Stalking

Verbrechen

Stalking

Sie bombardieren einen mit SMS, belästigen Familie und Freunde oder lauern einem auf – Stalker können ihren Opfern das Leben zur Hölle machen. Im Extremfall verletzen oder töten sie den Menschen, dem sie nachstellen. Warum jemand zum Stalker wird, kann verschiedene Ursachen haben, etwa eine Liebe, die nicht erwidert wird. Auch Rache oder Hass können ein Grund für das stetige Nachstellen sein. Die Täter sind oft keine Unbekannten: Es sind vor allem Expartner, Nachbarn oder Arbeitskollegen, die zu Stalkern werden.

Wie der Psychoterror verläuft

Jeden Tag Anrufe, Geschenke, Mails - Stalkern ist jedes Mittel recht, um mit ihrem Opfern Kontakt aufzunehmen. Oft fängt es harmlos an, mit ein oder zwei SMS pro Tag. In diesem Stadium reagieren viele Stalkingopfer noch auf die Kontaktversuche.

Sie schreiben ihrem Peiniger etwa, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen. Manche treffen sich sogar mit ihm. Sie glauben, dadurch die Situation entschärfen zu können. Doch viele Stalker motiviert das weiterzumachen.

Das Stalking geht richtig los. Der Täter bombardiert sein Opfer mit Nachrichten oder vermeintlichen Liebesbekundungen. Er sucht dessen Nähe, wartet vor der Wohnung oder im Lieblingscafé des Opfers. Einige Stalker belästigen auch Familie und Freunde. Bekommt der Stalker nicht das, was er will, kann die Situation eskalieren. Er kann das Opfer oder seine Angehörigen verletzen - und im schlimmsten Fall töten.

Es gibt verschiedene Typen von Stalkern

Das Stalking verläuft nicht immer gleich. In der Regel kennen sich Täter und Opfer. Doch das muss nicht immer so sein. Auch ein vollkommen Unbekannter kann einem anderen Menschen nachstellen. Oft sind davon Personen betroffen, die berühmt sind, etwa Schauspieler oder Sänger. Wissenschaftler unterscheiden fünf Typen von Stalkern:

1. Der Stalker, der zurückgewiesen wurde

In etwa der Hälfte aller Stalkingfälle handelt es sich bei dem Täter um den Expartner des Opfers. Durch die Trennung fühlt sich der Stalker zurückgewiesen. Er will sich rächen oder die Person zurückgewinnen, die er immer noch liebt.

2. Der Stalker, der Liebe sucht

Es gibt auch Fälle, in denen der Stalker sein Opfer nicht kennt. Trotzdem glaubt er, diese Person zu lieben und ist davon überzeugt, dass diese auch so empfindet. Er leidet an einer Art Liebeswahn.

3. Der Stalker, der Gefühle falsch versteht

Einige Menschen werden zum Stalker, weil sie Gefühle und Situationen nicht richtig einschätzen können. Sie deuten das Verhalten ihres Opfers falsch. Zurückweisung wird von ihnen nicht als solche erkannt.

4. Der Stalker, der Rache sucht

Ein anderes Motiv für Stalking kann Rache sein. Der Täter glaubt, ihm sei Unrecht geschehen - und er gibt seinem Opfer dafür die Schuld.

5. Der Stalker, der einen Übergriff plant

Gefährlich sind Stalker, die jemandem nachstellen, weil sie ihn sexuell missbrauchen wollen. Durch das Stalking wollen sie dessen Gewohnheiten kennenlernen. In manchen Fällen setzen die Täter ihren Plan in die Tat um.

Ein Mann schaut durch Jalousien. Er zieht sie mit seinen Händen etwas herunter.

Ein Mann späht durch die Jalousien

Der Terror kann Spuren hinterlassen

Wer von einem anderen Menschen belästigt oder verfolgt wird, kann krank werden. "Die Opfer können psychisch erkranken, zum Beispiel an Depressionen oder Angststörungen", sagt Harald Dreßing. Der Mediziner leitet die Forensische Psychologie am Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim und erforscht das Stalking.

Viele Stalkingopfer haben Schlafprobleme oder Panikattacken. Sie trauen sich nicht mehr aus dem Haus, fühlen sich beobachtet und verfolgt. Hinter jeder Ecke, hinter jedem Busch vermuten sie den Stalker. Die ständige Angst kann auch Suizidgedanken hervorrufen.

Einige Betroffene werden zudem krank. Sie leiden etwa an Kopf- und Magenschmerzen, die chronisch sind. "Stalking kann aber auch lebensbedrohlich sein. Bei dem eskalierenden Stalking gibt es Fälle, in denen der Täter sein Opfer tötet", sagt Dreßing.

Eine Frau steht in ihrer Wohnung und schaut aus dem Fenster. In dem Zimmer ist dunkel.

Eine Frau steht alleine vorm Fenster

Jeder kann zum Opfer eines Stalkers werden

Im Schnitt ist etwa jeder Achte mindestens einmal in seinem Leben das Opfer eines Stalkers. Das belegt eine Studie von 2004. Für die Untersuchung befragten Forscher des Mannheimer Zentralinstituts 679 Personen. Die Befragten waren zwischen 18 und 65 Jahren alt. Mehr als die Hälfte von ihnen war weiblich.

Mehr als elf Prozent der Befragten gaben an, schon einmal in einem Zeitraum von zwei Wochen mehr als zweimal von jemandem belästigt worden zu sein. Die Betroffenen erhielten Telefonanrufe und Mails, die ihnen unangenehm waren. Auch lauerte ihnen jemand auf. "Das Ergebnis zeigt, dass Stalking ein weit verbreitetes Problem ist, das sehr ernst genommen werden muss", sagt Harald Dreßing, der die Studie mit Kollegen durchgeführt hat.

Andere Wissenschaftler sehen die Ergebnisse zum Teil kritisch. Sie bemängeln etwa, dass die Definition von Stalking, die der Studie zugrunde liegt, zu weit gefasst sei. Zudem sei die Strichprobe relativ klein gewesen. Aussagen, die sich auf die Gesamtbevölkerung beziehen, ließen sich daher nicht treffen. Dennoch: Die Mannheimer Studie ist die bislang einzige in Deutschland, die sich überhaupt mit der Verbreitung von Stalking befasst.

Eine Frau sitzt auf einem Sofa. Sie blickt auf ihr Handy, das sie in der Hand hält. Am Fenster steht ein Mann, der sie beobachtet.

Ein Mann beobachtet eine Frau durchs Fenster

Die Täter sind oft Männer, die Opfer Frauen

Die Opfer von Stalking sind in der Regel weiblich, die Täter männlich. Das zeigen verschiedene Studien. Oft leben die Frauen alleine und haben sich von dem Mann getrennt, der ihnen später nachstellt. Viele Betroffene haben zudem in ihrer Vergangenheit bereits Erfahrungen mit Gewalt gemacht, sagt etwa Ingrid Beck, die selbst Opfer eines Stalkers war und den Verein "Gemeinsam gegen Stalking" gegründet hat.

"Es gibt bestimmte Strickmuster, auf die ein Stalker anspringt", sagt Beck. "Und natürlich hängt es auch mit eigenen Erfahrungen zusammen, die ein Mensch gemacht hat." Mehr als 95 Prozent der Frauen seien vor dem Stalking schon einmal Opfer von Gewalt gewesen. Sie seien sexuell missbraucht oder von ihren Eltern geschlagen worden. Schon früh hätten die Betroffenen gelernt: Wer sich nicht wehrt, überlebt. Dieses Verhaltensmuster zeige sich auch Jahre später noch.

Der Hinterkopf eines Mannes. Am Ohr hält er ein Handy. Er trägt eine Sonnenbrille.

Stalker sind in der Regel männlich

Wer stalkt, kann im Gefängnis landen

Seit 2007 gilt Stalking als Straftat gegen die persönliche Freiheit, worunter auch Straftaten wie Menschraub, Kinderhandel und Zwangsheirat fallen. Stalking ist also kein ein Kavaliersdelikt: Wer einem anderen Menschen nachstellt, kann dafür bis zu drei Jahre im Knast landen oder zu einer Geldstrafe verurteilt werden. Das besagt Paragraph 238 im Strafgesetzbuch (StGB).

2012 registrierte das Bundesinnenministerium etwa 24.500 Fälle von Stalking gemäß Paragraph 238 StGB (Kriminalstatistik 2012). Die Zahl der Urteile ist allerdings geringer. Denn der Stalkingparagraph greift nur selten.

"Er ist gut gedacht, aber schlecht gemacht", sagt Ingrid Beck. "Wenn Sie heute in Deutschland unbescholtener Bürger sind, können Sie jemanden richtig fertig machen, ohne dass Sie mit Konsequenzen zu rechnen haben." Mehr als 90 Prozent aller Verfahren im Stalkingbereich würden eingestellt, sagt die Stalkingberaterin.

Ein Mann sitzt auf dem Bett in einer Gefängniszelle. Ein Vollzugsbeamter verschließt die Tür.

Ein Vollzugsbeamter schließt einen Gefangenen ein

Das bestätigt auch Harald Dreßing vom ZI in Mannheim. "Der neue Straftatbestand hat sich als ein stumpfes Schwert erwiesen, um gegen Stalker vorzugehen", sagt er. Zudem gäbe es eine hohe Dunkelziffer, was die Zahl der Stalkingopfer betrifft.

Autorin: Andrea Böhnke

Stand: 23.07.2015, 09:00

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