Interview: Sanfter Tourismus

Geschichte des Reisens

Interview: Sanfter Tourismus

Wer reist, sucht ein Paradies auf Zeit. Doch keine Sehnsucht ohne Schattenseiten: Ein einzelner Passagier etwa verursacht mit einem Flug auf die Bahamas so viel Kohlenstoffdioxid (CO2) wie zwei Mittelklassewagen ein ganzes Jahr lang. Vor Ort schuften die Hotelangestellten oft für Hungerlöhne, für die Ferienanlage mussten vielleicht Bauern ihre Felder aufgeben. Heinz Fuchs vom Evangelischen Entwicklungsdienst meint: Es geht auch anders. Mit seiner Informationsstelle "Tourism Watch" setzt er sich für mehr Solidarität im Tourismusgeschäft ein.

Planet Wissen: Was macht für Sie eine gute Urlaubsreise aus?

Kambodschaner im Freien beim Zubereiten von Speisen.

Das Gastland kennenlernen: Straßenszene in Kambodscha

Heinz Fuchs: Eine gute Urlaubsreise sollte unter fairen Bedingungen zustande kommen - fair vor allem für die Bevölkerung vor Ort. Das betrifft Arbeitsverträge und Löhne genauso wie den Umweltschutz: Wenn meine Ferienanlage mit schönen Pools und sattem Rasen glänzt, während ringsherum die Felder verdorren, läuft beim Wassermanagement gehörig etwas schief. Auch für den Küstenschutz, etwa für die Erhaltung seltener Korallenriffe oder anderer landschaftlicher Besonderheiten, muss gesorgt sein.

Wünschenswert ist außerdem, dass der Reisende auch die Chance erhält, mit seinem Gastland und dessen Bewohnern zusammenzukommen - und damit meine ich nicht nur Begegnungen zwischen Hotelgast und Kellner oder Zimmermädchen, sondern Begegnungen auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch.

Das alles bedeutet also "sanfter Tourismus"?

Ja, durchaus - wobei wir mit dem Begriff nicht unbedingt zufrieden sind. Es gibt auch keine international anerkannte Definition von "sanftem Tourismus", auch wenn darüber in unterschiedlichsten Gremien immer wieder diskutiert wird. Andere sprechen lieber von "nachhaltigem" oder "alternativem Tourismus".

Wir von "Tourism Watch" verwenden mittlerweile den Begriff "verantwortlicher Tourismus": Das rückt die Rolle der Menschen in den Mittelpunkt und zeigt, dass wir selbst Verantwortung für unsere Reisen übernehmen müssen.

Heißt das, es gibt Angebote, von denen man allein aus moralischen Gründen die Finger lassen sollte - zum Beispiel Urlaub in einer geschlossenen Ferienanlage oder besonders günstige All-inclusive-Pakete?

Ferienanlage mit Hotel, Pool und Liegestühlen an Sandstrand und blauem Meer. (Rechte: picture alliance)

Manchmal besser als ihr Ruf: Ferienanlagen

Mit Schwarzweiß-Kategorien kommt man in der Frage oft nicht weiter. Es kann Hotelanlagen geben, die manchem Alternativtouristen vielleicht zu steril sind, die aber sehr nachhaltig wirtschaften, indem sie zum Beispiel regenerative Energien nutzen. Da verbringt der Pauschalurlauber seinen Urlaub vielleicht sogar energieeffizienter als der Individualtourist.

Ein gutes Kriterium ist immer die Frage: Wie viel kommt von dem Geld, das meine Reise ins Land bringt, tatsächlich bei den Menschen an? Werden durch den Tourismus die Lebensbedingungen vor Ort verbessert? Wenn in Kenia auf dem Hotelbuffet Butter aus Dänemark und Rucola aus Italien stehen, hat die heimische Wirtschaft nichts davon - dann fließt ein Großteil des Reisepreises wieder hinaus aus dem Land.

Aber selbst dort, wo das Geld im Land bleibt, verdienen oft nur Großunternehmen oder mächtige Familienclans daran - etwa in Ägypten, wo es seit langer Zeit ein florierendes Touristikgewerbe gibt und gleichzeitig Hungeraufstände. Da wären Strukturen, die von kleinen und mittleren Betrieben getragen sind, auf jeden Fall gerechter. Und ja: Es gibt tatsächlich Reisepreise, etwa eine Woche Tunesien inklusive Flug für 200 Euro, da muss man sagen: Das kann zu fairen Bedingungen nicht funktionieren.

Wie kann ich das als Einzelner denn überhaupt alles herausfinden? Das hört sich an, als müsste ich vor jeder Buchung zunächst eine tagelange Recherche starten.

Natürlich will niemand den einzelnen Urlauber mit solchen Fragen überfrachten. Hier sind eindeutig auch die Reiseanbieter und die Politik in der Pflicht. Warum gibt es amtlich festgeschriebene Gesundheitsstandards für Lebensmittel oder Sicherheitsrichtlinien für technische Geräte, aber keine Vorschriften für Urlaubsreisen? Die Politik denkt noch immer, das ließe sich alles über freiwillige Selbstverpflichtungen regeln. Aber das stimmt leider nicht.

Ich bin oft völlig baff, wie wenig die großen deutschen Reiseveranstalter darüber Auskunft geben können, was genau in ihren Reisegebieten passiert: welche Auswirkungen ihre Angebote auf die regionale Wirtschaft haben, wie viele Menschen da vor Ort arbeiten und so weiter. Da fehlt es nach außen und in den Unternehmen selbst an Transparenz.

Warum gibt es denn für Urlaubsreisen keine Gütesiegel - wie etwa in anderen Branchen das Umweltzeichen "blauer Engel"?

Die gibt es durchaus – aber sie sind noch immer viel zu kleinteilig und oft auch lokal begrenzt, weswegen sie kaum einer kennt. Deutschland etwa vergibt die "Viabono"-Auszeichnung für nachhaltig geführte Hotels und Pensionen; in der Schweiz firmiert ein ähnliches Zertifikat unter dem Namen "Steinbock-Label"; auch Österreich kennt ein Umweltzeichen für Tourismus.

Selbst in Thailand gibt es das sogenannte "Green Leaf"-Zertifikat. Aber die Standards und Kriterien sind eben alles andere als einheitlich. Wir von "Tourism Watch" haben deshalb gemeinsam mit anderen Organisationen einen Wegweiser durch den Labeldschungel herausgegeben, den man im Internet kostenlos herunterladen kann.

Was kann ich noch tun, um mit gutem Gewissen zu reisen?

Fühlen Sie Ihrem Reiseanbieter ruhig mal auf den Zahn. Stellen Sie Fragen! Denn je mehr Kunden Auskunft verlangen, umso schneller werden die Unternehmen umdenken.

Bleibt das Problem der Fernflüge – so nachhaltig kann eine Ferienanlage gar nicht sein, dass sie all das CO2 wieder hereinholt, das der Flug produziert hat.

Flugzeug mit Kondensstreifen.

Das Problem bleibt: Fernflüge sind Klimakiller

Das ist in der Tat ein Dilemma, vor dem wir alle stehen. Ich sage mittlerweile: Wenn man auf Tourismus als Entwicklungsmotor setzen will, als Chance für ein Land, aus der Armut herauszukommen, dann gehören Flugreisen eben dazu. Andererseits wissen wir, dass dieser Planet keine Zukunft hat, wenn wir nicht unsere Emissionen drastisch reduzieren.

Ein pragmatischer Weg ist sicherlich, die Emissionen an anderer Stelle wieder einzusparen - etwa über Portale wie "atmosfair" oder den kirchlichen Kompensationsfonds "Klimakollekte": Da wird ausgerechnet, wie hoch die CO2-Emissionen Ihres Flugs sind, und Sie können dann einen entsprechenden Betrag spenden, um zum Beispiel Wiederaufforstungsprojekte zu unterstützen.

Generell muss man sich aber fragen, ob man längere Fernreisen nicht nur alle paar Jahre unternehmen sollte statt jährlich - und sie dann eben intensiver vorbereitet. Auch das kann einer Reise einen sehr hohen Wert geben.

Sie würden also nicht sagen, dass man lieber gar nicht mehr in den Urlaub fahren sollte?

Gerade in unserer globalisierten Welt finde ich, dass Begegnungen mit anderen Kulturen etwas sehr Bedeutendes sind - fast eine Notwendigkeit, wenn wir friedlich und verständnisvoll miteinander leben wollen. Nicht umsonst sagt man, jemand sei "bewandert" oder "erfahren": alles Begriffe, die sich vom Reisen herleiten. Interkulturelles Lernen, Erfahrungen mit dem Fremden, Toleranz sind genauso wichtig wie Nachhaltigkeit. Und ich denke, wir sollten auf keinen Fall beides gegeneinander ausspielen.

Interview: Kerstin Hilt

Stand: 20.04.2012, 13:00

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