Luzides Träumen – Träume bewusst steuern

Eine Probandin am Institut für Sport- und Sportwissenschaft (ISSW)

Träume

Luzides Träumen – Träume bewusst steuern

Das klingt traumhaft im wahrsten Sinne des Wortes: Während man schläft, weiß man, dass man schläft und kann den Traum sogar beeinflussen! Beim Schlafen Regisseur des eigenen nächtlichen Films sein, das nennt man einen Klartraum haben oder luzide träumen. Traumforscher versprechen sich einen Nutzen davon – vor allem um Albträume zu behandeln und Psychosen besser zu verstehen.

Ein Traumbericht

Die Psychologin Ursula Voss, die an einem internationalen Forschungsprojekt über das Klarträumen mitgewirkt hat, zitiert in einem Artikel für die Fachzeitschrift "Sleep" eine ihrer Probandinnen. Die Studentin berichtet von einem ihrer Klarträume: "Als ich mich über das merkwürdige Gespräch mit einer Kommilitonin wunderte, die ich eigentlich gar nicht näher kenne, wusste ich, dass ich träumte. Dann stand ich plötzlich in einem anderen Bild, wie aus einem Familienalbum. Ich bewegte meine Augen und habe dabei gemerkt, dass ich eigentlich im Bett lag und schlief.

Als ich die schöne Landschaft verschwimmen sah, dachte ich: Das ist mein Traumbild, das soll bleiben! Da war die Szene wieder da. Ich dachte, es wäre schön, durch diese Landschaft zu galoppieren. Ich holte mir ein Pferd in den Traum, habe es aber nur geschafft, auf einem Pferderücken zu sitzen, Hals und Kopf des Tieres waren ziemlich unecht. Aber ich konnte fühlen, wie ich auf dem Pferd ritt und gleichzeitig im Bett lag."

Auch der Traumforscher Michael Schredl kann von eigenen Klarträumen berichten. Er liebt das Fliegen im Schlaf – der uralte Wunsch des Menschen, es dem Vogel gleich zu machen, kann also doch in Erfüllung gehen.

Kino in der Traumwelt: "Inception“

Die Idee, bewusst Träume zu beeinflussen, hat 2010 Hollywood-Regisseur Christopher Nolan in seinem rasanten Science-Fiction-Thriller "Inception" aufgegriffen. Darin bricht eine Gruppe von Bewusstseinsexperten in die Träume des Gegners ein, um sein Unterbewusstsein zu manipulieren.

Um die gefährliche Mission erfolgreich zu absolvieren, müssen sie in immer tiefere Traumebenen hinabsteigen. Doch je tiefer sie steigen, desto größer ist die Gefahr, nicht wieder aufzuwachen und sich zu verirren im Labyrinth der Traumebenen – so wie es der Lebensgefährtin des Protagonisten, gespielt von Leonardo DiCaprio, passiert ist.

DiCaprio benutzt einen Kreisel, um Realität und Wirklichkeit auseinanderhalten zu können. Dreht sich der Kreisel endlos weiter, ist er im Traum. Beginnt er zu straucheln, um dann umzukippen, so ist er in der Realität.

Methoden, luzides Träumen zu lernen

Porträt eines angeregten älteren Mannes mit etlichen 500-Euro-Scheinen in der Hand

Oft ist Traum und Wirklichkeit nicht so leicht zu unterscheiden

Träume ich oder bin ich wach? Diese Frage muss man sich auch bei der einfachsten Methode, das Klarträumen zu lernen, sehr oft stellen. Die "Realitäts-Check-Methode" verlangt, dass man diese Frage so verinnerlichen, dass man sie sich auch im Traum stellt. Wenn man dann feststellt, dass irgendetwas zu merkwürdig ist, als dass es wahr sein kann, dann hat man es geschafft: Man träumt und ist sich gleichzeitig bewusst, dass man träumt.

An der Heidelberger Universität erprobt der Sportwissenschaftler Daniel Erlacher noch eine andere Methode. Da man festgestellt hat, dass Klarträume besonders in der zweiten Hälfte der Nacht auftreten, lässt man die Probanden zunächst schlafen, um sie dann in der zweiten Hälfte zu wecken, eine Stunde lang wachzuhalten und dann noch einmal schlafen zu lassen. In sieben von zwölf Fällen, so das Ergebnis, ist danach ein Klartraum eingetreten.

Eine repräsentative Umfrage zum Thema Träumen hat zudem Erstaunliches ergeben: Fast die Hälfte aller Befragten gab an, dass sie bereits einmal im Leben bewusst geträumt hätte, 20 Prozent sagten, dass sie das Phänomen häufiger hätten. Geübte Klarträumer kommen auf etwa einen Klartraum im Monat, das gaben rund fünf Prozent an. Selbst Schlafforscher sind erstaunt, wie verbreitet offenbar der zufällige Klartraum ist.

Der Klartraum und die Traumforschung

Schematische Zeichnung eines menschlichen Gehirns.

Die Ursache kann eine Überfunktion im Hirn sein

Wie Schlafforscher herausfanden, ist beim Klartraum das Stirnhirn, auch frontaler Cortex genannt, deutlich aktiver als im normalen Schlaf. Dieser Hirnteil ist für die kritische Bewertung von Geschehnissen zuständig. Während wir im normalen Schlaf also gar nicht in der Lage sein können, das Traumerleben zu hinterfragen, können wir das beim Klartraum sehr wohl.

Der Heidelberger Sport- und Traumforscher Daniel Erlacher machte 2005 mit einer anderen experimentellen Forschungsarbeit Furore. Er beobachtete geübte Klarträumer in seinem Schlaflabor. Am Abend zuvor vereinbarte er mit ihnen ein Zeichen, nämlich zweimal die Augen hin und her zu bewegen. Diese Bewegung ist auch bei geschlossenen Lidern zu erkennen und unterscheidet sich ausreichend von den schnellen Bewegungen des REM-Schlafs (REM = Rapid Eye Movement).

Die Probanden waren Sportler, die in der Folge bestimmte Übungen im Traum machen sollten, etwa Kniebeugen. Tatsächlich konnte Daniel Erlacher messen, dass sich die Atemfrequenz erhöhte. Damit ist der Beweis erbracht, dass durch das Training im Schlaf ein körperlicher Effekt zu erzielen ist.

Der Klartraum in der Psychologie

Eine Frau liegt schreiend im Bett und hält sich mit dem Kissen die Ohren zu

In der Behandlung von Albträumen spielt der Klartraum eine Rolle

Auch in der Behandlung von Albträumen spielt der Klartraum eine Rolle. Der Grund ist offensichtlich: Wer den Inhalt seines Traums beeinflussen kann, kann auch Albträumen besser entgegentreten. Derzeit hat diese Behandlungsmethode noch keine durchgreifende Bedeutung, zu selten ist dieses besondere Traumphänomen. Doch es besteht Hoffnung, da in Labor-Untersuchungen nachgewiesen werden konnte, dass sich das Klarträumen trainieren lasst.

Bislang gilt eine andere Methode als effektiver: Dabei soll man vom wiederkehrenden Albtraum einen Traumbericht verfassen. Diesen Traum kann man dann umschreiben und beispielsweise eine Person einbauen, die in der Situation helfen kann. Wenn dieser positiv umgeschriebene Traumbericht dann mehrmals am Tag durchgelesen wird, dann wird das Gehirn sozusagen auf die neue Geschichte umgepolt – und im Traum erscheint plötzlich die helfende Person.

Psychologen interessieren sich außerdem für die Möglichkeit des Realitäts-Checks. Denn Psychosen gehen mit Wahnvorstellungen einher, die zeigen, dass der Betroffene Wahn und Wirklichkeit nicht unterscheiden kann, obwohl er wach ist. Doch vielleicht lässt sich die kritische Analyse der Phantasie auch bei diesen Patienten trainieren, ähnlich wie bei den Klartraumprobanden.

Autorin: Christiane Gorse

Stand: 04.07.2016, 09:58

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