Vom Kampfgenossen zur Ersatzfamilie - Freundschaft im Wandel

Freundschaft

Vom Kampfgenossen zur Ersatzfamilie - Freundschaft im Wandel

Freundschaften zwischen Menschen gab es zu allen Zeiten. Allerdings spielte sich Freundschaft bei unseren Vorgängern auf einem ganz anderen Niveau ab. Bei den alten Griechen ging es meist um Nehmen und Geben - eine Freundschaft war in erster Linie eine gut funktionierende Zweckgemeinschaft. Seither mühen sich Dichter und Denker mit diesem zwischenmenschlichen Phänomen ab - und belegen dabei, wie sehr sich der Begriff der Freundschaft im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat.

Von Mitstreitern und Weggefährten

Illustration junger kämpfender Männer in Sparta.

Kampfgefährten als Freunde

In der Antike wäre die Hassliebe zwischen Helmut Kohl und Franz Josef Strauß vielleicht als Freundschaft durchgegangen - seitdem sind die Ansprüche an Freunde jedoch stetig gewachsen. Doch damals waren Freunde vergleichsweise leicht zu finden: In den Epen Homers waren sie zumeist entweder Kampfgenossen oder Verwandte - oder beides. Wer also in der Schlacht neben mir kämpfte, musste demnach mein Freund sein. Auch Aristoteles beschrieb eine Reihe von Verhältnissen als Freundschaften, die wir heute maximal als entfernte Bekanntschaften oder Zweckgemeinschaften einstufen würden.

Dennoch spielte das Thema Freundschaft schon in der griechisch-römischen Antike eine große Rolle. In vielen Schriften geht es um diese besondere Verbindung zwischen zwei Menschen. Die erste wissenschaftliche Analyse zum Thema lieferte Aristoteles mit seiner Ethica Nicomachea. Vor allem bei Diskussionen um die Ethik ging es häufig um das Wesen der Freundschaft. Doch Theorie und Praxis waren nicht unbedingt eins: Wer in der Antike befreundet war, hatte nicht automatisch einen Seelenverwandten an seiner Seite - in der römischen Republik waren Freunde zumeist lediglich politische Weggefährten.

Wahre Freundschaft

Mosaik mit Ringkämpfern.

Historisch: wahre Freundschaft durch gemeinsamen Zeitvertreib

Doch schon Aristoteles lobte das Ideal einer Freundschaft - "das ist eine Seele in zwei Körpern". Er nannte sie Tugend- oder Charakterfreundschaft. Als Voraussetzung für eine solche Bindung beschrieb Aristoteles den alltäglichen Umgang miteinander. Auch der französische Philosoph Michel de Montaigne lobte im 16. Jahrhundert in seinen Essays die vollkommene Freundschaft - ein inniges Zweierding - die er gegen die gewöhnliche Freundschaft oder Bekanntschaft abgrenzte: Freundschaft versus Kumpeltum.

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten sich zunehmend Freundschaften außerhalb des Hauses. Man traf sich in Salons und verbrachte Zeit miteinander. Damit hatte die Freundschaft keinen weiteren Zweck als die Freundschaft selbst. Durch die zunehmende Trennung von Arbeit und Privatleben gab es plötzlich Zeit für Freunde. Für den Philosophen Johann Gottfried Herder war dieses gemeinschaftliche Leben mit anderen das "Mark der wahren Freundschaft".

Freundschaft war Männersache

Historisch betrachtet war Freundschaft eine Angelegenheit unter Männern. In der Antike galt Freundschaft als männlich besetzt, auch im Mittelalter wurde dieser Begriff fortgeführt. In der zeitgenössischen Literatur wird die freundschaftliche Bindung zwischen Frauen als minderwertig beschrieben. Die Beteiligten hätten zwar die Fähigkeit zur Zuneigung - allerdings fehle Frauenfreundschaften bedauernswerterweise der geistige Inhalt.

Erst im Zuge der europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert bricht ganz langsam das Vorurteil, dass Frauen nicht zu Freundschaften fähig seien. Trotzdem waren Männerfreunde - wie Schiller und Goethe - noch lange die Prototypen. Und das, obwohl Schiller einmal äußerte, dass er Goethe wie "eine stolze Prüde" empfinde, der man "ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen". Doch trotz Neid und Konkurrenz, was beiden zu Beginn ihrer freundschaftlichen Beziehung zweifellos anhaftete, galten die berühmten Dichterkollegen als große Männerfreunde. Ein unschlagbares Traumteam - der Inbegriff einer großen Männerfreundschaft. Viele sollten folgen: Karl Marx und Friedrich Engels - Tom Sawyer und Huckleberry Finn - George Clooney und Brad Pitt.

Goethe- und Schillerdenkmal in Weimar.

Konkurrenten und Freunde: Schiller und Goethe

Erst seit einigen Jahrzehnten wandelt sich das Ideal der Männerkumpanei: Heute gilt die Beziehung zwischen schweigenden Sportkumpels als minderwertig, während weibliche Attribute - liebevoll, fürsorglich, verlässlich - in Freundschaften in den Vordergrund treten. Inzwischen gelten Frauen als die besseren Freunde. Eine Revolution, meinen Soziologen.

Freunde schubsen die Familie von der Couch

Schauspieler der Serie "Friends" sitzen auf einem Sofa.

In der Serie "Friends" helfen Freunde im Alltag

Dem Wandel der Zeit sind noch weitere Aspekte der Freundschaft unterworfen: Noch vor einigen Jahren war die Familie in Sitcoms wie "Eine schrecklich nette Familie" oder "Die Bill Cosby Show" der Mittelpunkt des Geschehens. Die Familie saß auf der Couch, während die Freunde kamen und gingen.

Einige Jahre später saßen bei der US-amerikanischen Serie "Friends" bereits die Freunde auf dem Sofa und durchlitten gemeinsam Lebenskrisen wie Arbeitslosigkeit und Liebeskummer. Die wichtigen Themen des Lebens - Liebe, Beziehung, Bindung und Karriere - wurden hier fernab der Familie unter Gleichgesinnten abgehandelt.

Ein Spiegelbild der Realität. Denn für Soziologen ist klar, dass Freunde heutzutage mehr und mehr die Familie ersetzen. Inzwischen werden sogar Modelle überlegt, in denen Freunde pflegende Tätigkeiten im Alter übernehmen - noch vor einigen Jahren undenkbar. Das Versorgen der Alten war Sache der Familie. Doch in Zeiten brüchig werdender Verwandtschaft, kurzlebiger Partnerschaften und eines überlasteten Wohlfahrtsstaats kann der Freundeskreis zu einer echten Alternative werden.

Autor/in: Anke Riedel

Stand: 06.01.2015, 12:00

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