Der menschliche Gerechtigkeitssinn

zwei Personen halten zwei unterschiedlich große Kuchenstücke auf einem Teller.

Egoismus

Der menschliche Gerechtigkeitssinn

Alle Menschen wollen Gerechtigkeit – für sich und ihresgleichen. Denn was wir als gerecht ansehen, hängt stark von persönlichen Bedürfnissen und unserem sozialen Umfeld ab. Versuche zeigen: Das Gefühl für Gerechtigkeit entwickelt sich früher, als oft vermutet wird.

Der Gerechtigkeitssinn entwickelt sich früh

Schon Kleinkinder haben einen Sinn für Gerechtigkeit. Wenn anderen Kindern Süßigkeiten oder Spielsachen weggenommen werden, setzen sich bereits Dreijährige für die Geschädigten ein. Der Gerechtigkeitssinn der Kleinen umfasst aber nur das Verlangen nach gleichmäßiger Verteilung, also dass zum Beispiel jeder ein gleichgroßes Stück Kuchen bekommt. Bedürftigkeit erkennen die Dreijährigen noch nicht.

Mitmenschlichkeit entwickelt sich erst im Vorschulalter. Das fanden Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität in München durch Experimente mit dreijährigen und fünfjährigen Kindern heraus.

Zwei Teddybären mit unterschiedlich vielen Stickern.

Mit Teddys wird der Gerechtigkeitssinn erforscht

Sie konfrontierten die beiden Altergruppen mit zwei Teddybären, die unterschiedlich viele Aufkleber besaßen. Ein Teddy hatte wenige Aufkleber, der andere viele. Beide Gruppen bekamen die gleiche Aufgabe gestellt. Jedes Kind wurde dafür mit zwei Stickern ausgestattet und durfte entscheiden, ob es beide behalten oder einem der Teddys einen Sticker abgeben wollte.

Fünfjährige erkennen Bedürftigkeit

Während die Dreijährigen vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht waren und möglichst viele Sticker selbst behielten, konnten die Fünfjährigen schon unterscheiden, welcher Teddy weniger Aufkleber hatte und der "Bedürftigere" war. Sie gaben vor allem dem "armen" Teddy von ihren Stickern ab.

Bei einem zweiten Experiment bekamen die Kinder mehr Sticker und konnten sie unter den Teddys aufteilen. Auch hier beobachteten die Forscher, dass die Fünfjährigen dem "armen" Teddy mehr Aufkleber abgaben als dem "reichen" Teddy.

In den Experimenten waren die Kinder schon früh fähig, Unterschiede wahrzunehmen, und sie versuchten, einen Ausgleich zu schaffen. Die Entwicklungspsychologin Eveline Gutzwiller-Helfenfinger führt dieses Ergebnis jedoch auch auf die experimentellen Bedingungen zurück.

"Könnten die Kinder frei entscheiden, wie viele Punkte sie wem geben und wie viele sie behalten dürfen, dann würde das anders aussehen", sagt sie. Die Kinder verhielten sich in dem Fall weniger freigiebig.

Doch je älter Kinder werden, desto fähiger würden sie, Bedürftigkeit bei ihren Entscheidungen zu berücksichtigen, berichtet Gutzwiller-Helfenfinger. "Aber die Frage ist immer: Wie hoch sind die Kosten für einen selbst?" Der eigene Vorteil spiele stets eine Rolle.

Doch die Kinder lernten mehr und mehr, auch die Perspektiven anderer Menschen zu erkennen und in Beziehung miteinander zu setzen. Einen kleinen Knick in dieser Entwicklung beobachtet Gutzwiller-Helfenfinger bei den 14-Jährigen. Sie hätten stark ihren eigenen Vorteil im Kopf, erklärt sie. Doch das lege sich nach der Pubertät wieder.

Es gibt nicht DIE eine Gerechtigkeit

Was Menschen als gerecht und fair ansehen, kann sehr unterschiedlich sein. Denn persönliche Bedürfnisse und Lebenssituationen prägen das Verständnis von Gerechtigkeit. Außerdem vergleicht sich jeder einzelne Mensch, ebenso wie eine Gruppe von Menschen, immer mit seinem beziehungsweise ihrem sozialen Umfeld. Deshalb kann es in einer Gesellschaft völlig verschiedene Meinungen darüber geben, was gerecht oder ungerecht ist.

Menschen aus demselben Milieu haben oft eine ähnliche Auffassung davon, was sie als gerecht empfinden. Eine allgemeingültige Vorstellung von Gerechtigkeit existiert aber nicht. Damit das Zusammenleben in einer Gesellschaft trotzdem klappt, gibt es das Recht. Es ist das Werkzeug, mit dem Gerechtigkeit in einer Gesellschaft hergestellt werden soll. Das Recht ist allgemeingültig – für alle Mitglieder einer Gesellschaft.

Das Ich und die Anderen

Dass Gerechtigkeit herrscht, ist Menschen wichtig, wenn es sie selbst oder ihre Gruppe betrifft. Das ließe sich mit dem Konzept der Minimalgruppen Henri Tajfels erklären, sagt die Psychologin Gutzwiller-Helfenfinger.

Demnach benutzen Sozialwissenschaftler die gegensätzlichen Begriffe Eigengruppe (Englisch: Ingroup) und Fremdgruppe (Englisch: Outgroup), um Gruppen zu unterscheiden, denen ein Mensch sich zugehörig fühlt und mit denen er sich identifiziert, und Gruppen, auf die das nicht zutrifft.

"Die Anderen", erklärt Gutzwiller-Helfenfinger, "haben eine Eigenschaft, die sie von der Ingroup unterscheidet. Deshalb empfinden die Menschen der Ingroup nicht die gleiche Art von Gerechtigkeit für sie."

Ein Beispiel: Wenn jemand sagt, dass vor allem Leistung zählt, dann gehören für ihn Personen, von denen er denkt, sie leisteten weniger, nicht zur Ingroup. Diese Personen können daher keine sogenannte Leistungsgerechtigkeit einfordern. Sie verdienen weniger Geld als andere Menschen, weil sie weniger leisten, so die Logik.

Autorin: Annika Erbach

Stand: 28.09.2017, 09:00

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