Finanzkrise 2008

Börse

Finanzkrise 2008

Schwarzer Montag an der Wallstreet: Die Aktienkurse rauschen in den Keller. Mit dem Zusammenbruch der Investmentbank "Lehman Brothers" am 15. September 2008 erreicht die Finanzkrise ihren Höhepunkt – tausende Angestellte müssen die viertgrößte Investmentbank der Welt räumen. Die Kommentare rund um den Globus sind einhellig: "Es ist die schlimmste Krise seit dem schwarzen Freitag von 1929" oder: "Die Welt, so wie wir sie kennen, wird nicht mehr dieselbe sein".

Die Immobilienkrise in den USA

Die Zentrale der Investmentbank Lehman Brothers in New York.

Die viertgrößte Investmentbank der Welt

Als Auslöser der Finanzkrise gilt das Platzen der Immobilienblase in den USA. Immer mehr Amerikaner mit einem geringen Einkommen erhielten einen Kredit zum Kauf eines Hauses. Im Extremfall hatten die amerikanischen Häuslebauer nicht mal einen Job und auch sonst keinen Besitz, um den Kredit abzusichern. Dies waren dann die sogenannten Ninja-Kredite: No income, no job, no asset (englisch für: kein Einkommen, keine Arbeitsstelle, keine Vermögenswerte).

Der Kreditmarkt handelte oft mit schlecht informierten Kunden. Manchen wurden die Kredite regelrecht aufgedrängt, mit dem Versprechen, damit ein Vermögen machen zu können. Da auf dem Geldmarkt viel und vor allem billiges Geld vorhanden war, konnten die Banken auch viele Kredite vergeben. Ein Fehler des damaligen Notenbank-Chefs Alan Greenspan war es, bei jeder konjunkturellen Eintrübung sofort viel Geld in den Markt zu pumpen und das Zinsniveau dauerhaft tief zu lassen. Eine solche Krise war das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000, als die Technologiewerte an den Börsen in den Keller rauschten. Als Reaktion auf die Internetkrise wurde der Markt mit billigem Geld geflutet.

Schild vor einem zwangsversteigerten Wohnhaus in Denver

Ende 2006 war der Traum zu Ende

Für die Hausbesitzer war da noch alles in Ordnung. Solange die Häuserpreise stiegen, konnten die Menschen auch mit neuen Krediten ihre alten Hypotheken abbezahlen. Oft nahmen sie nicht wahr, dass im Vertrag ein flexibler Zinssatz vereinbart war, der zuerst tief angesetzt war und im Verlauf immer weiter anstieg. Als die amerikanischen Leitzinsen wieder stiegen, fielen die Häuserpreise und der Traum vom eigenen Haus löste sich in Luft auf. Bereits Ende 2006 konnten viele Amerikaner, die sich ein Eigenheim auf Pump gekauft hatten, ihre Raten nicht mehr bezahlen. Die Immobilien mussten zwangsversteigert werden.

Wie aus der Immobilienkrise eine Bankenkrise wurde

Die Banken gingen in ihrer Geschäftspraxis immer größere Risiken ein. Durch den vermehrten Einsatz von Fremdkapital wollten die Banken einen immer höheren Gewinn erzielen. Ein solch risikoreiches Geschäft war der Handel mit den amerikanischen Immobilienkrediten. Die Investmentbanken übertrugen die Hypotheken guter, mittlerer und schlechter Bonität an Zweckgesellschaften, die daraus handelbare Wertpapiere kreierten, sogenannte Mortgage Backed Securities (MBS, englisch für: durch Hypotheken gesicherte Wertpapiere).

Diese Wertpapiere wurden wiederum in Fonds zu sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDO) gebündelt. Das bedeutet, es wurden forderungsbesicherte Wertpapiere mit anderen Finanzprodukten zusammengefasst. Man glaubte durch die unterschiedliche Qualität der Kredite einen Puffer zu haben, der den Ausfall eines Kredits abfangen könnte. Das Gefährliche an den neu geschaffenen Finanzprodukten war, dass diese wieder aufgeteilt und zu neuen Wertpapierpaketen geschnürt wurden, die weltweit an Banken verkauft wurden. Das führte schließlich dazu, dass kein Finanzinstitut mehr wusste, welche Papiere sich in seinen Büchern befanden.

Doch das Geschäft lohnte sich für die Investmentbanken. Mit jedem Immobilienkredit, den sie als Wertpapier weiterverkauften, wurde kräftig verdient. Somit hat auch das Vergütungssystem der Banken die Krise weiter verschärft. Denn je höher der Gewinn einer Bank war, desto höher fiel der Bonus aus, den ein Banker erhielt. Die Gier der Broker, die mit diesen faulen Krediten handelten, war grenzenlos. Dass sich die faulen Kredite, die sich in den strukturierten Finanzprodukten befanden, gut handeln ließen, dafür sorgten die Ratingagenturen. Sie gaben den Wertpapieren oftmals die beste Note: ein Triple A, also ein AAA. Somit ließen sich die Papiere problemlos weltweit verkaufen.

Nachdem die Häuserpreise fielen und viele Immobilien zwangsversteigert wurden, mussten die Käufer der kreditversicherten Hypotheken, darunter viele Banken, Abschreibungen in Milliardenhöhe machen. Bereits im Sommer 2007 kam es zu einem ersten Höhepunkt der Krise. Die Banken vertrauten sich gegenseitig nicht mehr und liehen sich kein Geld mehr. Schon da gerieten die weltweiten Finanzströme ins Stocken. Zwar sorgten die Zentralbanken für Liquidität, aber schließlich wurde ein Jahr verschenkt, um Schlimmeres zu verhindern.

Der Verlauf der Krise

Nachdem am 15. September 2008 die Investmentbank "Lehman Brothers" Insolvenz angemeldet hatte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Börsenwerte gingen weltweit auf Talfahrt. Zwei Tage später musste der Versicherungsriese AIG von der US-Notenbank mit 85 Milliarden Dollar gerettet werden. Am 19. September kündigte die US-Regierung an, die Finanzbranche mit 700 Milliarden Dollar zu stützen.

In der letzten Septemberwoche brach die größte US-Sparkasse "Washington Mutual" zusammen und die Regierungen der Benelux-Staaten retteten den Finanzkonzern "Fortis" mit insgesamt 11,2 Milliarden Euro. Am 7. Oktober warnte der isländische Ministerpräsident vor einem "Staatsbankrott" und übernahm die Kontrolle über das Bankensystem. Die Insel im Atlantik konnte ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Die Banken waren tief in den Strudel der Finanzkrise hineingeraten.

Die Firmenzentrale der Hypo Real Estate Holding AG, in München.

Die Hypo Real Estate Holding AG in München

Am 13. Oktober 2008 griff die Bundesregierung ein. Sie beschloss das teuerste Gesetz der deutschen Geschichte: mit einem Rettungsschirm für die Banken, der fast 500 Milliarden betrug. Deutsches Sorgenkind war die "Hypo Real Estate", die immer wieder mit Milliardenkrediten und Garantiezusagen vor dem Untergang bewahrt wurde. Insgesamt pumpte der deutsche Staat 102 Milliarden Euro in die Bank, die schließlich verstaatlicht wurde.

Die Welt im Strudel der Wirtschaftskrise

Ford PKW-Produktion am Produktionsstandort Saarlouis: Ein Mechaniker bei der Radmontage am Ford Focus.

Die Automobilindustrie ist von der Krise besonders betroffen

Doch bei der Finanzkrise blieb es nicht: Bereits Ende 2008 war klar, dass Deutschland, die USA und viele andere Industrieländer in eine Rezession, die größte nach dem Zweiten Weltkrieg, rutschten. Der Konsum weltweit, vor allem in den USA, ging stark zurück. Autos und andere Konsumgüter wurden nicht mehr gekauft, die Industrieproduktion brach massiv ein. Da die deutsche Wirtschaft extrem exportorientiert ist, traf es sie besonders hart, vor allem die Bereiche Automobilindustrie und Maschinenbau. Mit Konjunkturprogrammen versuchen die Staaten weltweit die Folgen der Wirtschaftskrise einzudämmen.

Von der Finanzkrise zur Währungskrise

Warum die Finanzkrise in eine europäische Währungskrise und damit in eine Staatsschuldenkrise überging, ist mit grundlegenden strukturellen Problemen zu erklären. Zum einen waren in der Währungsunion die Zinssätze auf einem niedrigen Niveau. Dies ermöglichte auch Ländern mit schwächerer Wirtschaft zu guten Bedingungen Kapital zu leihen. So gelang es etwa Griechenland und Portugal an Geld zu kommen – und dafür nur wenig Zinsen zahlen zu müssen. Sie liehen mehr Geld als es ihre reale Wirtschaftskraft eigentlich zuließ.

Zum anderen brachte die Finanzkrise ein erhöhtes Risikobewusstsein bei den Finanzgebern mit sich, die nun versuchten, defensiver zu arbeiten. Kapital wurde eingefroren, die Bestandsbedingungen wurden verteidigt. Außerdem wurden die Risiken, teilweise von Ratingagenturen, neu und damit meist schlechter bewertet. Man befürchtete, dass sich die Probleme von finanzschwächeren Ländern auch auf andere europäische Staaten auswirken könnten.

Griechenland schlittert in die Krise

Die Immobilienkrise in den USA wurde von der EU als unproblematisch für die Eurozone deklariert und nationale Lösungen beim Zusammenbruch des Bankensystems gesucht, anstatt gemeinsame Lösungen zu finden. Die Staatsverschuldung fast aller europäischer Länder stieg enorm an, um die nationalen wie internationalen Bankensysteme zu stabilisieren.

Eine Euromünze auf einer Griechenlandkarte.

Euroländer in Finanznot

Durch die hohen Verschuldungen vertrauten die Gläubiger einigen Eurostaaten immer weniger. Um innerhalb der Eurozone wieder Vertrauen in den Euro als Währung herzustellen und um neue Kredite aufnehmen zu können, versuchten zunächst die einzelnen Länder durch Sparbemühungen den Gläubigern ein positives Zeichen zu geben. Die Währungsunion an sich sollte nicht die Kosten tragen.

Im Winter 2009 stiegen die Zinsen für griechische Staatsanleihen rasant an, sodass immer stärker an der Kreditwürdigkeit Griechenlands gezweifelt wurde. Die Euro-Partner versuchten zunächst, dies als nationales Problem darzustellen. Es wurde aber schnell klar, dass Griechenland nur mithilfe der EU vor dem Bankrott bewahrt werden konnte. Die Europäische Zentralbank (EZB) wurde 2010 zum Gläubiger, die Euro-Partner zu Bürgen.

Mehr und mehr Staaten gerieten in die Schuldnerrolle. Die Eurostaaten konnten Kredite beantragen, erhielten diese aber nur unter hohen Sparauflagen. Das ist bis heute so. Die Kontrolle dafür übernimmt die Troika. Das ist ein Dreiergespann, das sich aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfond zusammensetzt. Die Haushaltsprobleme der Staaten in der Eurozone beinhalten aber unkontrollierbare Risiken, sodass nicht sicher ist, ob die Sparbemühungen der einzelnen Staaten und die Kredite der Geberländer und Kreditanstalten wirklich helfen, die Konjunkturen wieder anzukurbeln.

Autoren: Sabine Kaufmann/Matthias Bude

Stand: 14.07.2016, 11:00

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