Doping bei der Tour de France

Tour de France 2005, 11. Etappe: Armstrong und Ullrich

Tour de France

Doping bei der Tour de France

Er war der größte Star der Tour de France – und zugleich ihr größter Betrüger. Der Fall des Lance Armstrong war hart und tief, als er im Oktober 2012 seine sieben Tour-Siege aberkannt bekam – wegen systematischen Dopings. Doch der spektakulärste war bei Weitem nicht der einzige Dopingfall der Tour. Leistungsdruck und falsch verstandener Ehrgeiz trieben die Fahrer schon früh zu drastischen Mitteln. Die Tourleitung versucht mit verschärften Kontrollen und saftigen Strafen Herr der Lage zu werden. Das gelingt ihr allerdings nur bedingt.

Trinkflaschen gefüllt mit Wein

Schon in den ersten Jahrzehnten der Tour de France waren Aufputschmittel unter den Fahrern gang und gäbe. Es handelte sich hier meist um vergleichsweise harmlose Mittel wie Alkohol und Koffein. So war es normal, dass die Trinkflaschen der Fahrer nicht mit Wasser, sondern mit Alkoholika gefüllt waren. Damals standen derartige Mittel noch nicht auf der Dopingliste.

Dopingkatalog setzt Maßstäbe

Schon in den 1920er Jahren setzte eine Diskussion um das Doping und dessen Legalität ein. Es dauerte allerdings noch einige Jahrzehnte, bis schließlich der erste Dopingkatalog gültig wurde. Der Radsportweltverband "Union Cycliste Internationale" (UCI) legte 1966 die ersten Anti-Doping-Bestimmungen fest. Am 28. Juni 1966 fanden dann die ersten Dopingkontrollen der Tour de France überhaupt statt.

Die Fahrer wurden nachts geweckt und von zwei Ärzten auf Einstiche von Injektionen untersucht. Sie mussten auch Urinproben abgeben. Daraufhin kam es zu Streiks unter den Fahrern, die kurz nach Beginn der nächsten Etappe zu Fuß und schiebend ihrem Ärger Luft machten. Die Dopingfahnder kontrollierten nun direkt vor dem Start statt in der Nacht.

Tragischer Ruhm durch Doping-Tod

Gedenkstein für Tom Simpson auf dem Mont Ventoux.

Ein Gedenkstein erinnert heute an Tom Simpson

Ein Jahr später, bei der Tour 1967, starb der britische Fahrer Tom Simpson bei seinem Aufstieg auf den Mont Ventoux. Obwohl er im Gesamtklassement leicht zurücklag, malte er sich Siegeschancen aus und setzte alles auf eine Karte. Kurz vor dem Ziel fuhr er nur noch Schlangenlinie und fiel schließlich vom Rad.

Nach dem ersten Sturz konnte er sich noch einmal aufrappeln, beim zweiten blieb er liegen und erlitt einen Herzstillstand. Der tödliche Cocktail: Amphetamin in Kombination mit Alkohol, sengender Hitze, Dehydrierung und Überanstrengung. Fünf Jahre zuvor hatte Simpson noch als erster Brite das gelbe Trikot getragen.

Fahrer dopen weiter

Auch der Tod ihres Kollegen Simpson und die verstärkten Dopingkontrollen hielten die Fahrer der Tour de France in den folgenden Jahrzehnten nicht vom Dopen ab. Um die Dopingfahnder auszutricksen, ließen sie sich allerhand einfallen. Einige Fahrer betrogen zum Beispiel mit fremdem Urin, den sie sich in einem Beutel unter den Arm banden.

Über einen Schlauch bis zum Handgelenk konnten sie so saubere Urinproben abgeben. Inzwischen müssen die Fahrer bei Urinproben die Kleidung hochkrempeln und werden vom Kontrolleur beim Wasser lassen beobachtet.

Die Festina-Affäre

Festina-Chef Bruno Roussel.

Der Chef des Teams "Festina": Bruno Roussel

Allerdings waren die Dopenden den Fahndern schon immer einen Schritt voraus. So wäre das Doping des Teams "Festina" allein anhand der Blut- und Urinkontrollen während der Tour 1998 wohl nie aufgefallen. Die Methoden waren so neu, dass kein Labor ohne Weiteres Verdacht geschöpft hätte. Bei einer Grenzkontrolle aber wurden in einem offiziellen Wagen des Teams "Festina" Unmengen an Aufputschmitteln gefunden.

Der Masseur der Mannschaft, Willy Voet, wollte am 8. Juli 1998 die französisch-belgische Grenze überqueren, um zu seinem Team nach Irland zu fahren. Dort sollte die Tour de France in diesem Jahr starten. Die Grenzkontrolle brachte einen großen Vorrat an Dopingmitteln zum Vorschein: 234 Fläschchen Epo, 160 Einheiten Testosteron, 60 Kapseln Asaflow (ein Mittel zur Blutverdünnung) und 80 Ampullen Wachstumshormon.

Nachdem Willy Voet bereits nach der Grenzkontrolle festgenommen worden war, folgten am 15. Juli 1998 auch Teamchef Bruno Roussel und Mannschaftsarzt Eric Ryckart. Während dieser Zeit durften die Fahrer des Teams nach wie vor bei der Tour mitfahren. Als Roussel aber auspackte und angab, dass das komplette Team samt Ärzten, Betreuern und Teamleitung in das generalstabsmäßige Doping verwickelt war, wurde das gesamte Team "Festina" von der Tour ausgeschlossen. Noch am Tag ihrer Festnahme gestanden fünf der insgesamt neun Festina-Fahrer das Doping.

Der Skandal schlug hohe Wellen. Von den 189 Gestarteten bei der Tour de France 1998 wurden letztendlich wegen Ausschlüssen und Rückziehern nur 97 gewertet. Die Fahrer des Teams "Festina" wurden alle mit Sperren belegt. Bruno Roussel und Willy Voet erhielten Bewährungs- und Geldstrafen. Der Mannschaftsarzt Ryckart starb noch bevor der Festina-Prozess begonnen hatte an einer schweren Krankheit.

Der Doping-Fall Fuentes

2006 wurde der Fall Fuentes öffentlich: Der spanische Mediziner Eufemiano Fuentes wurde in seinem Heimatland wegen Dopingverdachts schon länger von der Polizei überwacht. Gemeinsam mit dem Teamchef der spanischen Mannschaft "Liberty Seguros", Manolo Saiz, wurde er schließlich am 23. Mai 2006 in Madrid festgenommen.

Blutkonserve in der Hand einer Person.

Fuentes lagerte Blut zahlreicher Fahrer

Saiz hatte 60.000 Euro bei sich, mit denen er vermutlich Dopingmittel kaufen wollte. In Fuentes' Labor fanden die Ermittler eine große Menge an Dopingprodukten und 200 mit Decknamen versehene Blutbeutel. Vermutlich verbargen sich hinter diesen Codes die Namen zahlreicher Radrennfahrer, die Blut zum Eigenblutdoping hinterlegt hatten.

Bereits wenige Tage nach der Festnahme wurden alle Verdächtigen im Fall Fuentes unter Auflagen freigelassen. Parallel kündigte der Hauptsponsor des spanischen Teams, die spanische Versicherungsgesellschaft "Liberty Seguros", fristlos sämtliche Sponsorenverträge.

Nicht nur "Liberty Seguros" geriet in die Schlagzeilen. Auch das deutsche Team "T-Mobile" und andere waren betroffen. Die Tourleitung schloss schließlich alle Fahrer von der Tour 2006 aus, deren Namen im Zusammenhang mit dem Fall Fuentes genannt wurden. Aus Deutschland mussten daraufhin unter anderem Jan Ullrich und Jörg Jaksche nach Hause fahren.

Der spanische Arzt Eufemiano Fuentes im Gericht in Madrid.

2013 stand Eufemiano Fuentes wieder vor Gericht

Fast täglich wurden nun neue Erkenntnisse im Fall Fuentes veröffentlicht. Auch Jan Ullrich war immer wieder in den Schlagzeilen, beteuerte aber seine Unschuld. Seine aktive Fahrer-Karriere beendete er trotzdem. Am 10. März 2007 stellte die spanische Justiz die Ermittlungen in der Fuentes-Affäre ein. Es sei nicht möglich, die Beschuldigten strafrechtlich zu verfolgen, da zur Zeit des Dopingfundes noch kein Anti-Doping-Gesetz in Spanien rechtskräftig war.

Dennoch wurde der Prozess gegen den spanischen Arzt Ende 2011 wieder aufgerollt. Im April 2013 wurde Fuentes schließlich zu einem Jahr Haftstrafe auf Bewährung und vier Jahren Berufsverbot verurteilt. Die 2006 sichergestellten Blutproben und Computerdaten sollten auf Anordnung der Richterin vernichtet werde. Somit kann nicht mehr nachvollzogen werden, welche Sportler der Arzt gedopt hat. Damit ist der Fall Fuentes abgeschlossen.

2007: Aus für den Tour-Führenden

Michael Rasmussen kurz vor seinem Ausschluss von der Tour de France 2007.

Michael Rasmussen

Bei der Tour 2007 wurde bekannt, dass der Däne Michael Rasmussen vom Team "Rabobank" den Dopingkontrolleuren nicht, wie vorgeschrieben, regelmäßig seine Trainingsorte genannt hatte. Zudem kam heraus, dass er bei Angaben zu seinem Aufenthaltsort gelogen hatte, was laut Anti-Doping Gesetz verboten ist. Daraufhin nahm sein Team "Rabobank" den bis dato Gesamtführenden mit sofortiger Wirkung aus der Tour und entließ ihn wegen der Regelmissachtung aus der Mannschaft.

Im September 2007 wurde bekannt, dass Rasmussen während der Tour mit Dynepo gedopt war, einem Mittel, das bis dahin noch nicht im Dopingkatalog der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) aufgelistet war. Eine strafrechtliche Verfolgung blieb deshalb aus.

Lance Armstrong – vom Star zum Doping-Betrüger

Großaufnahme von Lance Armstrong im gelben Trikot in Jubelpose.

Das gelbe Trikot: der Traum eines Rennprofis

Sieben Mal gewann Lance Armstrong zwischen 1999 und 2005 die Tour de France - so oft wie kein Fahrer zuvor. Und doch geht er nicht als Rekordsieger, sondern als Hauptdarsteller des größten Dopingskandals in die Tourgeschichte ein. Im Oktober 2012 erkannte der Weltradsportverband UCI Armstrong alle Tour-Titel ab, und Verbandspräsident Pat McQuaid fällte das Urteil: "Lance Armstrong hat keinen Platz mehr im Radsport, er muss vergessen werden."

Zuvor hatte die Anti-Doping-Agentur der USA (USADA) Armstrong in einem umfangreichen Bericht systematisches Doping nachgewiesen. Demnach hatte der Texaner selbst manipuliert und ein ganzes Doping-Netzwerk, unter anderem mit Ärzten und Betreuern, aufgezogen. Nach dem Urteil des Weltradsportverbandes bilanzierte Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer: "Ein verseuchtes Jahrzehnt ist endlich aufgearbeitet."

Autoren: Anna Seidel/Christoph Teves

Weiterführende Infos

Stand: 08.04.2016, 11:00

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