Fans

Psychologie

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Die Bezeichnung "Fan" ist abgeleitet vom Wort "fanatisch". Doch nicht jeder, der sich besonders für eine Sache interessiert, fühlt sich als Fanatiker im üblichen Sinn. Die Bezeichnung alleine ist also etwas irreführend. Nicht zuletzt deswegen ist der Fan ein beliebtes Objekt in der wissenschaftlichen Forschung. Auch das Institut für Soziologie an der Freien Universität (FU) Berlin hat sich in einer großen Studie mit Fans und deren Leidenschaften beschäftigt.

Wann ist ein Fan ein Fan?

Einen Fan zu definieren ist nicht einfach, denn es gibt ihn nicht, den einen, typischen Fan. Vielmehr müsse man nach verschiedenen Kriterien unterscheiden, so Dr. Mike Schäfer, Leiter der Studie "Fans und Fantum" an der FU Berlin. Zunächst ist es wichtig zu betrachten, welches Fanobjekt jemanden begeistert. Und das kann alles Mögliche sein: vom Sport, über die Musik, aber auch Filme, ein Buch oder etwas ganz Anderes. Viele Fans würden sich dabei gar nicht als solche bezeichnen. Dr. Mike Schäfer erklärt: "Opernliebhaber würden wohl nicht sagen, sie seien Opernfans, und doch zeigen sie dieselben Strukturmerkmale, wie zum Beispiel Sportfans." Was alle Gruppen verbindet, ist die gemeinsame Leidenschaft für eine bestimmte Sache, die sie in ihrem Alltag nicht missen möchten.

Am roten Teppich fragen Fans Brad Pitt nach Autogrammen.

Viele Stars sind Fanobjekte

Denn ein Fan hat eine soziale Beziehung zu seinem Fanobjekt. Meistens ist dies eine Person oder Personengruppe, der er selbst nicht angehört. Ein einfaches Beispiel ist der Fußballfan. Er geht gerne in Stadion, studiert Tabellen und interessiert sich für die Startaufstellung beim nächsten Heimspiel. Mitspielen kann er aber nicht, das heißt, die Personengruppe ist ihm in einer direkten Beziehung kaum zugänglich. Außerdem ist die Gruppe "öffentlich". Das bedeutet, dass auch andere Menschen Fans der Mannschaft sein können und es sich nicht um ein Privileg handelt. Das ist wichtig, denn man würde ein Herrchen, das eine soziale Bindung zu seinem Hund hat, schließlich nicht als seinen Fan bezeichnen.

Zusätzlich zu diesem ersten Faktor zeichnet einen Fan aus, dass er ein "überdurchschnittliches" Maß an Emotionen und Leidenschaft für sein Fanobjekt aufbringt. Aber was bedeutet hier "überdurchschnittlich"? Um bei dem Fußballfan zu bleiben: Ein fußballinteressierter Nicht-Fan würde sich wohl ein Spiel anschauen und sich freuen, wenn viele Tore fallen, weil es so für ihn spannend ist. Ein Fan hingegen jubelt bei einem Tor seiner Mannschaft, ärgert sich, wenn sie in Rückstand gerät und beschimpft womöglich den Schiedsrichter bei unklaren Entscheidungen.

Der dritte Punkt, der einen Fan ausmacht, ist, dass er viel in sein Fanobjekt investiert. Das kann Zeit sein, aber häufig auch Geld. Unser Fußballfan wird es sich vermutlich nicht nehmen lassen, regelmäßig ins Stadion zu gehen oder verschiedene Fan-Artikel zu kaufen.

Drei Faktoren sind also fürs Fansein entscheidend: die soziale Beziehung zum Fanobjekt, ein überdurchschnittliches Maß an Leidenschaft und große Investitionen ins Fanobjekt.

Fan sein ist eine Entwicklung

Aufgewühlte Besucherinnen eines 'Tokio-Hotel'-Konzerts strecken die Arme zur Bühne.

Jugendliche Fans suchen Vorbilder

Man kommt nicht als Fan auf die Welt. Diese vermeintlich banale Aussage ist jedoch sehr wichtig, denn viele Leidenschaften entwickeln sich erst im Jugendalter. Und das hat einen Grund: Als junger Mensch hat man eine sogenannte Entwicklungsaufgabe. Soziologen bezeichnen diese Phase als die Zeit, in der ein Jugendlicher sich zu einer vollständigen Persönlichkeit entwickelt, sich sozial integrieren muss, aber auch seine Individualität festlegt. Dabei gibt es für die Teenager viele Anforderungen. Gleichzeitig haben sie aber auch mehr Freiheiten; sie dürfen zum Beispiel länger ausgehen oder verdienen das erste eigene Geld. In dieser Phase sortieren sie ihre Welt um - weg von der Familie, hin zu den Freunden. Während bisher meist die Eltern als Bezugsperson galten, suchen sich junge Menschen nun neue Vorbilder und finden sie immer häufiger in Stars, wie Sportlern oder Musikern, die dann zu ihren Fanobjekten werden.

Dieses Phänomen ist nicht neu, sagt Dr. Mike Schäfer. Den Versuch, sich in der Pubertät von der Familie, traditionellen und religiösen Werten oder dem Druck der Gesellschaft abzugrenzen, gab es schon immer. In der jüngeren Geschichte ließen sich zum Beispiel Beatles-Fans die Haare wachsen, um so gegen ihre "spießigen" Eltern zu rebellieren. 

So ist es auch verständlich, dass es besondere "Jugendfanobjekte" gibt, die sich von den Objekten Erwachsener unterscheiden. Viele junge Mädchen verlieben sich zum Beispiel in Mitglieder von Musikbands und entwickeln somit eine besonders enge emotionale Bildung zu ihrem Fanobjekt. Am Ende der Pubertät flacht dieses Interesse jedoch oft ab, da dem Fan klar wird, dass er sich unrealistische Hoffnungen gemacht hat. Das Fanobjekt ist dann nicht mehr interessant.

Außergewöhnliche Fanobjekte

Zwei Star-Wars-Fans in Kostümen kämpfen mit Plastik-Laserschwertern.

Ganz nah dran am Original

Ähnlich wie jugendliche Fans möchten sich auch Fans sehr außergewöhnlicher Objekte von ihrer Umwelt abgrenzen. Fußball oder Pop-Musik wäre für sie zu gewöhnlich. Im Internet findet man beinahe unzählige Fanclubs für die unterschiedlichsten Dinge. So gibt es zum Beispiel leidenschaftliche Anhänger einer bestimmten Achterbahn, der sie von Kirmes zu Kirmes hinterher reisen oder einer speziellen Sorte Wein, der ebenso ein Internet-Fanportal gewidmet wurde wie einer einzigartigen Schlangenrasse.

Dr. Mike Schäfer erklärt dies ebenfalls mit der Suche nach Individualität. Noch vor 50 Jahren bewegten sich die Menschen in Deutschland in einem engeren gesellschaftlichen Korsett. Andere Interessen zu haben oder anders auszusehen als die breite Masse, war verpönt. Dieses strikte Gesellschaftsbild hat sich inzwischen langsam aufgelöst und erlaubt den Menschen damit einen größeren Handlungsspielraum. In der Soziologie bezeichnet man diese Tendenz zur Individualisierung auch als "Identität basteln". Ein Fanobjekt gehört zu dieser Phase oftmals dazu. Ermöglicht wurde diese Entwicklung vor allem dadurch, dass den Menschen heute viel mehr Fanobjekte zugänglich sind. Grund dafür sind vor allem die neuen Medien. Besonders im Internet stößt man auf ganz neue Dinge, die einen interessieren und sogar als Fan fesseln können. Zum Teil entstehen so ganz neue Subkulturen, wie zum Beispiel in der Independent-Musik-Szene.

Doch die Vielzahl an Möglichkeiten kann auch beschränken. Wer sich abgrenzen möchte, reagiert schnell ungehalten, wenn das vermeintlich besondere Fanobjekt, durch die schnelle Verbreitung zum "Mainstream" wird.

Fanatismus: selten, aber vorhanden

Ein Borussia-Mönchengladbach-Fan hält im Stadion seinen Schal hoch.

Gefangen im Fanobjekt

Extreme Fans sind die Ausnahme, aber es gibt sie dennoch. In der Studie der FU Berlin beantworteten weniger als zehn Prozent der Teilnehmer die Frage "Würdest Du sagen, dass das Fanobjekt Deinen Alltag bestimmt?" mit einem klaren Ja. Für die meisten Fans ist ihre Leidenschaft oder ihr Idol also nicht Lebensinhalt. Dennoch, so Dr. Mike Schäfer, gibt es auch Fälle, in denen die Liebe zum Fanobjekt so stark ausgeprägt ist, dass viele negative Konsequenzen drohen. Extreme Fans konzentrieren sich nur noch auf das Fanobjekt, vernachlässigen Freunde, Familie oder riskieren sogar Beziehungen. Der Autor Christoph Biermann hat eines seiner Bücher nach einem Zitat eines Fußballs benannt, der zu seiner Mutter sagte: "Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen." Und Dr. Mike Schäfer berichtet von einem Musikfan, der "seiner Band" drei Wochen lang durch Portugal hinterher reiste und sich während dieser Zeit mehr als 20 Konzerte ansah.

Solche Fans neigen dazu, ihren Freundeskreis komplett umzusortieren: Wer das Fanobjekt kritisiert oder die Leidenschaft nicht teilt, wird ausgeschlossen. Im extremen Fall haben diese Menschen nur noch Fans als Freunde. Gerade bei Fanobjekten, deren Anhänger hauptsächlich Jugendliche sind, passiert das häufig.

Doch was zunächst erschreckend klingt, kann sich langfristig auch positiv auswirken. Viele extreme Fans knüpfen durch ihr Hobby oftmals Freundschaften, die auch noch bestehen, wenn das Interesse am Fanobjekt abgeebbt ist.

Autorin: Jennifer Dacqué

Stand: 23.07.2015, 09:00

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