Fairer Handel

Wirtschaft

Fairer Handel

Mit Kaffee, Tee, Schokolade und Jutetaschen in Weltläden und auf Kirchenbasaren fing es an. Dass man heute fair gehandelte Produkte auch im Supermarkt und Discounter kaufen kann, ist hauptsächlich der Verdienst von Fairtrade. Über 3.000 verschiedene Produkte tragen in Deutschland das auffallende grün-blaue Siegel. Produkte, die ohne Zwangs- und Kinderarbeit entstanden sind und für die die Hersteller fair entlohnt werden. Doch nun wendet sich ein langjähriger Partner vom Fairtrade-Siegel ab, weil er befürchtet, dass die Standards verwässern.

Kofferraum und Hungermarsch - die Anfänge

Die Geschichte des Fairen Handels beginnt mit einer Reise: Gemeinsam mit ihrem Mann besucht die Amerikanerin Edna Ruth Byler 1946 Puerto Rico. Sie lernt dort Handarbeiterinnen kennen, die in sehr armen Verhältnissen ihre Waren produzieren. Byler beschließt, einen Markt für diese Handarbeiten zu schaffen, der für eine faire Bezahlung der Arbeiterinnen sorgen soll.

Aus dem Kofferraum ihres Autos heraus verkauft sie Waren aus Südamerika zunächst an ihre Familie und Freundinnen. Die Idee kommt an, und aus Bylers Graswurzelbewegung entsteht "Selfhelp Crafts", eine Organisation des fairen Handels. Sie existiert unter dem Namen "Ten Thousand Villages" bis heute.

"Selfhelp Crafts" war eine Organisation des "Mennonite Central Committee", und auch Edna Ruth Byler gehörte zu den Mennoniten, einer evangelischen Freikirche. So wie in den USA hat die Idee des fairen Handels auch in Deutschland einen kirchlichen Ursprung: 1970 demonstrieren kirchliche Jugendverbände mit Hungermärschen gegen die damalige deutsche Entwicklungspolitik.

Volle Regale in einem Weltladen.

In Weltläden gibt es schon lange Fairtrade-Produkte

Aus diesem Protest entwickelt sich 1971 die "Aktion Dritte Welt Handel" und 1975 Gepa (Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt). Gesellschafter von Gepa sind der Kirchliche Entwicklungsdienst (KED), Misereor und die neu gegründete Arbeitsgemeinschaft der Dritte Weltläden. Europäische Vorbilder für diese Fairtrade-Organisation haben sich zuvor bereits in England (Oxfam Trading) und in den Niederlanden (S.O.S. Wereldhandel) gegründet. Zu dieser Zeit entstehen auch die ersten Weltläden – Geschäfte, die fair gehandelte Produkte anbieten. Heute gibt es in Deutschland etwa 800 Weltläden.

Ein Siegel für Fairness

1992 wird TransFair gegründet. Der gemeinnützige Verein hat das Ziel, durch fairen Handel die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika zu verbessern. TransFair handelt nicht selbst mit Waren, sondern vergibt das Fairtrade-Siegel für Waren, die bestimmten Standards des fairen Handels entsprechen. Als erster Händler erhält Gepa das Siegel.

Eine Grafik zeigt, welche Aufgaben FLO und TransFair wahrnehmen

Aufgabenteilung zwischen FLO und TransFair

Mit TransFair haben sich 18 weitere Siegelinitiativen in Fairtrade International zusammengeschlossen. 2003 wird das heute weit verbreitete grün-blaue Fairtrade-Logo international eingeführt. Weltweit ist es auf etwa 30.000 verschiedenen Produkten zu finden. Im gleichen Jahr wird als unabhängige Kontrollinstanz die FLO-Cert GmbH gegründet. Sie überprüft vor Ort, ob die festgelegten Fairtrade-Standards eingehalten werden.

Wann ist der Handel fair?

Produzenten und Händler dürfen ihre Ware mit dem Fairtrade-Siegel kennzeichnen, wenn sie die Standards des fairen Handels einhalten. Ziel dieser Standards ist es, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kleinbauern und der Plantagenarbeiter in armen Ländern zu verbessern. Über feste Preise und langfristige Handelsbeziehungen sollen sie die Möglichkeit bekommen, ihre Organisationsstrukturen und damit auch die Qualität ihrer Produkte zu verbessern.

Die Spielregeln legt Fairtrade International fest. So müssen sich Kleinbauern zum Beispiel zu Kooperativen zusammenschließen, in denen Entscheidungen demokratisch getroffen werden. Plantagen verpflichten sich, für ihre Arbeiter Tarifverhandlungen, Versammlungsfreiheit, Sicherheit am Arbeitsplatz und Gesundheitsvorsorge sicherzustellen. Kinder- und Zwangsarbeit sind verboten.

Kaffeepflückerin

Arbeit soll gerecht entlohnt werden

Den Produzenten wird in der Regel ein Fairtrade-Mindestpreis garantiert und eine Fairtrade-Prämie gezahlt. Diese können sie in Projekte für die Gemeinschaft investieren. Liegt der Weltmarktpreis über dem ausgehandelten Fairtrade-Preis, bekommen die Produzenten den höheren Weltmarktpreis. Biologischer Anbau ist keine Pflicht, wird aber über höhere Preise und Prämien gefördert.

Aufgeweichte Standards?

Nach Angaben von TransFair stieg alleine in Deutschland der Umsatz der Produkte mit dem Fairtrade-Siegel 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent auf 827 Millionen Euro. Weltweit arbeiten über 1200 Kleinbauernorganisationen und Plantagen in 74 Ländern nach den Standards des fairen Handels. Längst haben es Fairtrade-Produkte auch in Deutschland in die Supermärkte und sogar in Discounter wie Aldi-Süd und Lidl geschafft und erreichen somit breite Käuferschichten.

Eine Grafik zeigt den Umsatz von Fairtrade-Produkten von 1992 bis 2009.

Die Umsatzentwicklung von Produkten mit Fairtrade-Siegel

Die Wachstumszahlen mögen beeindrucken, doch scheint sich ein Richtungsstreit zwischen Fairtrade und anderen Organisationen des Fairen Handels zu entwickeln. Der Vorwurf: Um den Umsatz zu steigern, weiche Fairtrade die Standards auf. Besonders kritisch sehen Organisationen wie Gepa und der Dachverband Weltladen, dass TransFair die Mindestmengen an Rohstoffen aus fairem Handel herabgesetzt hat.

Denn nicht überall, wo Fairtrade drauf steht, ist auch 100 Prozent Fairtrade drin: In sogenannten Mischprodukten, wie etwa in Keksen, Müsli oder Tafelschokolade, werden verschiedene Zutaten vermengt. In der Regel müssen aber alle Rohstoffe, die es fair gehandelt gibt, dafür auch verwendet werden. Doch benötigte man früher noch 50 Prozent der Zutaten von Fairtrade, um das begehrte Siegel auf das Produkt kleben zu können, reichen heute 20 Prozent aus.

Eine Vielzahl von Produkten mit dem Fairtrade-Siegel.

Viele Produkte tragen das Fairtrade-Siegel

TransFair argumentiert, dass durch diese Regelung mehr Produkte als vorher das Fairtrade-Siegel bekommen können. Denn Bonbons, Kekse, Müsli oder Schokoriegel – sie alle haben oft weniger als 50 Prozent Fairtrade-Anteil, weil es nicht alle Zutaten als Fairtrade gibt. Mit der neuen 20-Prozent-Regelung sollen die Bauern, Arbeiter und Gemeinden in den Schwellenländern profitieren, weil letztendlich mehr Rohstoffe unter den Fairtrade-Standards produziert werden können. TransFair-Geschäftsführer Dieter Overath ist es wichtig zu betonen, dass derzeit in den meisten Fällen der Fairtrade-Anteil weit über 50 Prozent liege. Nur bei einem Prozent des Gesamtumsatzes liege er darunter.

Wie viele Zugeständnisse an die Industrie sind ok?

Den Umsatz zu steigern, ist auch das Ziel der neuen Fairtrade-Programme für Kakao, Zucker und Baumwolle. Bei diesen verpflichtet sich ein Unternehmer nur, eine gewisse Menge des Fairtrade-Rohstoffes einzukaufen. Was er damit macht, in welchen Verhältnissen er es seinen Produkten beimischt, steht ihm frei. Der Unternehmer kann etwa fairen Kakao mit herkömmlichem Zucker mischen. Dafür darf er zwar nicht das Fairtrade-Siegel auf seinen Produkten platzieren, aber ein ähnliches, speziell für die Fairtrade-Programme entworfenes Siegel.

So viel Entgegenkommen gegenüber der Lebensmittelindustrie stößt erneut auf Kritik der alten Pioniere des Fairen Handels. Klaus Wöldecke, Geschäftsführer des Dachverbands Weltladen, erklärt, dass besonders Kakao ein in Zukunft immer knapperer Rohstoff sei. Die Lebensmittelindustrie sei deshalb in naher Zukunft sowieso gezwungen, sich den Rohstoff auch unter den strengen Fairtrade-Bedingungen zu sichern.

Gepa, bis heute der größte deutsche Importeur fair gehandelter Waren, geht nun so weit, nach über 20 Jahren der guten Zusammenarbeit das Fairtrade-Siegel von allen seiner Produkte zu entfernen. Stattdessen hat das Unternehmen ein eigenes Zeichen eingeführt: "Fair plus". Die Produkte mit diesem Zeichen sollen höhere Standards erfüllen. Unter anderem sollen Mischprodukte wie Schokolade möglichst hohe Anteile fair gehandelter Rohstoffe enthalten. Viele Gepa-Schokoladen enthalten zum Beispiel faire Milch aus Deutschland und kommen dadurch auf einen Anteil von 100 Prozent fairer Zutaten.

TransFair kritisiert den Ausstieg von Gepa. Ein weiteres Logo auf dem Fairtrade-Markt könnte Kunden verwirren.

Autoren: Birgit Amrehn/Christoph Teves

Weiterführende Infos

Stand: 15.09.2015, 09:09

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