgern entdeckt zu werden.

Die wundersame Verwandlung, die zum Ausleben von wilden Gefühlen nötig ist, führt in vielen Filmen über die Angst des Helden. Angst ist im Thriller nicht die Krankheit sondern die Therapie, so Filmkritiker Seeßlen.

Die Angst des Zuschauers: "suspense"

Filmplakat des Alfred-Hitchcock-Films "The Rope" - Cocktail füe eine Leiche

Früh wurde mit "Suspense" Werbung gemacht

Zuschauer haben Angst, obwohl sie nicht selbst betroffen sind. Daran zeigt sich, dass Menschen soziale Wesen sind, die das Schicksal eines anderen nicht ganz von dem ihren trennen können. Aber neben dieser mitfühlenden Angst gibt es auch eine spezielle Angst, die nicht die Leinwandhelden, sondern nur die Zuschauer packt. Als Meister der Erzeugung dieser Angst gilt Sir Alfred Hitchcock, the "master of suspense".

In seinem Film "Rear window" (Fenster zum Hof) ist James Stewart an den Rollstuhl gefesselt und beobachtet die gegenüberliegenden Fenster. Er meint, einen Mörder entdeckt zu haben. Seine Freundin, Grace Kelly, dringt schließlich in die Wohnung des Verdächtigen ein und in diesem Moment kommt der Mörder zurück nach Hause.

Der am Rollstuhl gefesselte James Stewart sieht es, der am Kinosessel gefesselte Zuschauer sieht es, aber Grace Kelly ahnt nichts und keiner kann sie warnen. Das ist "suspense" - die Angst, die aus der Ohnmacht des Zusehens kommt.

Phobie, Paranoia, Panik – alles Kino

Eine Rotknievogelspinne

Für manche Menschen der blanke Horror

Es gibt wohl keine menschliche Angst, die nicht schon im Kino für Thriller oder Gruselfilme verwendet wurde. Wer denkt zum Beispiel bei der Arachnophobie, der Spinnen-Angst, nicht an den Grusel-Klassiker "Tarantula" (USA 1955), in der eine Giftspinne dank Wachstumsbeschleuniger zur Größe eines Hochhaus wächst.

Der Klassiker zur Höhenangst ist natürlich Alfred Hitchcocks "Vertigo". Hier bekommt nicht nur James Stewart Höhenangst, er therapiert sie auch mit einer Art Verhaltenstherapie und ist am Ende geheilt. In dem Moment stürzt allerdings seine Geliebte, Kim Novak, in die Tiefe.

Die Schauspielerinnen Jodie Foster und Kristen Stewart stehen sich gegenüber. Foster signalisiert ihrer Filmtochter mit dem Zeigefinger vor dem Mund leise zu sein.

Filmszene aus dem Film "Panic Room"

Mit Klaustrophobie, der Angst vor Enge, spielen Filme, die zum Beispiel in steckengebliebenen Fahrstühlen spielen. In "Panic Room" (USA 2001) von David Fincher flüchtet Jodie Foster vor Einbrechern mit ihrer Tochter (Kristen Stewart) in einen geheimen, gut ausgestatteten Hochsicherheitsraum für besonders Ängstliche, der zur Falle wird.

Paranoia – dazu gehört und anderem Verfolgungswahn – ist das Gefühl, was nicht nur psychisch Kranke quält, sondern auch Leinwandhelden, die von einem Spionagering verfolgt werden, wie zum Beispiel bei Hitchcocks "Die 39 Stufen".

Kino als Bestätigung von Ängsten

Schauspieler Bruce Willis als Therapeut hört aufmerksam seinem Patienten zu, einem Jungen (Haley Joel Osment), der Tote sieht.

Szene aus dem Film "Sixth Sense"

Fast jeder Mensch schleppt irrationale Ängste mit sich herum. Wer sie äußert, erntet Spott, Mitleid oder bestenfalls einen guten Tipp, wie er sie los wird. Für verrückt gehalten zu werden ist frustrierend und das Schöne am Kino ist, dass dort die scheinbar Verrückten am Ende Recht behalten. Nicht sie, sondern die Umwelt irrt. Ihre Ängste sind berechtigt, denn es gibt die Riesenspinne oder den weltumspannenden Spionagering.

Kino ist die Auflösung von Alltag, die Umwertung von verrückt und nicht-verrückt - das ist für den Zuschauer beängstigend und befreiend zugleich. Zum Beispiel erzählt der Horror-Thriller "The sixth sense" (USA 1999) die Geschichte eines Jungen (Haley Joel Osment), der Tote sieht. Niemand außer sein Therapeut (Bruce Willis) glaubt ihm. Sonst niemand? Doch! Natürlich halten die Zuschauer zu dem Jungen und durchleben mit ihm seine Ängste - vielleicht, weil sie selber ihre eigene Welt gerne etwas "verrückter" sehen würden.

Autor: Jürgen Dreyer

Stand: 09.05.2016, 14:15

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