Gewalt

Ein Mann schlägt eine Frau.

Psychologie

Gewalt

Mord und Totschlag, Killerspiele und Amokläufer, Vergewaltigung und Kindesmisshandlung: An all das denkt man beim Wort Gewalt.

Doch der Begriff hat noch mehr Bedeutungen, auch neutrale und positive. So sagt man zum Beispiel, wenn man von etwas begeistert ist oder jemanden lobt: "Das war gewaltig." Und bei der Gewaltenteilung im Staat ist der Begriff sachlich und unparteiisch. Das Wort Gewalt selbst stammt übrigens aus dem Althochdeutschen: Da bedeutete "waltan" so viel wie stark sein oder beherrschen.

Materielle und immaterielle Gewalt

Der Blick in die deutsche polizeiliche Kriminalstatistik zeigt: Gut 6,3 Millionen Straftaten wurden im Jahr 2015 erfasst. Fast jeder 35. Fall davon zählte als Gewaltkriminalität: 181.386 Fälle in dem Jahr, rund 503 pro Tag.

2116 Fälle von Mord und Totschlag führt die Liste auf, 7022 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung, 44.666 Raubdelikte und 127.395 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung. All diese Fälle sind Beispiele für die sogenannte materielle Gewalt. Dabei wird eine Person, ein Tier oder ein Gegenstand angegriffen und physisch geschädigt.

Immateriell ist Gewalt hingegen, wenn sie psychisch ausgeübt wird, etwa durch demütigende Worte oder Liebesentzug. Isolationshaft, Schlafentzug, Reizentzug, Waterboarding und ähnliche Methoden der psychischen Gewalt werden auch als "weiße Folter" bezeichnet, weil hierbei das Opfer gefoltert wird, aber keine körperlichen Spuren zu sehen sind – die Seele hingegen kann dabei stark beschädigt werden.

Gewalt verfolgt verschiedene Ziele

Ein Kind hält schützend beide Hände vors Gesicht.

Immer gegen den Willen des Opfers

Warum Menschen Gewalt anwenden, kann verschiedene Gründe haben: Mal soll einer Person – gegen ihren Willen – Schaden zugefügt werden; mal soll das Opfer dem eigenen Willen unterworfen werden; und mal soll die Gewalt als Gegengewalt auf eine vorangegangene Tat gelten. Der Zweck einer Gewalttat lässt sich auch noch anders unterscheiden: instrumentell, wenn der Täter mit der Gewalt ein bestimmtes Ziel erreichen möchte, expressiv hingegen, wenn der Täter zur Selbstdarstellung gewalttätig wird.

Der Sozialtheoretiker Jan Philipp Reemtsma unterscheidet drei Typen: die lozierende Gewalt, die raptive Gewalt und die autotelische Gewalt. Bei der lozierenden Gewalt soll jemand oder etwas "entfernt" werden, damit der Weg zu den eigenen Interessen frei wird – Beispiele sind Mord und Krieg.

Raptive Gewalt bedeutet, sich eines anderen Körpers zu bemächtigen, um ihn dann für seine eigenen Interessen zu nutzen – das geschieht etwa bei einer Vergewaltigung. Und autotelisch bedeutet Selbstzweck; hierbei wird also Gewalt um ihrer selbst Willen ausgeübt, vor allem als Lustgewinn – wie etwa beim Foltern.

Gewalttätige Männer, gewalttätige Frauen

Männer sind gewalttätiger als Frauen, sagen die einen. Nein, Frauen sind schlimmer, sagen die anderen. Seit Jahren streiten Wissenschaftler darüber, was nun stimmt. Für jede Position gibt es Studien, die die eigene Meinung untermauern. Doch selbst Überblicksartikel, sogenannte Meta-Analysen und Reviews, kommen zu keinem eindeutigen Schluss.

Eine Frau zerrt während eines Streits an den Haaren ihres Partners.

Frauen sind nicht immer nur Opfer

Aus dem Rahmen fällt eine Studie aus Großbritannien, bei der 271 einjährige Kinder untersucht wurden: Jeweils drei Babys kamen um ihren ersten Geburtstag herum mit ihrer Familie in das Labor der Forscher, das wie für eine echte Geburtstagsparty dekoriert war, Spielzeug für alle inklusive.

Dort beobachteten die Psychologen, wie sich die Babys verhielten, ob sie zum Beispiel ein anderes Kind mit einem Spielzeug schlugen: "Es wurden keine Geschlechtsunterschiede in der Aggressivität beobachtet", schrieben die Forscher 2011. Allerdings habe sich gezeigt: Jene Babys, deren Mutter während der Schwangerschaft an Gemütsstörungen gelitten hatte oder eine Vorgeschichte mit Verhaltensproblemen aufwies, waren aggressiver als die anderen.

Vielleicht lässt sich das Dilemma, ob nun Frauen oder Männer gewalttätiger sind, so auflösen: Männer neigten eher zu direkter, nach außen gerichteter, körperlicher Gewalt, und Frauen bevorzugten indirekte, verdeckte Aggressionen, meint der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth.

Soll heißen: Männer schlügen eher zu, Frauen würden eher Intrigen spinnen, stalken und beschimpfen. Einen Grund für diesen Unterschied sieht Roth in den ausgeprägten Geschlechterrollen: "Mädchen schlagen nicht" und "Ein Junge muss sich wehren können" seien nach wie vor gängige Erziehungsfloskeln.

Gewaltpotenzial im Gehirn entdecken

Eine geballte Faust in Nahaufnahme.

Gehirn beeinflusst Schlag-Potenzial

Ein anderer entscheidender Faktor für Gewalt könnte das Gehirn sein. Das legen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen von Roth und anderen Hirnforschern nahe. Am populärsten ist die Frontalhirn-Hypothese. Das Frontalhirn kontrolliert Angst, Ärger und Aggression.

Bei verurteilten Mördern war der Stoffwechsel in dieser Hirnregion weniger aktiv als bei nicht gewalttätigen Personen, hat der US-amerikanische Hirnforscher Adrian Raine herausgefunden. Allerdings galt dieses Ergebnis nur für jene Verurteilten, die im Affekt gehandelt hatten – jene Verurteilten, die den Mord lange geplant hatten, hatten ein normal funktionierendes Frontalhirn.

"Wenn man in so einem Gehirn sieht, dass ein Stück des Frontallappens fehlt, dann kann man vermuten, dass diese Menschen entweder gewalttätig sind oder zumindest ihre Impulse nicht zügeln können", folgerte der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth im Südwestrundfunk.

Dennoch: Es gibt nicht die eine Ursache dafür, dass jemand gewalttätig wird. Erfahrungen aus der Kindheit, eine vererbte Neigung zu Gewaltausbrüchen und andere Faktoren können eine Rolle spielen – entscheidend ist wohl eine Kombination von Risikofaktoren.

Autorin: Franziska Badenschier

Stand: 14.09.2016, 11:10

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