Fairtrade – Wie fair ist fairer Handel?

Ein Einkaufswagen mit Fairtrade-Produkten.

Wirtschaft

Fairtrade – Wie fair ist fairer Handel?

Wo das Fairtrade-Siegel drauf ist, ist auch fairer Handel drin – davon gehen die meisten Verbraucher aus. Sie wollen mit dem Kauf fair produzierter Waren dazu beitragen, den Bauern und Arbeitern in den Dritte-Welt-Ländern ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch wie fair ist der faire Handel wirklich? Eine Studie sorgte 2014 für Aufsehen – die Organisation TransFair hält dagegen.

Darum geht's:

  • Das Fairtrade-Siegel wird weltweit nach gleichen Standards vergeben.
  • Studie: Nicht alle Arbeiter in zertifizierten Betrieben profitieren.
  • Kritiker mahnen an, dass Prüfer besser kontrollieren sollten.

Hungermärsche für fairen Handel

Ein T-Shirt für drei Euro aus Bangladesch? Dass die Näher in den Textilfabriken mit Hungerlöhnen zurechtkommen müssen, ist nicht schwer auszurechnen.

Bereits in den 1950er und 60er Jahren geraten unlautere Praktiken wie Kinderarbeit und Niedriglöhne in Entwicklungsländern weltweit immer stärker in die Kritik. In Deutschland endet die Empörung über die damalige Entwicklungspolitik in sogenannten Hungermärschen: 30.000 Menschen in 70 Städten gehen auf die Straße.

Anfang der 1970er Jahre entsteht die Bewegung "Aktion Dritte Welt Handel": Die Aktivisten wollen nicht mehr zusehen, wie Menschen ausgebeutet werden – für Waren, die bei uns auf dem Ladentisch landen.

Die solidarische Bewegung nimmt Fahrt auf: In den frühen 1980er Jahren gibt es bereits über 200 Weltläden, die fair gehandelten Kaffee, Tee und andere Produkte aus Entwicklungsländern wie Kenia, Ecuador oder Kolumbien anbieten.

1992 gründen engagierte Menschen in Deutschland die Organisation TransFair. Das neu eingeführte Fairtrade-Siegel soll den Verbrauchern zeigen, welche Waren unter fairen Bedingungen produziert wurden. Es dauert noch weitere 15 Jahre, bis sich Lidl als erster Discounter mit TransFair auf einen Kooperationsvertrag einigt:

2006 führt die Supermarktkette ein eigenes Sortiment mit dem international anerkannten Fairtrade-Siegel ein. Heute sind fair gehandelte Produkte bundesweit in rund 800 Weltläden, 36.000 Supermärkten, Bio- und Naturkostläden, in Discountern und bei etwa 6000 Aktionsgruppen erhältlich.

Mindestlöhne und faire Arbeitsbedingungen

"Ökonomie, Ökologie und Soziales" – mit diesen Worten beschreibt der Verein TransFair die drei Säulen des Fairtrade-Siegels. "Dabei sind Mindestlöhne und existenzsichernde Löhne nur ein kleiner Teil unseres Gesamtkonzepts", sagt Martin Schüller, entwicklungspolitischer Referent bei TransFair.

Schaut man auf das Kleingedruckte, so muss jeder, der sich zertifizieren lassen will, vom Kleinbauern bis zum Plantagenbesitzer, eine ganze Reihe von Spielregeln befolgen: Weder Zwangsarbeit, Kinderarbeit noch Diskriminierung sind geduldet.

Um nicht nur die Lohnbedingungen, sondern auch soziale Standards zu verbessern, wird an alle Fairtrade-Kooperativen eine Prämie vergeben. Mit dieser sollen die Bauern gemeinsam Projekte finanzieren, die der Gemeinschaft zugutekommen: wie etwa den Bau einer Schule, einer Krankenstation oder anderen Investitionen in die lokale Infrastruktur.

Aber auch Umweltstandards zählen zu den Richtlinien. Sie schränken den Gebrauch von Pestiziden und Chemikalien ein und verbieten gentechnisch veränderte Saaten. Nur Waren, die unter diesen Bedingungen produziert wurden, dürfen das Fairtrade-Siegel tragen.

Das Fairtrade-Siegel auf einer Banane.

Das Fairtrade-Zertifikat wird weltweit unter den gleichen Standards vergeben

Die Realität: Längst profitieren nicht alle

Der Verein TransFair selbst listet zahlreiche Studien auf seiner Homepage auf. Sie alle zeigen einen positiven Effekt auf die Lebensbedingungen der zertifizierten Bauern. Beispielsweise zeigt eine Studie des Fairtrade-Unternehmens TWIN Trading, dass Frauen in zertifizierten Betrieben in der Dominikanischen Republik, Uganda oder Ecuador mehr Mitbestimmungsrecht haben als in nicht-zertifizierten Unternehmen.

Forscher der Göttinger Universität berichten, dass in Uganda die Einkommen der Kleinbauern durch den fairen Handel um 30 Prozent gestiegen seien.

Doch gibt es auch Untersuchungen, die genau das Gegenteil beschreiben. Eine häufig zitierte Studie, die 2014 für Aufsehen in der Branche gesorgt hat, wurde von der London School of Oriental and African Studies der University of London (SOAS) durchgeführt.

"Wir haben in Uganda und Äthiopien über vier Jahre hinweg Lohnarbeiter in Kaffee-, Tee- und Blumenfarmen befragt", berichtet Dr. Bernd Müller, heute Experte für ländliche Arbeitsmärkte bei der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Damals leitete er die Feldforschungen der SOAS-Studie.

"Laut den Fairtrade-Standards müssen auch für Beschäftigte gewisse Mindeststandards in Bezug auf die Arbeitsbedingungen eingehalten werden. Wir haben aber herausgefunden, dass Arbeiter auf Fairtrade-Betrieben keineswegs besser gestellt sind als auf nicht-zertifizierten Betrieben, manchmal leider sogar im Gegenteil", sagt Müller.

Lohnarbeiter in Fairtrade-Kooperativen hätten teilweise sogar niedrigere Löhne erhalten als jene in nicht-zertifizierten Betrieben. "Bei den meisten Studien, die positive Effekte von Fairtrade aufzeigen, wurden Lohnarbeiter bei den Befragungen gar nicht beachtet", erklärt Müller.

Doch diese Gruppe sei auch im Kleinbauerntum sehr viel weiter verbreitet, als generell angenommen. Müllers Studie zeigt: Zwischen 40 und 60 Prozent der Bevölkerung in den untersuchten Regionen arbeiten für Löhne, meistens als Saisonarbeiter oder Tagelöhner.

Forscher Bernd Müller sitzt mit äthiopischen Kleinbauern in einer Gesprächsrunde.

Bernd Müller mit jugendlichen Landarbeitern in Äthiopien

Fairer Handel braucht Zeit

"Ein existenzsicherndes Einkommen für Lohnarbeiter von Kleinbauern können wir im Moment mit Fairtrade einfach nicht leisten", sagt TransFair-Referent Martin Schüller, wenn er auf die Studie angesprochen wird. Viele der Bauern seien schon froh, wenn sie überhaupt erst einmal ihre eigene Existenz sichern könnten. "Und genau das ermöglichen wir ihnen durch jahrelange Bildungs-und Beratungsarbeit", erklärt er.

Ziel sei es, dass die Bauern eigenständig eine funktionierende Organisation und Verwaltung aufbauen und Produkte erzeugen, die sich auf dem Weltmarkt überhaupt verkaufen lassen.

"Dabei müssen wir teilweise bei grundlegenden Fähigkeiten wie der Alphabetisierung ansetzen", betont der gelernte Agraringenieur. Ein existenzsichernder Lohn für Arbeiter auf Kooperativen sei langfristig angestrebt, jedoch nicht von heute auf morgen umzusetzen, ohne die Existenz der Kooperativen selbst zu gefährden.

Harriet Lamb, die Geschäftsführerin von Fairtrade International, erklärt in ihrer offiziellen Stellungnahme zur SOAS-Studie: "Wir haben nie behauptet, all die vielen Ungerechtigkeiten bekämpfen zu können, unter denen die in Armut lebenden Menschen leiden."

Fairtrade sei nicht die Lösung für die Ärmsten der Armen, wie etwa Landlose. Das Augenmerk liege auf Kleinbauern, die Qualitätsrohstoffe wie Tee, Kaffee oder Kakao anbauten. Diese sollen sich gegen Großkonzerne wie Nestlé, Danone und Co. behaupten können, so der Fairtrade-Gedanke.

"Vor allem einflussreichere Bauern können durch die Fairtrade-Förderung ihre Produktion ausbauen", sagt Bernd Müller. Das würde sich in der Tat positiv auf die Region auswirken, da die Bauern auch wieder mehr Arbeiter einstellen könnten – wenn auch oft zu schlechten Bedingungen, wie die SOAS-Studie zeige.

Zwei Frauen in Uganda hinter zwei Ochsen mit einem Pflug

Fairtrade soll Kleinbauern in Uganda den Weltmarkt öffnen

Qualität als Siegel für fairen Handel?

Wenn Bernd Müller von schlechten Bedingungen spricht, betont er, dass Lohnarbeiter in Fairtrade-Betrieben nicht nur im Bezug auf das Einkommen benachteiligt seien. Auch bei der Verteilung der Sozialprämie laufe nicht immer alles reibungsfrei: "Wir haben während unserer Feldarbeit beobachtet, dass die Sozialfonds häufig zweckentfremdet werden."

Beispielsweise seien auf der Teeplantage einer Fairtrade-Kooperative von diesem Geld Waschräume gebaut worden. Diese waren dann jedoch nur dem Management zugänglich, nicht aber den Saisonarbeitern.

Müller fordert stärkere Kontrollen seitens der Fairtrade-Prüfer. "Wir haben beobachtet, dass die Kontrollbesuche in der Regel zuvor angekündigt sind und dass das Management so leicht Missstände vertuschen kann", mahnt er. 

Für seine eigenen Supermarkteinkäufe zieht Bernd Müller aus seinen Feldforschungen das Resümee: "Ich kaufe nichts, nur weil es das Fairtrade-Siegel trägt." Er achte stattdessen auf die Qualität der Ware.

"Unsere Erfahrungen auf Blumenplantagen haben gezeigt: Ein Management, das Wert auf schönere Rosen legt, hatte in der Regel auch ein inhärentes Interesse an einer zufriedenen Arbeiterschaft." Es liege in der Natur der Dinge, dass zufriedene Arbeiter sorgfältiger arbeiteten, auch wenn es hierfür kein Garantiesiegel gebe.

Kenianische Frau steht auf einer Blumenplantage und hält lachend Rosen in den Armen.

Zufriedene Arbeiter arbeiten besser, meint Müller

Autorin: Birgit Amrehn

Stand: 24.07.2017, 10:08

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