Spezialeinheiten

Die deutsche Polizei

Spezialeinheiten

Terror und Geiselnahmen, Erpressungen und Suizidversuche: Viele Situationen, für die die Polizei zuständig ist, sind von normalen Beamten im Streifendienst kaum oder gar nicht zu bewältigen. In solchen besonders gefährlichen oder komplizierten Lagen kommen die Spezialisten zum Einsatz. Sie stürmen Häuser, führen Verhandlungen, beobachten Verdächtige und schützen Zeugen.

Das Massaker von München und die Folgen

Die Spezialeinheiten der deutschen Polizei wurden nach den Geschehnissen bei den Olympischen Spielen 1972 in München eingerichtet. Dort brachten palästinensische Terroristen elf israelische Sportler und Trainer in ihre Gewalt.

Die Geiselnahme endete in einem Desaster. Das Polizeikommando, das die Geiseln auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck befreien sollte, bestand aus ganz normalen Streifenpolizisten, die nicht als Scharfschützen ausgebildet waren.

Zudem waren sie nicht mit der notwendigen Schutzkleidung ausgerüstet, besaßen keine Nachtsichtgeräte und hatten keinen ständigen Funkkontakt untereinander. Am Ende starben alle Geiseln, fünf der acht Terroristen sowie ein Unbeteiligter.

In der Nachbetrachtung der Ereignisse beschloss die Bundesregierung, eine Spezialeinheit einzurichten, um besser auf terroristische Bedrohungen antworten zu können. Zwar gab es damals schon bei der Bundeswehr Spezialeinheiten, doch das Grundgesetz ließ deren Einsatz im Inland nicht zu. Also wurde die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) ins Leben gerufen.

GSG 9: Eliteeinheit der Bundespolizei

Die GSG 9 ist eine Einheit der Bundespolizei (bis 2005 Bundesgrenzschutz) und untersteht dem Bundesinnenminister. Ihre Aufgabe besteht darin, "Menschenleben in Fällen schwerster Gewaltkriminalität zu retten".

In erster Linie kommt die GSG 9 bei Geiselnahmen, terroristischen Bedrohungen und Bombenentschärfungen zum Einsatz. Neben der Bundespolizei unterstützt sie die Länderpolizeien, das Bundeskriminalamt, das Auswärtige Amt und den Zoll.

GSG-9-Eliteeinheit seilt sich aus einem Hubschrauber ab

GSG 9: Einsatz aus der Luft

Auch im Ausland kann die GSG 9 eingesetzt werden – die Erlaubnis des jeweiligen Landes vorausgesetzt. Im Gegensatz zum Einsatz von Bundeswehreinheiten ist dafür kein Bundestagsbeschluss notwendig.

Aus Sicherheitsgründen ist über die Arbeit der GSG 9 wenig bekannt. Die Zahl ihrer Mitglieder liegt genauso im Dunkeln. Mitglieder der GSG 9 dürfen sich öffentlich nicht über ihre Arbeit äußern, die Einsatzdetails gelten als Verschlusssachen.

Bei ihren Einsätzen ist meist mit erheblichem Widerstand zu rechnen, etwa durch den Gebrauch von Sprengstoff oder Schusswaffen. Selbst machten die GSG-9-Beamten in den circa 1800 Einsätzen seit ihrer Gründung jedoch selten Gebrauch von der Schusswaffe

Wer zur GSG 9 will, muss eine mehrjährige Polizeiausbildung hinter sich haben. In einem harten Auswahlverfahren muss die körperliche und psychische Eignung nachgewiesen werden, zudem muss ein Bewerber ein erfahrener und guter Schütze sein. Angeblich bestehen nicht einmal zehn Prozent aller Bewerber die Aufnahmeprozedur.

Mogadischu, Bad Kleinen, Sauerland: GSG 9 im Einsatz

Die Feuertaufe für die GSG 9 fand 1977 während des "Deutschen Herbstes" statt. Ein palästinensisches Terrorkommando hatte eine Lufthansa-Maschine entführt und forderte die Freilassung von elf Terroristen der "Rote Armee Fraktion" (RAF).

Bundeskanzler Helmut Schmidt begrüßt GSG-9-Kommandeur Ulrich Wegener 1977.

Ehrung für den Einsatz in Mogadischu durch Bundeskanzler Schmidt

Am Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu stürmte ein GSG-9-Kommando das Flugzeug und tötete drei der vier Terroristen, während alle 86 Geiseln überlebten – nur eine Stewardess und ein GSG-9-Polizist wurden bei der Befreiung verletzt.

Der erfolgreiche Einsatz begründete den hervorragenden Ruf der GSG 9 in der ganzen Welt. Kommandeur Ulrich Wegener wurde dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

2007 stürmten GSG-9-Beamte im Sauerland das Haus von drei islamischen Extremisten, die Bombenanschläge in Deutschland vorbereitet hatten. Als die Ermittler vermuteten, dass ihre Tarnung aufgeflogen war, mussten die Spezialkräfte kurzfristig eingreifen. Der Einsatz gelang, die Terroristen wurden festgenommen und 2010 zu langen Haftstrafen verurteilt.

Doch es gab auch Fehlschläge bei den Einsätzen der GSG 9. 1993 versuchte ein Kommando, die RAF-Terroristen Wolfgang Grams und Brigitte Hogefeld auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zu verhaften. Doch Grams flüchtete und erschoss einen GSG-Beamten. Danach starb Grams durch einen Kopfschuss. Ein Zeuge will gesehen haben, dass der zu diesem Zeitpunkt wehrlose Terrorist von einem GSG-9-Mann erschossen wurde.

Die Staatsanwaltschaft ging jedoch nach ihren Untersuchungen von Selbsttötung aus. Aufgrund diverser Informationspannen und Ungereimtheiten rund um den Einsatz trat Bundesinnenminister Rudolf Seiters zurück, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde entlassen.

SEK: Spezialeinheiten der Länder

SEK steht für Spezialeinsatzkommando und nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen wird, für Sondereinsatzkommando. Sondereinsatzkommandos waren in der Zeit des Nationalsozialismus Spezialeinheiten der SS (Schutzstaffel). Wie die GSG 9 sind auch die SEK in Deutschland ein Produkt der terroristischen Bedrohung der 1970er Jahre.

1974 einigten sich die Innenminister der Bundesländer darauf, Spezialeinheiten aufzustellen, die einen ähnlichen Auftrag auf Landesebene haben wie die GSG 9 der Bundespolizei.

SEK werden bei Terrorverdacht, Geiselnahmen und Fällen schwerer Gewaltkriminalität alarmiert. Sie kommen im Personenschutz zum Einsatz, etwa bei Staatsbesuchen oder bei Gerichtsverhandlungen. Zudem unterstützen sie oft die Arbeit der Polizei vor Ort.

SEK werden in der Regel immer gerufen, wenn besonders gewaltbereite oder möglicherweise bewaffnete Straftäter festgenommen werden sollen. Auch bei der Rettung suizidgefährdeter Personen sowie in schwierigen und unübersichtlichen Lagen wie etwa Razzien werden SEK-Beamte eingesetzt.

Die meisten SEK-Einsätze finden in den Medien kaum Erwähnung. Doch die SEKs sind weit häufiger im Einsatz als vermutet. Allein in Berlin bewältigten die Spezialeinsatzkräfte im Jahr 2015 insgesamt 555 Einsätze und waren damit umgerechnet mehr als 1,5 Mal pro Tag in Aktion.

Vermummt, fit und belastbar

Um die Sicherheit der eigenen Person sowie die von Angehörigen zu gewährleisten, sind SEK-Kräfte in der Regel vermummt. Ihre Ausbildung ist ähnlich anspruchsvoll wie die der GSG-9-Beamten. Körperliche Fitness und ein hohes Maß an psychischer Belastbarkeit sind Grundvoraussetzung.

SEK-Beamte stürmen um die Ecke

In kritischen Situationen kommt das SEK

Und auch dann ist die SEK-Mitgliedschaft nur von begrenzter Dauer. In der Regel endet der aktive Dienst spätestens mit Mitte 40. Danach kehren die Beamten wieder in den normalen Polizeidienst zurück.

Verhandlungen führen, Verdächtige verfolgen

SEK-Mitglieder arbeiten oft eng mit Mobilen Einsatzkommandos (MEK) zusammen. Diese kommen bei Festnahmen im Rahmen von "mobilen Lagen" zum Einsatz, etwa wenn die Zielperson mit dem Auto oder zu Fuß unterwegs ist.

Die Hauptaufgabe besteht jedoch in der Observation. MEK beobachten und verfolgen Straftäter – entweder mit Personen oder mit technischen Hilfsmitteln wie Kameras, Peilsendern und Telefonüberwachungen. Oft sind es die Erkenntnisse der MEK, die zum Einsatz eines SEK führen.

Mobiles Einsatzkommando observiert eine verdächtige Person

Das MEK ist für "mobile Lagen" zuständig

Weitere Spezialkräfte der Polizei sind Technischen Einsatzgruppen (TEG) und Verhandlungsgruppen (VG). Verhandlungsgruppen werden vor allem bei Geiselnahmen, Entführungen, Erpressungen und Suiziddrohungen eingesetzt. Teilweise versorgen und betreuen sie auch Opfer und Angehörige. Ihre Mitglieder sind psychologisch besonders geschulte Polizisten.

Die Technischen Einsatzgruppen arbeiten den SEK, MEK und VG zu, wenn größere technische Herausforderungen wie Sprengungen, komplizierte Ortungen oder Überwachungen zu bewältigen sind.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 08.11.2016, 10:06

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