Terrorbekämpfung

Verbrechen

Terrorbekämpfung

Teppichmesser und Pfefferspray - mehr hat es am 11. September 2001 nicht gebraucht, um die Supermacht Amerika zu erschüttern. Innerhalb weniger Minuten, so hat man später das Geschehen an Bord der vier Todesmaschinen rekonstruiert, konnten sich die Terroristen Zugang zum Cockpit verschaffen und die Flugzeuge in ihre Gewalt bringen. Die Kontrollen beim Check-in: zu lasch. Die Arbeit der Geheimdienste: wirkungslos. In der Logik des Terrorismus waren die Anschläge damit auf perfide Weise effizient: wenig Aufwand, maximale Wirkung. Genau deshalb ist der Terror so schwer zu bekämpfen.

Strategien der Angst: was Terroristen wollen

Aus den beiden Türmen des World Trade Centers steigen graue Rauchwolken auf.

Eine Supermacht wird erschüttert

Seit dem 11. September ist das Selbstbewusstsein der westlichen Welt nicht mehr, wie es früher war. Wie konnte es geschehen, dass weder Sicherheitsvorkehrungen noch Terrorfahnder in der Lage waren, die Attentäter zu stoppen? Kontrolliert wurden Passagiere auch damals schon; bei manchen der Terroristen hatte sogar der Metalldetektor angeschlagen, doch bei der nachfolgenden Durchsuchung hatten die Sicherheitsbeamten offenbar geschlampt.

Genauso die Nachrichtendienste: Mehrere der Attentäter waren ihnen bekannt, einige gar für Monate observiert worden - ohne Konsequenzen. Für die Terroristen war es offensichtlich denkbar einfach gewesen, Tausende Menschen mit in den Tod zu reißen und ein ganzes Land in Furcht und Schock zu versetzen.

Dieses Ungleichgewicht von Aufwand und Ertrag macht die Strategie des Terrorismus aus. Terroristen führen keinen klassischen Krieg: Sie wollen keine Regierung in die Knie zwingen, kein Land verwüsten, kein Territorium unter ihre Kontrolle bringen - zumindest nicht sofort. Was sie wollen, ist zugleich subtiler und einfacher: Aufmerksamkeit erregen. Angst schüren. Verunsichern.

Verschiedene Ziele - ähnliche Mittel

Archivbild: Hanns Martin Schleyer als Geisel der RAF.

Arbeitgeberpräsident Schleyer in der Hand der RAF

Wen Terroristen angreifen, kann variieren. Die Rote Armee Fraktion (RAF) in der Bundesrepublik oder die kommunistischen Roten Brigaden in Italien hatten es während der Terrorwelle der 1970er Jahre vor allem auf die Spitzen des Systems abgesehen - auf Politiker, Banker, Wirtschaftsbosse, die in ihren Augen Ausbeuter waren. Ihnen wollten sie signalisieren: Seid euch nicht zu sicher.

Andere Terrororganisationen wie die baskische ETA oder die nordirische IRA (Irisch-Republikanische Armee) wollten und wollen zum Teil bis heute ihre Region von vermeintlichen Besatzern befreien: das Baskenland soll von Spanien, Nordirland von Großbritannien unabhängig werden. Dieses Ziel versuchten sie mit Mitteln herbeizubomben, die dem islamistischen Terror von heute sehr ähnlich sind: mit Anschlägen im öffentlichen Raum - dort, wo eine Gesellschaft am verwundbarsten ist.

Nagelfeile und Zahnpasta: die Niederungen der Terrorabwehr

Wie kann man einen Gegner bekämpfen, der jederzeit und überall losschlagen kann? Noch dazu einen Gegner, der zu allem entschlossen ist? Eine mögliche Antwort: mehr Kontrolle. Besonders auf Flughäfen sind seit dem 11. September 2001 die Sicherheitsvorkehrungen immer engmaschiger geworden. Wie jeder Flugpassagier weiß, sind Messer, Scheren, ja sogar Nagelfeilen im Handgepäck inzwischen verboten.

Bei weiteren Maßnahmen haben die Behörden aus vereitelten Anschlägen gelernt: Im Dezember 2001 versuchte ein britischer Terrorist, in seinen Schuhsohlen Sprengstoff in einen Transatlantikflug zu schmuggeln - seither bewegen sich die meisten Passagiere auf Socken durch die Sicherheitsschleuse, ihr Schuhwerk wird durchleuchtet. 2006 flog ein geplanter Anschlag mit Flüssigsprengstoff auf - nun ist selbst die Tube Zahnpasta aus dem Handgepäck verbannt. Und auch an Bord selbst gab es schnell Veränderungen: Die Tage, an denen man als Passagier mal eben im Cockpit vorbeischauen konnte, sind vorbei.

Wie viel der ganze Aufwand bringt, ist schwer zu sagen. Selbst die Röntgenprüfgeräte, mit denen Frachtgut und Gepäck durchleuchtet werden, können falsch liegen - ein einfacher Schokoriegel sieht da schnell wie Plastiksprengstoff aus, und dann hilft nur der prüfende Blick eines Security-Beamten. Sicher sind nur die hohen Ausgaben. Ein Drittel der operativen Kosten wenden Flughäfen inzwischen für Sicherheitskontrollen auf.

Flughäfen kann man schützen, Bahnhöfe kaum

Der Anschlagsgefahr im öffentlichen Nahverkehr oder auf Bahnhöfen ist mit Flughafen-Methoden nicht beizukommen. Gezeigt haben das beispielsweise die Kofferbombenattentate von Köln 2006: Hier hätten zwei Gepäckstücke mit selbst gemischtem Sprengstoff genügt, um in Nahverkehrszügen eine Katastrophe auszulösen. Ein Glück nur, dass den Attentätern beim Bauen ihrer Sprengvorrichtung ein Fehler unterlaufen war.

Drei unscharfe Bilder einer Überwachungskamera, die junge Männer mit Rucksäcken und Rollkoffern zeigen.

Blutiger Plan: die Kofferbomber von Köln

Deshalb fordern Behörden und Verkehrsunternehmen nun verstärkt die Öffentlichkeit zur Wachsamkeit auf - mit Hinweisschildern, Durchsagen auf Bahnsteigen, bisweilen sogar mit gezielten Warnungen durch den zuständigen Minister, die es bis in die Nachrichten schaffen. So nützlich diese Maßnahmen sein mögen, spielen sie doch auch den Terroristen in die Hände: weil sie genau die Angst und Unsicherheit verbreiten, die diese erzeugen wollen.

Geheimdienste: Beschützer oder Big Brother?

Da scheint es effektiver zu sein, einen möglichen Anschlag im Vorfeld zu verhindern - durch die gezielte Arbeit der Nachrichtendienste. Auch hier hat der deutsche Gesetzgeber nach den Anschlägen von New York Nachholbedarf gesehen und mit dem Terrorismusbekämpfungsgesetz von 2002 mehrere bereits bestehende Gesetze verschärft. Seither darf sich der Verfassungsschutz etwa Konto- und Überweisungsdaten von Terrorverdächtigen beschaffen, Fluggesellschaften zur Herausgabe von Passagierdaten auffordern und Handys orten. Die Zentralkompetenz zur Terrorbekämpfung, bis dahin auf mehrere Behörden verteilt, liegt nun beim Bundeskriminalamt.

Datenschützer sehen diese Maßnahmen kritisch - Deutschland drohe zum Überwachungsstaat zu werden; Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen würden unzulässig eingeschränkt. Viele verweisen dabei auf die Erfahrungen im "Deutschen Herbst" von 1977: Damals habe die Jagd auf RAF-Terroristen ein Klima geschaffen, in dem selbst die Einschränkung von Grundrechten denkbar schien.

Immerhin haben die Ermittler Erfolge vorzuweisen. 2007 etwa gelang es ihnen, drei junge Männer und deren Helfer festzunehmen, die sogenannte Sauerland-Gruppe. Sie hatten einen Anschlag in Deutschland geplant und bereits den Sprengstoff dafür besorgt. Erste Hinweise über abgefangene E-Mails nach Pakistan hatte der US-Geheimdienst CIA geliefert; deutsche Ermittler kamen den Männern dann mittels abgehörter Telefonate und verwanzter Wohnungen auf die Spur. Das Ausmaß des geplanten Attentats soll enorm gewesen sein: 550 Kilogramm Sprengstoff hatten die Männer zur Verfügung - zum Vergleich: Die Rucksackbomber von London, die im Juli 2005 U-Bahnen und Busse sprengten, hatten jeweils nur drei bis fünf Kilo bei sich.

Die Wurzeln des Terrors

Bei aller Zufriedenheit über den vereitelten Anschlag alarmierte die Deutschen doch eines: Zwar hatten die Terroristen einen islamistischen Hintergrund wie die Attentäter des 11. September; doch sie waren in Deutschland aufgewachsen, zwei von ihnen sogar erst als Jugendliche zum Islam konvertiert. Woher kam ihr Hass auf westliche Werte?

Fragen wie diese zielen auf die strukturellen Ursachen des Terrors - und öffnen den Blick für Strategien der Terrorbekämpfung, die Anschlagspläne nicht nur vereiteln, sondern sie gar nicht erst entstehen lassen wollen. So rekrutieren Terrororganisationen ihren Nachwuchs oft aus dem Heer der Unzufriedenen und Abgehängten; weltweite Armutsbekämpfung ist deshalb immer auch ein Stück weit Terrorbekämpfung. Jenseits materieller Erwägungen fordern viele Muslime aber auch schlicht mehr Respekt für ihre Religion.

Ob die Umsetzung dieser Forderung einen zu allem entschlossenen Terroristen von seinem Vorhaben abbringen könnte, ist zwar mehr als fraglich. Für die Bewunderung jedoch, der er sich in manchen Teilen der Welt sicher sein kann, gäbe es damit kaum noch einen Grund. Und das könnte zumindest dieser Art des Terrors auf längere Sicht Einhalt gebieten.

Autorin: Kerstin Hilt

Stand: 17.09.2015, 10:00

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