Verhütung

Eine Frau hält die Pille und ein Kondom in den Händen.

Sexualität

Verhütung

Ob Kondome, Pillen oder Spiralen – Verhütungsmethoden gibt es viele. Doch sie sind kein Privileg unserer Zeit. Seit Jahrtausenden versuchen die Menschen, die Natur zu überlisten. Schon im alten Rom und im antiken Griechenland kannten Liebespaare Tricks und Mittel, die Empfängnis beim Liebesspiel zu verhindern.

Frühe Verhütungsmethoden

Der heilige Augustinus, 354 nach Christus geboren, fand schon mit 18 seine große Liebe, Floria. Als er 19 war, gebar sie ihm einen Sohn. Danach bekamen sie keine Kinder mehr – und zwar nicht, weil sie keusch geblieben sind. Augustinus kannte sich gut mit Verhütung aus. Er gehörte der Sekte der Manichäer an.

Ihre Anhänger verurteilten zwar nicht den Geschlechtsverkehr, wohl aber den mit Zeugungsabsicht. In jeder Geburt sahen sie die "Anbindung einer unglücklichen Seele an das Fleisch".

Entsprechend groß muss ihr Wissen über Verhütung gewesen sein, über den "coitus interruptus" vor allem. Den Geschlechtsakt zu unterbrechen, dürfte eine der frühesten und einfachsten und auch von Augustinus praktizierten Verhütungsmethoden gewesen sein.

Enthaltsamkeit schützt am besten vor Schwangerschaft

Nur kurze Zeit später, um 380 nach Christus, machte der Kirchenvater eine Kehrtwende: Seiner ausschweifenden Jugend schwor er ab. Er erklärte sein Kind zum Sohn der Sünde und propagierte so radikal wie niemand vor ihm Enthaltsamkeit.

Von Menschen, die gute Christen sein wollten, forderte er zu heiraten, möglichst lustfrei Kinder zu bekommen und dann keusch zu leben.

Was Augustinus verlangte, war das Gegenteil der Wirklichkeit. Wandbilder aus der Antike und Fresken aus dem alten Rom zeigen immer wieder Liebespaare. Manche vergnügen sich in Anwesenheit von Dienstpersonal im Liebesspiel.

Sexualität ist ein normaler Teil auch des öffentlichen Lebens – das ist die Aussage dieser Bilder.

Andere Bilder zeigen das leichte Leben der griechischen Oberschicht, die rauschhaften Feste, Theater, Bankette. Viele Kinder passten weder zeitlich noch finanziell in dieses Leben hinein. Zwei Kinder galten als optimal.

Krokodilkot und andere Verhütungsmittel

Die Nachfrage nach Verhütungsmitteln muss groß gewesen sein, das Angebot war es definitiv: 413 Verhütungs- und Abtreibungsrezepte schlugen die Ärzte der Antike vor. Den Männern etwa empfahlen sie, ihren Penis mit Essig einzureiben.

Den Frauen rieten sie, den Kot des Krokodils in gegorenem Pflanzenschleim zu zerstoßen und als Scheidenzäpfchen einzuführen.

Der Stuttgarter Historiker Robert Jütte hat sich jahrelang mit der Geschichte der Empfängnisverhütung beschäftigt. Er findet diese Rezepte noch immer "Ekel erregend". Doch sie wirkten.

"Bei allem spielte die Magie eine große Rolle und die Erfahrung: Mittel, die nicht wirkten, wurden verworfen und erfolgreiche immer wieder angewandt – wie das Krokodilkot-Zäpfchen." Es veränderte vermutlich den pH-Wert in der Scheide der Frau und wirkte so verhütend.

Gegen Schwangerschaft ist ein Kraut gewachsen

Das Römische Reich ging im 6. Jahrhundert unter. Die Dichter und Denker dieser Zeit hatten als Grund dafür schnell die Sittenlosigkeit ausgemacht. Für die Zukunft forderten sie Tugendhaftigkeit. In dieser Zeit wuchs eine neue Religion heran, die schnell die Rolle des Sittenhüters übernahm: das Christentum.

Augustinus hatte als Propagandist von Keuschheit den Anfang gemacht. Ungezählte Geistliche stimmten nun in sein Credo ein.

Keuschheitsgürtel

Verhütung im Mittelalter: Der Keuschheitsgürtel

Paaren ordneten sie an, enthaltsam zu sein und mittwochs, freitags, samstags, an Weihnachten, Ostern, Pfingsten, während der Fastenzeit und der Menstruation der Frau grundsätzlich vom Geschlechtsverkehr abzusehen.

Die Menschen des Mittelalters entwickelten ihre ganz eigenen Techniken, mit diesen Geboten umzugehen. Nach außen gaben sie sich keusch. Sexualität war nicht länger Teil des öffentlichen Lebens. Die Menschen verlagerten ihre Liebesspiele komplett ins Private, das sich der Aufsicht der Kirche weitgehend entzog.

Und sie optimierten die Verhütungspraktiken. Kräuterbücher erschienen und empfahlen Pflanzen, die nachweislich verhütend wirkten. Niedrige Geburtenraten in der Oberschicht schienen das Bild der keuschen Bürger zu bestätigen.

Über "französische Briefe" und "englische Reiterjacken"

Verhütungsmethoden, die lange Zeit vor allem die Oberschicht praktizierte, wurden im 18. Jahrhundert zum Massenphänomen. Der Historiker Robert Jütte spricht von einer ganz neuen Epoche.

"Die Geburtenrate ging spürbar zurück." Während es in den reichen bürgerlichen Familien als schick galt wenige Kinder zu haben, setzten die Bauern in den Dörfern aus ganz anderen Gründen Verhütungsmittel ein: Sie wollten ihr Erbe nicht stückeln und unter vielen Nachkommen aufteilen.

Bunte Kondome

Heute sind Kondome meist aus Latex

Die Verhütungspraktiken sprachen sich vor allem bei den Militärs herum. In den Bordellen der großen europäischen Städte wurden seit dem 17. Jahrhundert Kondome angewandt. Die ersten Präservative bestanden aus Tierdärmen und Leinen.

Bei deren Bezeichnung traten nationale Feindschaften offen zutage. Die Engländer sprachen vom "französischen Brief", die Franzosen von der "englischen Reiterjacke". Die deutsche Sprache habe kein Wort für so "schändliche Gegenstände", schrieb der zeitgenössische Arzt Christoph Girtanner. Sie sei zu keusch.

Die verklemmten Deutschen

Die Deutschen hinkten hinterher: Erst um 1900 erschienen die ersten Aufklärungsratgeber – in Frankreich waren die Hefte 80 Jahre vorher auf dem Markt. Und während die englischen Feministinnen schon Spiralen zur Verhütung empfahlen, dominierte in Deutschland noch immer der "coitus interruptus".

Anfang des 20. Jahrhunderts verhüteten 62 Prozent der Paare damit, in den ländlichen Gegenden sogar 80 Prozent.

"Verhütung war über Jahrhunderte Männersache – erst Anfang der 1930er Jahre wird sie zu einer Aufgabe der Frauen", sagt Robert Jütte. In der Weimarer Republik eröffneten die Sexualberatungstellen, in denen Frauen Verhütungsmittel verteilten und die neu entwickelte Kalendermethode empfahlen.

Nach ihr lassen sich grob die fruchtbaren Tage bestimmen.

Doch der aufstrebende Nationalsozialismus erstickte diese Ansätze im Keim. Er definierte die Frau als Mutter. Sie sollte die arische Rasse vermehren. Ein staatliches Verhütungsverbot wurde erlassen.

Die Pille, Drugs and Rock 'n' Roll

Als nach dem Krieg die Verhütungsberatungsstellen wieder aufgebaut wurden, konnten es die Frauenrechtlerinnen kaum erwarten, was sich da in der Forschung anbahnte: ein Hormonpräparat, mit dem sie selbst über Verhütung und Schwangerschaften entscheiden konnten.

Eine weiß-grüne Pillenpackung. Darauf der Name: Anovlar.

Anovlar: die Pille, die die Sexualität veränderte

Am 1. Juni 1961 kam "Anovlar", die Pille, auf den deutschen Markt und wurde als Auslöser der sexuellen Befreiung gefeiert. Robert Jütte relativiert: "Dieses Präparat erschien zur richtigen Zeit. Rock 'n' Roll, Hippiekultur, Frauenbewegung – die Pille hat als einer von vielen Faktoren Sexualität verändert."

Bei den Frauen schwand nach einiger Zeit die Pilleneuphorie. Viele klagten über die Nebenwirkungen der hohen Hormondosen: Blutgerinnsel, Gewichtszunahme, das Schlaganfallrisiko stieg.

Die Feministinnen lamentierten, dass die Pille die Frau instrumentalisiere. Carl Djerassi, der an der Entwicklung der Pille mitgearbeitet hatte, schrieb, die Männer hätten sich schnell daran gewöhnt, das Thema Verhütung mit der Unterhose abzustreifen.

Eizellenbank statt Pille?

Fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Einführung tritt ein anderer Nachteil der Pille zutage: Dieses Präparat, das die Freiheit beschert über den Zeitpunkt der Schwangerschaft entscheiden zu können, produziert auch Zwang – sich für ein Kind entscheiden zu müssen. Immer weiter schieben Frauen diese Entscheidung hinaus.

Carl Djerassi, einer der Erfinder der Pille.

Biochemiker und Schriftsteller: Carl Djerassi

Carl Djerassi, der mittlerweile auch Bücher schreibt, schildert in einem seiner Theaterstücke, wohin das führen könnte: Junge Männer und Frauen werden Reproduktionsbanken voll tiefgefrorener Spermien und Eizellen anlegen.

Wollen sie ein Kind haben, dann heben sie einfach bei ihrer Bank ab, was sie brauchen. Sobald sie über ein Bankkonto verfügen, lassen sie sich sterilisieren. Sex fände nur noch aus Lust und Liebe und Fortpflanzung unter dem Mikroskop statt. Verhütung wäre überflüssig.

Ganz unrealistisch sei dieses Szenario nicht, sagt Robert Jütte. Als Mitglied der Bundesärztekammer beobachtet er, dass immer mehr Frauen die Hilfe der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen müssen.

Dass Verhütung bald ein Phänomen der Vergangenheit sein werde, diese Prognose wagt der Historiker Jütte aber nicht. Dazu kennt er die Geschichte der Empfängnisverhütung zu genau und weiß, dass sich traditionelle Verhaltensweisen nur sehr langsam ändern.

"Noch heute", sagt er, "wird der 'coitus interruptus' von einigen Paaren praktiziert". Dieser Methode hatte auch bereits der Heilige Augustinus vor gut 1500 Jahre vertraut.

Autorin: Katharina Beckmann

Stand: 01.12.2016, 10:00

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