Christopher Street Day

Vier schrill verkleidete Männer beim CSD

Homosexualität

Christopher Street Day

Schrill, groß, laut und bunt – das verbinden wohl die meisten heute mit dem Christopher Street Day (CSD). Im Sommer strömen weltweit Schwule und Lesben auf die Straßen der großen Städte, um sich mit Stolz zu ihrer Homosexualität zu bekennen. Doch am Anfang seiner Geschichte war der Christopher Street Day alles andere als eine schillernde Party.

Wie alles begann…

In den 1960er Jahren führte die New Yorker Polizei regelmäßig Razzien in einschlägigen Schwulenbars durch – und diese liefen meist nicht gewaltfrei ab. Alleine die Anwesenheit in einer Bar mit angeblich homosexuellem Publikum genügte schon, um angeklagt oder öffentlich bloßgestellt zu werden. Die Polizisten gingen dabei nicht nur gegen Schwule und Lesben vor, sondern auch gegen transsexuelle Menschen, das heißt gegen Menschen, die im falschen Körper geboren wurden.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 stießen die New Yorker Beamten bei ihrer Arbeit jedoch plötzlich auf vehementen Widerstand. Ziel war an diesem Abend das "Stonewall Inn", eine Schwulenbar in der Christopher Street, Ecke 7th Avenue in Greenwich Village. Die Gäste lehnten sich gewaltsam gegen die Beleidigungen und willkürlichen Diskriminierungen auf. Schlagartig entwickelte sich in den nächsten Tagen eine Solidarität unter den Schwulen und Lesben in Greenwich Village und die Aufstände gingen einige Tage lang weiter. Es entstand eine neue Bewegung der Emanzipation, sodass sich Ende Juli in New York die "Gay Liberation Front" bildete, die erstmals in der Öffentlichkeit für die Toleranz gegenüber Homosexuellen kämpfte.

Seit der Straßenschlacht mit der Polizei wird in New York jährlich am letzten Samstag im Juli ein Straßenumzug in Gedenken an den Stonewall-Aufstand veranstaltet. Das Fest auf der Straße ist bis heute das Vorbild für alle anderen Christopher Street Days.

CSD-Premiere in Deutschland

Fassaden mit Außentreppen im Stadtteil Greenwich Village.

Der New Yorker Stadtteil Greenwich Village Ende der 70er Jahre

Der Stonewall-Aufstand von 1969 schlug international so hohe Wellen, dass er auch Deutschland nicht unberührt ließ. Die Schwulen- und Lesbenszene begann sich hierzulande gerade neu zu organisieren, nachdem der Paragraf 175 entschieden gelockert worden war. Homosexuelle Beziehungen unter Erwachsenen wurden von nun an nicht mehr bestraft. Der Widerstand in Greenwich Village motivierte die Szene weiter, für ein freies Leben zu kämpfen.

Zehn Jahre nach der Stonewall-Razzia trauten sich zum ersten Mal auch deutsche Männer und Frauen auf die Straße, um für die Rechte der Homosexuellen zu demonstrieren. In Berlin und Bremen begann damals die deutsche Geschichte des Christopher Street Day. In Berlin waren es schätzungsweise 400 Teilnehmer, die aus Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung teilweise vermummt auf die Straße gingen. "Gay Pride", also "Stolz aufs Schwulsein", war das Motto des Fußmarsches, der von den Leitsprüchen "Schwule raus aus Euren Löchern, alleine werdet Ihr verknöchern" und "Lesben erhebt Euch und die Welt erlebt Euch" begleitet wurde.

Von politischer Demo zu großem Event

Mann hält bei einer Kundgebung des Lesben- und Schwulenverbandes in Berlin eine große Regenbogenfahne.

Die Regenbogenfahne steht für das Selbstbewusstsein der Homosexuellen

Eine Teilnehmerzahl von 400 Leuten wie damals in Berlin würde für die Veranstalter des Christopher Street Day heute eine mittlere bis schwere Katastrophe bedeuten. Die einst kleine und beschauliche Demonstration von 1979 wandelte sich im Laufe der Jahre zu einer schillernden Parade, die auch weiterhin ein Zeichen für die Rechte der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender setzen möchte. Jedoch ist die heutige Rechtssituation der Homosexuellen nicht mehr mit der Diskriminierung, die sie noch in den 60ern erleben mussten, zu vergleichen. Deshalb gerät die ursprünglich politische Botschaft des Christopher Street Day bei den modernen Massenveranstaltungen eher in den Hintergrund.

Die Besucherzahlen des CSD explodierten in den 90er Jahren förmlich. Nach der Wende lockte die Veranstaltung schon 15.000 Menschen nach Berlin – ein Ansturm, mit dem kaum jemandgerechnet hätte. Heute zählt Berlin mit Köln und Hamburg weiterhin zu den Städten mit den höchsten Besucherzahlen –über eine Million Menschen feiern dort den Christopher Street Day. Nicht nur die Zuschauermasse wird größer, sondern auch der Mut, sich zu inszenieren: Anstatt sich zu vermummen, wie damals bei der Premiere in Berlin, kann das Kostüm heutzutage für viele Teilnehmer nicht schräg genug sein.

In fast jeder deutschen Großstadt wird mittlerweile ein solches Straßenfest veranstaltet, an dessen Ende immer eine politische Schlusskundgebung steht. Besonderen Ansturm gibt es auf die sogenannten Euro- oder Worldprides. Sie wurden mit der Jahrtausendwende ins Leben gerufen und finden abwechselnd in ausgewählten Städten statt. Mit aufwendiger Organisation und Rekord-Besucherzahlen werden sie zu europa- beziehungsweise weltweiten Aushängeschildern der homosexuellen Lebensart.

Autorin: Simone Klein

Stand: 31.03.2016, 10:00

Darstellung: