Der Junge, der kein Mädchen sein wollte

David Reimer als erwachsener Mann, blickt in einen Spiegel.

Transsexualität

Der Junge, der kein Mädchen sein wollte

Was in den 1970er Jahren als Forschungserfolg gefeiert wird, zerstört das Leben eines Mannes. Es beginnt mit einem Unglück: Bei einer missglückten Operation verliert Bruce Reimer als Baby seinen Penis. Es folgt das zweite Unglück: Bruce fällt dem Sexualforscher Dr. Money in die Hände, der ein perfektes Forschungsobjekt vor sich sieht. Denn Bruce hat noch einen eineiigen Zwillingsbruder. Bruce soll als Mädchen großgezogen werden, sein Bruder Brian normal als Junge. Damit will Dr. Money beweisen, dass nicht die Natur uns zu dem macht, was wir sind, sondern die Erziehung. Das Experiment scheitert und endet tragisch.

Darum geht's:

  • Die Reimer-Zwillinge kommen als gesunde Jungen auf die Welt.
  • Bei einer Routine-OP verliert Bruce Reimer als Baby Hoden und Penis.
  • Der Psychologe Dr. Money glaubt, das soziale Geschlecht sei anerzogen.
  • Er überzeugt die Eltern, Bruce als das Mädchen Brenda großzuziehen.
  • In der Pubertät tauchen große Probleme auf.
  • Dr. Money führt zweifelhafte Experimente durch.
  • Die Familiengeschichte der Reimers endet tragisch.

Eine Beschneidung mit Komplikationen

Die Reimer-Zwillinge kommen als gesunde Jungen auf die Welt. Nur beim Urinieren haben die Babys Probleme und sollen deshalb 1966 im Alter von acht Monaten in einem Routine-Eingriff beschnitten werden.

Aus ungeklärten Gründen verwendet der operierende Arzt jedoch statt eines Skalpells eine elektrische Nadel. Diese funktioniert nicht richtig und ein elektrischer Schlag trifft den Säugling Bruce. Dabei werden Penis und Hoden schwer verbrannt und müssen amputiert werden. Seinem Zwillingsbruder Brian bleibt dies erspart.

Ein Junge ohne Penis

Rekonstruktion von Körperteilen, Transplantation, Prothese: Die moderne Medizin hat verschiedene Verfahren entwickelt, um verlorene Körperteile zu ersetzen. In den 1960er Jahren waren diese Verfahren aber noch unbekannt und die Reimers sahen voller Verzweiflung in die Zukunft ihres Sohnes. Wie sollte ein Junge ohne Penis ein erfülltes Leben führen?

Gezeichnete Darstellung einer androgynen Figur.

Inwieweit bestimmt uns das Geschlecht wirklich?

Zufällig, durch eine Fernsehsendung, erfuhren sie von Dr. John Money, einem Psychologen und Spezialisten der Sexualforschung an der renommierten John-Hopkins-Universität in Baltimore. Money führte die noch heute in der Wissenschaft übliche Unterscheidung von Sex und Gender ein. Sex bezeichnet das biologische Geschlecht und unterscheidet Mann und Frau nach körperlichen Merkmalen.

Gender, das soziale Geschlecht, beschreibt, was eine Gesellschaft unter weiblichem und männlichem Verhalten versteht, aber auch, ob sich eine Person als Mann oder Frau fühlt. Unterscheiden sich biologisches und soziales Geschlecht bei einem Menschen, kann es zu einer Identitätskrise kommen. Die Person fühlt sich dann im falschen Körper gefangen.

Dr. Money dagegen vertrat die Überzeugung, dass das soziale Geschlecht ausschließlich anerzogen sei und die Biologie keine Rolle dabei spiele, ob wir uns als männlich oder weiblich verstehen. Der kleine Bruce sollte seine radikale These beweisen. Er überzeugte die Reimers, Bruce als Mädchen großzuziehen. Die Erziehung allein sollte ihn dazu bringen, sich als Mädchen zu fühlen.

Als eineiiger Zwilling war er das perfekte Versuchskaninchen, denn sein Zwillingsbruder Brian, mit dem er alle seine genetischen Informationen teilte, konnte als Vergleichsobjekt dienen. Würde Bruce als glückliches Mädchen aufwachsen, hätte dies bewiesen, dass wir Menschen weniger von unserem Erbgut beeinflusst sind, als bis dahin angenommen.

Die Reimers sind einverstanden und Bruce wird mit 21 Monaten zu Brenda. In einer Operation entfernen die Ärzte die noch vorhandenen Hoden und formen eine rudimentäre Scheide.

Ohne Hoden produziert ihr Körper keine männlichen Sexualhormone mehr. In der Pubertät soll Brenda zusätzlich weibliche Hormone bekommen, um die Geschlechtsumwandlung zu vervollständigen. Wichtig für den Erfolg des Experimentes: Brenda darf nie von der Geschlechtsumwandlung erfahren.

Eine erfolgreiche Geschlechtsumwandlung?

Dr. Money untersucht die Zwillinge einmal im Jahr. Ohne die Anwesenheit der Eltern unterhält er sich stundenlang mit den Kindern. Brenda ist nun sieben und das Experiment scheint ein voller Erfolg zu sein. Sie fühlt sich als Mädchen und zweifelt nicht an ihrem Geschlecht.

Money publiziert daraufhin ein Buch über die Geschichte der Zwillinge mit dem Titel "Man and Boy, Woman and Girl" (Mann und Junge, Frau und Mädchen). Der Fall von John/Joan, wie er Bruce/Brenda im Buch nennt, wird in der Fachwelt gefeiert. Er beschreibt Brenda darin als normales, glückliches Mädchen, während Brenda und ihre Familie sich später an ein zutiefst unglückliches Kind mit sozialen Problemen erinnern.

In der Pubertät beginnt Brenda, sich gegen ihr Schicksal als Mädchen zu wehren. Sie eckt in der Schule an und prügelt sich mit ihren Mitschülern, die sie nicht akzeptieren und als "Cavewomen" (Höhlenfrau) beschimpfen. Sie ist aggressiv und unglücklich, in die Schule will sie nicht mehr gehen.

Ein Werbeplakat der 50er Jahre, auf dem eine Familie glücklich isst.

Das klassische Frauenbild der 1950er Jahre

Zweifelhafte Therapiemethoden

Dr. Money bleibt dieser Wandel nicht verborgen. Aus Angst, sein Experiment könnte scheitern, greift er zu drastischen Maßnahmen. Er zeigt den Zwillingen Bilder von erwachsenen Geschlechtsteilen und schreit sie an, sodass sie fürchten, geschlagen zu werden.

In einer Sitzung befiehlt er den Zwillingen sogar, sich zu entkleiden, um sie dann auf einem Sofa in sexuelle Posen zu setzen. Damit will Dr. Money Brenda den Unterschied zwischen ihrem Körper und dem ihres Bruders verdeutlichen. Denn kein Penis, kein Mann – so will es Money ihr weismachen.

Die Eltern wissen nicht, was ihren Kindern angetan wird. Erst Jahre später erkennen sie das Ausmaß der Zerstörung dieser zweifelhaften Therapiemethoden. Denn schon mit 14 Jahren droht Brenda mit Suizid. Sie will sich umbringen, sollte sie noch einmal gezwungen werden, Dr. Money sehen zu müssen. Schockiert über dieses Geständnis, beschließen die Reimers, ihren Kindern die Wahrheit zu sagen.

Ein neues Leben

Für Brenda beginnt ein neues Leben. Sie ändert ihren Namen in David und lebt fortan als Junge. Er lässt sich die Brüste entfernen und einen Penis aufbauen. Außerdem nimmt er Testosteron. Als erwachsener Mann heiratet David und adoptiert die Kinder seiner Frau, denn eigene Kinder kann er nicht zeugen. Er führt ein glückliches Leben, das jedoch von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

1997 erfährt David, dass Dr. Money seine Geschichte in der medizinischen Fachpresse als einen Erfolg darstellt. Wütend und aus Angst, anderen Kindern könnte das gleiche widerfahren, geht David mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. In einer BBC-Dokumentation und im Buch "Der Junge, der als Mädchen aufwuchs" verarbeitet die gesamte Familie ihre Erlebnisse rund um das Experiment.

Das Leben von David und seinem Zwillingsbruder Brian endet tragisch: Brian nahm sich 2002 wahrscheinlich selbst das Leben; er litt unter psychischen Störungen. Der Verlust seines Bruders, der eigenen Arbeit und zuletzt die Scheidung von seiner Frau sind zu viel für David. Zwei Jahre später, mit 38 Jahren, begeht er Suizid.

Was beeinflusst unser Verhalten?

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Davids Geschichte zeigt: Es kann nicht nur die Erziehung sein, die den Unterschied zwischen Frauen und Männern verursacht. Doch was beeinflusst uns mehr – die Natur oder die Erziehung? Darauf hat noch keine Wissenschaft eine befriedigende Antwort gefunden. Je nach Erkenntnisinteresse der Wissenschaft wird die Frage anders beantwortet.

Die Genderforschung geht davon aus, dass ein Großteil unseres Verhaltens von der Erziehung verursacht wird. Naturwissenschaften beweisen in ihren Studien oft das Gegenteil. Fest steht: Es wird noch viele Studien zum Unterschied zwischen Männern und Frauen geben. Ein so drastisches Experiment wie an dem kleinen Bruce wird hoffentlich ein Einzelfall bleiben.

Autorin: Chahrazed Yahya

Stand: 20.06.2017, 15:49

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