Thomas Cook: Begründer des Massentourismus

Geschichte des Reisens

Thomas Cook: Begründer des Massentourismus

Thomas Cook - dieser Name steht heute auf Reiseschecks, Flugzeugen, Verkaufsbüros. Dahinter steckt ein Tourismus-Multi mit Milliardenumsätzen. Angefangen hat aber alles mit einem Mann, der nicht Geld verdienen, sondern die Welt verändern wollte: Der Laienprediger Thomas Cook, geboren 1808 in Mittelengland, hatte sich vorgenommen, die Menschheit von der Geißel des Alkoholismus zu befreien. Wie nebenbei hat er damit die Tourismusindustrie begründet.

Zugfahrt mit Schinkenbrot

Porträtbild Thomas Cook.

Thomas Cook (1808-1892)

Anfang Juli 1841 kennt das englische Städtchen Leicester nur ein Thema. Seit Tagen prangt im Schaufenster von Thomas Cooks Schreibwarenladen, ganz in der Nähe des Bahnhofs, ein großes Plakat. Ein Ausflug in die Nachbarstadt Loughborough wird darauf angepriesen: Hin- und Rückfahrt per Zug für nur einen Shilling, Schinkenbrot und Tee inklusive. Auch eine Blaskapelle soll spielen.

Die Nachfrage ist immens. Schließlich gibt es Eisenbahnen erst seit 15 Jahren, die meisten Engländer sind noch nie damit gefahren. Will man die nächste Ortschaft besuchen, machen sich arme Leute zu Fuß, etwas Wohlhabendere mit der Pferdekutsche auf den Weg - meist mit einem klaren Ziel vor Augen. Ein Abstecher aus reiner Neugier, sozusagen als Urlaubstag: Das hört sich für die meisten noch völlig fremd an. Wenn auch sehr verlockend.

Allerdings: Um Urlaub geht es Thomas Cook nicht. In Loughborough findet ein Protestmarsch der Abstinenzbewegung statt; Cook, im Nebenberuf baptistischer Prediger, will möglichst viele Gleichgesinnte dorthin mitnehmen. Alkohol ist auf der Fahrt dann auch streng verboten. Trotzdem verkauft er 540 Tickets und das nicht nur an Tiefgläubige. Da dämmert Thomas Cook, dass er auf eine Goldader gestoßen ist.

Schwieriger Start

Farbiger Stich von 1837, auf dem eine kleine Dampflokomotive aus dem Bahnhof herausfährt.

Reiz des Neuen: Dampflok von 1837

Unternehmensgründer, ja Wirtschaftspionier zu werden - das hatte man Thomas Cook wahrlich nicht an der Wiege gesungen. In arme Verhältnisse wird er hineingeboren; sein Vater stirbt, als Thomas drei Jahre alt ist. Schon mit zehn schlägt er sich als Gehilfe eines Gärtners durch. Dessen Waren muss er oft selbst auf dem Markt anpreisen: Sein Chef ist meistens zu betrunken.

Bereits von der Mutter religiös erzogen, kommt nun noch der Hass auf den Alkohol dazu. Parallel zu einer Tischlerlehre lässt sich Thomas Cook zum Laienprediger ausbilden und wird bald zu einem der bekanntesten Vertreter der Abstinenzbewegung in ganz Mittelengland. Nach Feierabend und am Wochenende reist er von Dorf zu Dorf. Sich in der Fremde zurechtzufinden und sich gut vermarkten zu können: Das lernt er schon jetzt.

Geburt der Pauschalreise

Werbeplakat für Touren nach Schottland, auf dem verschiedene Eisenbahntrassen in den Norden gezeigt werden.

Ganz England ist im Schottlandfieber

Nach Cooks erstem großem Coup von 1841, der Schinkenbrot-Fahrt nach Loughborough, kommt der organisierte Eisenbahnausflug schnell in Mode. Vor allem die Eisenbahnunternehmen selbst sind es, die darin ihre Chance wittern. Doch Thomas Cook ist Profi: Er merkt schnell, dass seine Kunden auch einen Reiseleiter wünschen und gewisse Extras. Das alles organisiert er mustergültig. Jedes Ausflugsziel hat er vorher genauestens erkundet; während der Reise ist ihm keine Nörgelei zu lästig, kein Wunsch zu unwichtig.

Glück hat er allerdings auch. Als 1847 mit Königin Victorias Reise nach Schottland in Großbritannien ein wahres Schottlandfieber ausbricht, ist Cook längst zur Stelle: Seit 1846 bietet er organisierte Reisen dorthin an. Anfahrt, Unterkunft, Verpflegung und Ausflüge sind im Preis inbegriffen – heute nennt man das Pauschalreise.

Cook, ein Einzelkämpfer ohne viel Eigenkapital, geht damit allerdings ein großes Risiko ein. So wird ein Teil der Route effektvoll mit dem Dampfschiff zurückgelegt. Dessen Betreiber hat sich nur auf Cooks Preisvorstellungen eingelassen, weil der ihm schon im Vorhinein fest zugesichert hatte, mindestens 1000 Tickets abzunehmen.

Unternehmer aus Überzeugung

Die Schottlandreisen werden ein Erfolg - Cook kann expandieren. Dabei kommt ihm auch zugute, dass Großbritanniens Wirtschaft boomt. Bislang war das Reisen dem Adel und der Wissenschaft vorbehalten gewesen; nun entsteht eine wohlhabende Mittelschicht, für die eine Ferienreise Abenteuer und Statussymbol zugleich bedeutet.

Und Cook weiß, was sein bürgerliches Publikum wünscht: Legendär werden etwa seine "Guide Books", praktische Reisehandbücher für die Kunden, in denen alles Wissenswerte über Reiseziel, Land und Leute zusammengefasst ist. Wieder zu Hause, kann man mit dem Buch in der Hand den Daheimgebliebenen stolz Bericht erstatten – und macht so kostenlos Werbung.

Bei all dem verfolgt Cook aber noch immer hehre Ziele. Selbst ist er nur wenige Jahre zur Schule gegangen; seine Kunden aber will er bilden, ihren Erfahrungshorizont erweitern. Und schließlich, da ist sich der Prediger in ihm sicher, ist eine Reise in jedem Fall ein besserer Zeitvertreib als eine gottlose Flasche Gin. In seiner Heimatstadt Leicester spendet er außerdem für die Armen und lässt in mehreren Hungerwintern tonnenweise Kartoffeln aus Schottland heranschaffen. Er verkauft sie zwar - aber zum Einkaufspreis.

Von Großbritannien in die ganze Welt

Historisches Werbeplakat für Weltreisen mit Thomas Cook.

Mit Cook um die Welt

1861, in seiner Heimat schon längst eine Berühmtheit, wagt Cook schließlich den Sprung über den Ärmelkanal und bietet eine Paris-Reise an. 1865 beginnt er mit seinen legendären Nilkreuzfahrten, 1872 startet er eine 222-tägige Weltreise.

Bald hat er Kunden aus ganz Europa - und die kommen sich manchmal ganz schön ins Gehege: An Bord der Kreuzfahrtschiffe sind es offenbar meist die Deutschen, die sich die besten Liegestühle sichern. Die Engländer, so die gängige Klage, würden unter Deck verdrängt. Ein Handtuchkrieg wie heute auf Mallorca.

Thomas Cook hat sich da allerdings schon längst aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Seit 1865 führt sein Sohn John Mason Cook das Büro in London – mit ebenso großem Geschäftssinn wie sein Vater, dafür aber mit deutlich weniger moralischen Skrupeln. 1878 drängt er den Gründer aus dessen eigener Firma und zahlt ihm fortan nicht mal eine Gewinnbeteiligung, sondern nur eine überschaubare Rente. "Thomas Cook and Son" aber wird bald zum Marktführer und Innovationsmotor der gesamten Branche.

Bescheidenes Ende

Mehrere Reiseprospekte von Thomas Cook.

Heute ein Reise-Multi

In Leicester, dem Ausgangspunkt seiner Karriere, bleibt Thomas Cook dafür bis zu seinem Tod 1892 ein geachteter Mann. Und ganz kann er die Finger dann doch nicht vom Reisegeschäft lassen: Gemeinsam mit seiner Frau führt er im eigenen Haus ein Hotel für Abstinenzler und andere Strenggläubige.

Der heutigen "Thomas Cook Aktiengesellschaft" würde er vielleicht sogar eher skeptisch gegenüberstehen: Die hat nämlich Anfang 2011 mit überhöhten Boni für die Chefetage von sich Reden gemacht. Für einen Baptisten, der stets Mäßigung predigte, nicht gerade ein gutes Geschäftsgebaren.

Ein altes Pauschalurlaub-Problem hat das heutige Unternehmen allerdings elegant gelöst: In manchen Hotels am Mittelmeer bietet man inzwischen einen Reservierungsservice für Liegestühle an. Der Kunde ist schließlich König – das wusste bereits der alte Firmenpatriarch.

Autorin: Kerstin Hilt

Stand: 04.04.2016, 16:32

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