Gewalt bei Mädchen

Jugendgewalt in Deutschland

Gewalt bei Mädchen

Es gibt Risikofaktoren, die es wahrscheinlicher machen, dass ein Jugendlicher gewalttätig wird. Ein Junge zu sein, ist so ein Risikofaktor. Denn Jugendgewalt ist überwiegend Jungengewalt. Aber bleibt das so? Nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa tauchen immer häufiger junge Frauen in den Kriminalstatistiken auf. Sie bilden Gangs, klauen, schikanieren und schlagen zu.

Prügelnde Jungs und friedliche Mädchen?

Nahaufnahme von Mädchenaugen.

Sonst hol ich meinen Bruder? - Nicht nötig!

Männer sind risikobereit, stark und kämpferisch - behauptet das traditionelle Rollenbild. Männer sind die eindeutigen Träger der körperlichen Gewalt - besagt die Statistik. Das gilt auch unter Jugendlichen. Nur bei unblutigen Delikten, wie Schwarzfahren oder Diebstahl, liegen Mädchen und Jungen in den Statistiken der Polizei gleichauf. Jungen sind häufiger Mitglieder gewaltbereiter Gruppen als Mädchen und setzen Gewalt häufiger völlig grundlos ein, zum Beispiel als Mittel gegen Langeweile.

Im Vordergrund des Fotos ist eine Hand zu sehen, die ein ausgeklapptes Messer hält. Im Hintergrund verschwommen ein Junge vor einer graffitibesprühten Wand.

Die meisten Opfer körperlicher Gewalt sind Männer

Von Natur aus friedlich sind Mädchen deshalb noch lange nicht. Sie benutzen bloß eher ihren Kopf als ihre Fäuste, um Gewalt auszuüben. Das macht die Gewalt nicht weniger destruktiv. Psychische Gewalt sieht man dem Opfer zwar nicht so schnell an wie körperliche, aber sie muss genauso ernst genommen werden. Auch sie kann zu lebenslangen Schäden führen. Das Perfide: Oft erkennt nicht einmal das Opfer das Problem und sucht den Fehler bei sich.

Woher kommt die unterschiedliche Gewaltbereitschaft?

Rückansicht eines jungen Mädchens, das vor einem Spiegel sitzt und sich mit einem Teppichmesser in den Arm ritzt.

Gewalt kann auch ein Notruf sein

Wirklich einig sind sich die Wissenschaftler nicht darüber, warum Jungen und Mädchen unterschiedliche Arten von Gewalt anwenden. Sie diskutieren verschiedene biologische und soziale Faktoren. Einige Wissenschaftler glauben, dass die männlichen Geschlechtshormone aggressiv machen.

So zeigt sich bei Männern, die Testosteronpräparate einnehmen, dass die Aggressionsbereitschaft steigt. Studien belegen außerdem, dass Jungen weniger Angst vor physischer Gewalt haben als Mädchen. Körperliche Stärke kann keine Erklärung dafür sein, da Jungen überwiegend gegen Jungen gewalttätig werden.

Vielleicht liegt es daran, dass Mädchen stärker zur Gewaltfreiheit erzogen werden. Das klassische Rollenbild erwartet, dass Mädchen ihre Aggressionen unterdrücken, mitfühlend und fürsorglich sind. Aggressionen zu unterdrücken, kann jedoch gefährlich werden. Es kann dazu führen, dass sie verborgen ausgelebt werden oder sich gegen das eigene Ich richten. Mädchen leiden zum Beispiel häufiger an Essstörungen als Jungen und verletzen sich auch häufiger selbst.

Immer mehr gewalttätige Mädchen

Älterer Mann in schwarzer Robe hinter einem Stapel Akten.

Verfahren enden bei Jungen häufiger mit einer Verurteilung als bei Mädchen

Die Gewaltbereitschaft von jungen Frauen nimmt zu. Die Zahl der Täterinnen bei Körperverletzungsdelikten hat sich zwischen 1993 und 2007 verdreifacht. Besonders sehr junge Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren werden auffällig. In diesem Alter sind fast ein Drittel aller Tatverdächtigen weiblich. Gerade "schwere Körperverletzung" wird bei diesen jungen Mädchen immer häufiger.

Allerdings liegt das auch an der Etikettierung: Körperverletzung ist nämlich immer "schwer", wenn sie in einer Gruppe begangen wird - und Mädchen prügeln selten alleine. Es gibt Mädchengangs, aber sie sind nicht das typische Bild. Studien haben gezeigt, dass gewalttätige Mädchen auch in einer gemischten Gruppe hohes Ansehen genießen.

Die Motive, aus denen Mädchen gewalttätig werden, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der Jungen: Gewalt soll Konflikte lösen, in denen es um Respekt, Ehre, Status und Gerechtigkeit geht. Die Mädchen, die im Rahmen von Jugendbanden körperliche Gewalt ausüben, empfinden das als Zeichen von Emanzipation. Sie wollen sich nichts gefallen lassen, nicht das "schwache" Geschlecht sein.

Lernen am Modell?

Filmszene aus 'Kill Bill': Uma Thurman blickt konzentriert und zielt mit ihrer Pistole - auf wen, ist nicht sichtbar.

Uma Thurman in Kill Bill - schön blutig

Könnte die veränderte Einstellung der Mädchen zu körperlicher Gewalt auch etwas damit zu tun haben, dass es immer mehr Film- und Buchheldinnen gibt, die sich mithilfe körperlicher Stärke durchsetzen? Das wird zumindest heiß diskutiert. Anders als Lara Croft oder die Hauptfigur im Film "Kill Bill" setzen Mädchen jedoch sehr selten Waffen ein.

Glücklicherweise gilt auch für gewalttätige Mädchen: Die meisten durchlaufen nur eine aggressive Phase. Und die ist schneller vorbei als bei Jungen: Mädchen finden meist mit 18 schon wieder Wege, Konflikte verbal auszutragen. Bei vielen gewalttätigen Jungen dauert das noch drei Jahre länger.

Autorin: Christine Buth

Weiterführende Infos

Stand: 05.01.2016, 13:29

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