Totenhochzeit - Vermählung nach dem Tode

Bestattungskultur

Totenhochzeit - Vermählung nach dem Tode

Wer unverheiratet starb, hatte ein unvollkommenes Leben geführt. Diese in vergangenen Jahrhunderten weit verbreitete Meinung, die sich quer durch Katholizismus und Protestantismus zog, führte zu einem außergewöhnlichen Bestattungsritus: der "Totenhochzeit". Vom 16. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es im deutschsprachigen Raum weit verbreitet, ledig Verstorbene mit einem Totenkranz oder einer Totenkrone zu schmücken, die Hochzeitsschmuck nachempfunden waren. Auf diese Weise wurde eine Art Vermählungszeremonie nach dem Tode durchgeführt.

Die Ehe als gesellschaftliches Ideal

Eine Ausstellungsbesucherin steht gebeugt vor einer Glasvitrine und betrachtet verschiedene Totenkronen.

Totenkronenausstellung in Kassel

In unserer modernen westlichen Gesellschaft mit Singlehaushalten und Individualismus ist es schwer nachzuvollziehen, dass in vergangenen Jahrhunderten nur der Mensch als vollkommen und glücklich galt, der verheiratet war und möglichst viele Nachkommen in die Welt setzte. Diese Anschauung war geprägt vom damals vorherrschenden kirchlich-religiösen Weltbild, hatte aber auch einen gesellschaftlichen Hintergrund.

Die Kirche galt als Institution, deren Dogmen das Leben der Menschen prägte und bestimmte. Uneheliche Gemeinschaften, Lebenspartnerschaften, die nicht durch das kirchliche Sakrament der Ehe abgesegnet waren, galten als unmoralisch. Wer einen entsprechend unsoliden Lebenswandel führte, wurde sozial geächtet. Die Ehe zwischen Mann und Frau wurde als Idealzustand angesehen und galt als Keimzelle für die gesunde Gesellschaft. "Seiet fruchtbar und mehret Euch", lautete der entsprechende biblische Leitsatz.

Totenhochzeit mit Kranz und Krone

Die Idealisierung der Ehe als kirchliche und gesellschaftliche Institution führte zu einem Bestattungsritus, der heute sehr ungewöhnlich anmutet. Bis in die Zeit um 1870, in Einzelfällen sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein, war es im deutschsprachigen Raum gebräuchlich, sogenannte Totenhochzeiten abzuhalten. Frauen, Männer und Kinder, die unverheiratet starben, wurden nach ihrem Ableben oft mit einer reich verzierten Totenkrone geschmückt. Sie wurde den Verstorbenen auf den Kopf gesetzt, in die Hand gegeben, auf oder vor den Sarg gelegt.

Vor einer Glasvitrine sieht man die zwei Hinterköpfe von Besucherinnen. Sie betrachten eine Totenkrone. Die Krone ist einem Buchsbaumgeflecht nachempfunden und seitlich mit bunten Bändern verziert

Totenkrone aus Thüringen

Auch Totenkränze wurden für diese Feierlichkeiten benutzt. Ob Kranz oder Krone, beide Symbole sahen dem entsprechenden Hochzeitsschmuck damaliger Tage sehr ähnlich. Diese Ähnlichkeit war gewollt, denn die Totenkrone oder der Totenkranz sollten eine Art Entschädigung für die nicht gefeierte Hochzeit zu Lebzeiten sein. Die prachtvollen Gebilde waren, je nach finanziellen Möglichkeiten und je nach Stand der Hinterbliebenen, aufwendig gestaltete Schmuckstücke, die aus verschiedenen Materialien gefertigt wurden. Sie waren wie Königskronen aus Silber oder Gold geschmiedet, zeigten filigran eingravierte Verzierungen oder waren bunt bemalt. Sie bestanden aus regionaltypisch gewebten und gefärbten Leinenstoffen oder waren als reiche Blumengebinde liebevoll geflochten.

Kostspieliger Totenkult

Die ledig Verstorbenen mit Kranz und Krone zu schmücken, war eine in ganz Deutschland verbreitete volkstümliche Sitte, die sich durch katholische wie protestantische Gemeinden gleichermaßen zog. Was bei einer breiten Bevölkerungsschicht überaus beliebt war, wurde von den Kirchenoberen als abergläubischer und gar heidnischer Brauch abgetan und verurteilt. Schon im 17. Jahrhundert versuchte man der damals noch neuen (Un-)Sitte mit Verordnungen zu Leibe zu rücken, aber ohne den erhofften Erfolg. Zu verbreitet war der Ritus, als dass man ihn hätte abschaffen können.

Eine Totenkrone mit Rosenblüten verziert, auf einem Kissenbett.

Totenkrone mit Rosenblüten

Nur in einem Punkt konnte man den skurrilen Bestattungskult zumindest abschwächen. Es war nämlich in jener Zeit zu einem ungesunden Wettbewerb unter den Hinterbliebenen ausgeartet, die Toten mit der schönsten und kostbarsten Krone oder dem aufwendigsten Kranz zu schmücken. Dieser kostspielige Luxus verschlang zu viel Geld und brachte manch eine Familie an den Rand des finanziellen Ruins. So wurde es in manchen Gemeinden üblich, statt der kostspieligen Eigenkrone eine Leihkrone für die Zeremonie zur Verfügung zu stellen, die man später gegen Entrichtung einer kleinen Gebühr an den Gemeindeküster zurückgeben konnte. Die Totenkronen, die als Beilagen mit ins Grab gelegt wurden, sind heute von höchstem archäologischem Interesse.

Totenkranzkästen als Kirchenschmuck

Was auf höherer Kirchenebene verpönt war, fand in den Gemeinden selbst wohlwollende Billigung oder gar die Unterstützung seitens der Pfarrer. Sie wollten ihre Gläubigen nicht verärgern und ließen den Brauch der Totenhochzeit zu. Immerhin erhielten ihre Kirchenhäuser durch diesen Bestattungskult auch einen kostenlosen Innenschmuck. Es war nämlich vielerorts üblich, die Kronen und Kränze nach der Beerdigung in extra dafür hergestellten Schaukästen in den Kirchen auszustellen. Den Hinterbliebenen dienten sie auf diese Weise als Erinnerungsstücke und Devotionalien. In einigen Kirchenräumen zierten Hunderte solcher schmucken Totenkranzkästen die Wände.

Holzkasten enthält eine Blumenkrone

Totenkranzkästen schmückten die Kirchen

Doch ab Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden die Kränze und Kronen nach und nach aus den Gotteshäusern. In vielen Gemeinden galten die Brauchtumsrelikte nun als ungeliebte Staubfänger und wurden abgehängt. Auch der Brauch selbst geriet mehr und mehr in Vergessenheit. Schriftsteller Theodor Fontane (1819 bis 1898) beklagte den Verlust dieser lieb gewordenen Erinnerungsstücke allerdings sehr. In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" schrieb er: "Man nimmt den Dorfkirchen oft das Beste damit, was sie haben, vielfach auch ihr - Letztes. ... Nur die Braut- und Totenkronen blieben noch. Sollen nun auch diese hinaus? Soll alles fort, was diesen Stätten Poesie und Leben lieh?"

Autor/in: Alfried Schmitz

Stand: 04.10.2013, 13:00

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