Traumstraßen

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Traumstraßen

Jedes Jahr bereisen Menschen aus aller Welt die Seidenstraße, Pilger machen sich auf den Jakobsweg, Touristen besuchen die "Straße der Ölsardinen". Traumstraßen können sich über Kontinente erstrecken oder nur wenige Meter lang sein. Am elegantesten präsentieren sich die prächtigen Boulevards der großen Städte, vom Newskij-Prospekt in Sankt Petersburg bis zum Inbegriff aller Traumstraßen, dem Broadway in New York.

Der Traum von einer Straße

Blick über den Broadway bei Nacht. An den Häusefassaden rechts und links der Straße grell bunte Leuchtreklamen.

Blick über den Broadway bei Nacht. An den Häusefassaden rechts und links der Straße grell bunte Leuchtreklamen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich in Europa die Idee einer modernen Stadt zu entwickeln. Mit ihr wuchs der Wunsch nach einer repräsentativen Straße für das Bürgertum. Vielerorts war die Bevölkerung gewachsen. Die kleinen verwinkelten Straßen und Gässchen im Zentrum der Städte konnten die Bewohner nicht länger aufnehmen, sodass überall um die Städte herum Ortschaften entstanden. Dies ermutigte viele Regenten, ihre Residenzstädte zu vergrößern. Doch um die Außenbezirke an das Zentrum anzubinden, brauchte man Zufahrtswege.

Die Aufnahme zeigt die Champs-Elysées um 1900. Zwischen einer Baumallee sieht man Kutschen und Passanten, rechts und links prächtige Wohnhäuser.

Die Champs-Elysées - Mutter aller Boulevards

In Paris entwarf Baron Haussmann breite Straßenzüge, die sich sternförmig durch die Stadt zogen. In Wien ließ Kaiser Franz Joseph die Wallanlagen, die sich rund um die Stadt befanden, vor den Augen zahlreicher Schaulustiger zu Boden reißen. Wie in vielen anderen Städten auch entstand in Wien anstelle der ehemaligen Stadtgrenze eine neue Prachtstrasse, der Wiener Ring. Abgeleitet von dem deutschen Wort "Bollwerk" gaben die Franzosen ihren neuen Prachtstraßen den Namen Boulevard. In Madrid heißt der zentrale Boulevard Gran Via, in Berlin ist es der Kurfürstendamm, in Barcelona sind es die Ramblas.

Sehen und gesehen werden

Der Boulevard sollte die Macht der Herrschenden demonstrieren und schuf dem Bürgertum eine angemessene Möglichkeit, sich zu präsentieren. Breit war er angelegt, je breiter desto besser. Eine Fahrstraße, auf der Pferde und Kutschen genauso Platz haben sollten wie Menschen und Grünanlagen. Rechts und links des Boulevards entstanden Wohnanlagen und repräsentative Prachtbauten wie Theater, Opernhäuser und Bibliotheken. Und in allen großen Städten haben die Cafés an den Boulevards Geschichte geschrieben. Ein neuer Städter entstand, der Flaneur, der eigens da zu sein schien, um durch die Straßen zu schlendern.

Die Schwarzweiß-Aufnahme aus dem Jahr 1912 zeigt Passanten beim Bummel am Kurfürstendamm. Im Vordergrund spazieren drei Damen mit Hüten und langen Kleidern, rechts neben ihnen ein Herr mit Stock und Zylinder.

Bummel am Kurfürstendamm

Den Flaneur des 20. Jahrhunderts gibt es kaum noch, auch die Pracht vieler großer Boulevards ist von Imbissbuden und billigen Kaufhausketten abgelöst worden, doch einige haben sich bis heute erhalten. Noch immer gelten die Champs-Elysées als Inbegriff des Boulevards, der Wiener Ring mit seiner Breite von 57 Metern und einer Länge von über vier Kilometern gehört wie ehedem zu den schönsten Prachtstraßen der Welt und über den Newskij-Prospekt schlendern seit der Perestroika wieder Passanten entlang der Warenhäuser, Theater und Kinos.

Der Boulevard der Träume

In allen Großstädten verkörpert der Boulevard die Träume von einem reichen und sorgenfreien Leben - doch nirgends ist dies so ausgeprägt wie am Broadway, einer Straße, die so alt ist wie die Stadt, die sie durchzieht: New York. Schon die Indianer sollen hier auf einem Trampelpfad entlanggezogen sein, wenn sie ihre Felle hinaus nach Albany brachten. Als die HolländerNew York, das damals noch Nieuw Amsterdam hieß, gründeten, gaben sie dem Pfad den Namen "heere Straat". Erst als die Engländer kamen, bekam er seinen heutigen Namen. Vom Süden Manhattans bis hinaus nach Albany hat er eine Länge von 250 Kilometern. Das Herz des Broadways aber liegt zwischen Bowling Green und Harlem.

Der Holzstich zeigt die Parade anlässlich der Einweihung der Freiheitsstatue. Am linken Rand sieht man drei Männer die Parade beobachten, die auf dem Broadway stattfindet

Parade auf dem Broadway

Auch New York entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer modernen Großstadt. Lebten Ende des 18. Jahrhunderts noch 60.000 Menschen in New York, waren es ein Jahrhundert später schon dreieinhalb Millionen. Um die stetig wachsende Einwohnerzahl in den Griff zu bekommen, legten die Stadtväter rasterförmig Straßen quer durch New York. Davon ausgenommen war lediglich der Broadway, der seine ursprüngliche Richtung behielt und als einzige Straße in New York deutlich quer zu dem geometrischen Muster verlief. Dies führte auch dazu, dass die großen Plätze am Broadway, der Union Square, der Madison Square und der Times Square eine dreieckige Form besitzen. Und die Stadt dehnte sich nicht nur in die Breite aus, auch in die Höhe wurde gebaut. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden am Broadway die ersten Wolkenkratzer.

Höher, größer, schöner

Eigentlich heißt es Fuller Building. Doch weil es die Form eines Bügeleisens hat, wird der 91 Meter hohe Bau an der Kreuzung von Fifth Avenue und Broadway seit jeher Flatiron Building genannt. Als es 1902 erbaut wurde, befürchtete jeder, dass die ungewohnte Stahlkonstruktion das Haus beim nächsten großen Sturm zusammenkippen lassen werde. Das Haus bewies das Gegenteil und der Wettbewerb um das höchste Gebäude der Welt konnte beginnen.

Eine kolorierte Postkarte von 1903 zeigt das spitz auf den Platz zulaufende 'Flatiron'-Gebäude

Das Flatiron Building

Der erste richtige Wolkenkratzer war das Woolworth Building am Broadway, das zwischen 1913 und 1930 als höchstes Gebäude der Welt bestaunt wurde. Die Dame von Welt allerdings flanierte um die Jahrhundertwende weiter nördlich zwischen Union Square und Madison Square, um hier ihre Einkäufe zu erledigen. Noch weiter nördlich, am Herald Square, liegt Macy’s, das größte Kaufhaus der Welt. Seit Anfang der 1920er Jahre findet hier eines der beliebtesten New Yorker Familienfeste statt, die Parade zum Thanksgiving Day.

Musik am Broadway

Die Aufnahme zeigt den Times Square heute - mit seinen Lichterreklamen, drei gelben Taxis und Spaziergängern.

Lichtermeer am Times Square

Zentrum der Vergnügungsindustrie in den 1920er Jahren war der Times Square, der seinen Namen der New York Times verdankt, die 1904 hierher gezogen war. Rund um den Platz herum reihte sich ein Theater an das andere. Hier entstanden Musicals wie "Porgy and Bess" oder "West Side Story". Fred Astaire wurde hier berühmt, und auch die hohe Kunst war mit der Metropolitan Opera im Süden des Platzes vertreten. Die hohe Kunst (die Met) ist zwar inzwischen weiter nördlich gezogen und auch die Redakteure der New York Times sitzen nicht mehr am Times Square, aber immer noch zieht der Bezirk um die 42nd Street Touristen aus aller Welt an. Und immer noch zieht es viele Amerikaner am 31. Dezember hierher unter die riesigen Lichtreklamen, um gemeinsam den Jahreswechsel zu feiern.

Ein Boulevard im Wandel

Das Bild zeigt drei Gebäude des Lincoln Center hell erleuchtet am Abend.

Das Lincoln Center

Weiter nördlich, wo einst das Musical "West Side Story" angelegt war, und wo Jugendbanden verschiedener Nationen gegeneinander kämpften, ist Mitte des 20. Jahrhunderts ein neues Kulturzentrum entstanden - das Lincoln Center. Hier lernen die hoffnungsvollsten jungen Musiker an der Juilliard School und manche von ihnen träumen davon, einmal gegenüber an der Metropolitan Opera auftreten zu können. Der riesige Komplex beherbergt nahezu alles, was die Hochkultur zu bieten hat. In ihm residieren die New Yorker Philharmoniker, mehrere Theater, Ballett, ein Filmmuseum und sogar Teile der Public Library sind im Lincoln Center untergebracht. Hier demonstriert der Broadway am besten seine Wandlungsfähigkeit, denn wie an allen anderen Boulevards ist auch an ihm der Wandel der Zeit nicht vorübergegangen.

Autor/in: Sine Maier-Bode

Stand: 08.11.2013, 12:00

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