Das Fließband - eine Erfolgsgeschichte?

Industralisierung

Das Fließband - eine Erfolgsgeschichte?

75.000 Schweine, 20.000 Rinder, ebenso viele Schafe - zusammengepfercht in kleinen Ausläufen, aus denen alle paar Minuten ein Schwung Tiere zu einer dunklen Halle getrieben wird. Einmal dort verschwunden, hebt ein höllisches Quieken und Wimmern an; dann ist es schnell still. Über dem Gelände schwebt der Gestank von verfeuerten Fleischresten und Knochenmehl: der Geruch des Todes. Ein Höllenszenario - dabei erlebt hier, in den Schlachthöfen von Chicago Ende des 19. Jahrhunderts, die moderne Fließbandfertigung ihre Geburtsstunde.

Tod am laufenden Band - wie alles begann

Automatisierung und Beschleunigung, die beiden Zauberworte der Industriemoderne, stehen am Anfang der Massenfertigung und finden ihre perfekte Verkörperung im Fließband. Das Prinzip ist denkbar einfach: Ein Arbeitsablauf wird in seine einzelnen Schritte zerlegt, sodass an jeder Station des Fließbands nur noch wenige automatisierte Handgriffe auszuführen sind. Dann wird das Tempo zwischen den einzelnen Stationen angezogen, um das Produkt in Rekordzeit fertigzustellen. Autos, Nähmaschinen, ganze Flugzeugcockpits werden heute so zusammengesetzt. An den ersten großen Fließbändern passiert jedoch genau das Gegenteil: das "Produkt" wird in seine Einzelteile zerlegt.

Jeden Tag weidet in den Union Stockyards von Chicago ein Heer ungelernter Arbeiter Tausende Tierkadaver aus, trennt Haut von Fleisch, Knochen von Abfall - ein Arbeitsprozess, den die Menschheit schon seit Jahrtausenden kennt. Allerdings arbeitet ein normaler Schlachter mit seinen Gehilfen einen ganzen Tag, um eine getötete Kuh zu zerlegen. In den Schlachthöfen von Chicago dauert das Ende des 19. Jahrhunderts nur noch eine Viertelstunde - und kostet ganze 42 Cent. Der traditionelle Fleischer verlangt drei Dollar.

Rinderhälften hängen an einem Fließband

Rinderhälften als Industrieprodukt

Der industrialisierte Tod ist so brutal wie effektiv. Bei der Schweineschlachtung etwa schlingen die Arbeiter den Tieren eine Kette um das Hinterbein und haken sie in einen Kettenzug an der Hallendecke ein. Kopfüber werden die Tiere im Todeskampf zu den nächsten Arbeitern transportiert, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als ihnen routiniert die Kehle durchzuschneiden.

Dann kommt die eigentliche Anstrengung: Die nächste Arbeiterkolonne weidet die Tiere aus, schlägt ihnen die Köpfe ab und zerteilt das, was übrig bleibt, einmal längs - fertig sind zwei Schweinehälften, die per Förderband ins Kühlhaus transportiert werden. Alle anderen Teile, zarte Fleischstücke ebenso wie das Horn der Füße oder die ausgekratzten Därme, fallen durch Löcher im Boden eine Etage tiefer und werden dort weiterverarbeitet - zu Fleischkonserven, Hornkämmen oder Wursthüllen.

Von Taylor bis Ford: Amerika im Fließbandfieber

Eigentlich könnte einem all das gründlich den Appetit verderben - doch Amerika hat zu dieser Zeit andere Sorgen. Zwischen 1850 und 1900 verdreifacht sich die US-Bevölkerung; besonders in den rapide anwachsenden Städten kommt man kaum an frische Nahrungsmittel. Die Fleischwaren aus Chicago schließen eine Marktlücke: Dank der Fließbandtechnik sind sie halbwegs erschwinglich, und nachdem 1878 der erste Kühlwagen über Amerikas Eisenbahnschienen rollt, muss das Fleisch auch nicht mehr gepökelt oder gesalzen werden, sondern erreicht den Kunden fast so frisch wie gerade eben geschlachtet.

Schwarzweiß-Foto: ein langes Fließband, auf dem Räder aus Metall transportiert werden; davor Arbeiter, die in die Räder Schrauben einfügen.

Amerikanische Arbeiter am Fließband

Zur gleichen Zeit sitzt ein junger Ingenieur an seinem Schreibtisch in der Nähe von New York. Er brütet über der Frage, wie man Fertigungsprozesse noch effektiver organisieren kann - und vor allem: wie man dabei auf ausgebildete Facharbeiter verzichtet. Denn in das Einwanderungsland USA strömen vor allem Ungelernte. Die Antwort des ehrgeizigen Ingenieurs ähnelt dem, was man in den Schlachthöfen von Chicago längst in der Praxis herausgefunden hat: Jeder Arbeiter muss möglichst wenige und möglichst einfache Handgriffe immer wiederholen - und das möglichst schnell. Frederick W. Taylor, so heißt der Ingenieur, bringt es auf folgende Formel: "In der Vergangenheit stand der Mensch an erster Stelle; in Zukunft muss das System an erster Stelle stehen!"

Unter dem bis heute bekannten Namen "Taylorismus" macht diese Einsicht schnell die Runde. Anfang des 20. Jahrhunderts erreicht sie Henry Ford, Sohn eines Farmers mit einem einfachen Traum: Er will ein Auto bauen, das für die breite Masse erschwinglich ist. 1908 rollt es in Detroit vom Band - und zwar buchstäblich, denn es ist das erste Auto aus Fließbandfertigung: Fords legendäres "Modell T", auch "Tin Lizzy" genannt.

Schwarzweiß-Foto eines Fords "Tin Lizzy".

Auto vom Band: Fords "Tin Lizzy"

Weil sich Ford bald auf dieses Modell beschränkt, kann er Spezialmaschinen für einzelne Arbeitsschritte entwickeln und die Werkstücke mit Laufbändern von einer zur nächsten Maschine transportieren lassen. Je schneller der einzelne Arbeiter sie bedient, desto mehr Lohn zahlt Ford ihm aus. Gleichzeitig kann er von 1908 bis 1914 den Preis für sein Auto halbieren.

Der Mensch als Maschinensklave - erste Kritik

Doch während die Amerikaner auf ihre fließbandgefertigte "Tin Lizzy" bald nicht mehr verzichten wollen, sind die Fließbänder der Chicagoer Schlachtbetriebe längst in Misskredit geraten. 1906 veröffentlicht der junge Schriftsteller Upton Sinclair seinen Roman "Der Dschungel", für den er sich sieben Wochen lang heimlich in den Schlachthöfen umgesehen hat. Die Arbeiter dort, so sein Fazit, müssten mit einer Geschwindigkeit schuften, als "säße ihnen der Teufel im Nacken"; jede "Fähigkeit, die nicht für die Maschine gebraucht" werde, sei "zum Verkümmern verurteilt".

Gefährlich sei der Job obendrein: Die Stanzmaschinen am Konservenband trennten den Arbeitern oft Teile der Hand ab. Die Schlächter müssten mit ihren Messern so schnell hantieren, dass die Klingen ihnen ständig in die eigenen Finger fahren und ihre Hände bald einem rohen Klumpen Fleisch gleichen würden. Länger als ein paar Jahre hielte das keiner durch.

Auch dank Sinclairs Enthüllungsroman werden erstmals Regierung und Gewerkschaften auf die Schattenseiten der Fließbandfertigung aufmerksam. Eine von US-Präsident Theodore Roosevelt eingesetzte Untersuchungskommission moniert allerdings vor allem die hygienischen Zustände in Chicagos Schlachthöfen - bald entstehen die ersten wirksamen Verbraucherschutzgesetze der USA.

Filmausschnitt aus "Moderne Zeiten": Chaplin liegt auf einem gigantischen Zahnrad und montiert daran mit zwei Schraubenschlüsseln.

Charlie Chaplin als Rädchen im Getriebe

Die Not der Arbeiter schafft es nun ins Kino: In Charlie Chaplins Film "Moderne Zeiten" von 1936 muss sich Chaplin als Fließbandarbeiter an eine Maschine anschließen lassen, die ihm, um Zeit zu sparen, noch während der Arbeit sein Essen einflößt. Doch die Maschine dreht durch, Chaplin wird von ihrem Räderwerk verschluckt: ein Sinnbild der Industriemoderne.

Fließbänder heute - eine gebändigte Bestie?

Auf der anderen Seite des Atlantiks, vor allem in Deutschland, setzt sich das Fließband weitaus langsamer durch. Deutsche Autos etwa werden lange von Hand gefertigt und bleiben unerschwingliche Luxusprodukte - erste Ausnahme: der "Opel Laubfrosch", der schon ab 1924 vom Fließband rollt.

Eine Diskussion über Nutzen und Nachteil des Fließbands bricht hierzulande erst in den 1960er Jahren los. Den Gewerkschaften und vor allem der kapitalismuskritischen Studentenbewegung gilt es als "Gipfel der Entfremdung". Es lasse den Arbeiter abstumpfen und entwerte ihn zum bloßen Erfüllungsgehilfen der Maschine.

Heute kommen viele Fließbänder ganz ohne Menschen aus - zum Beispiel in der Nahrungsmittelindustrie, wo eine Tiefkühlpizza ausschließlich von Maschinen geknetet, ausgerollt und belegt wird. Andere Fließbänder haben gewissermaßen ein menschliches Antlitz bekommen: In der Autoindustrie etwa wird ein Fertigungsschritt oft von Gruppen übernommen. So verteilt sich der Zeitdruck durch den Akkord wenigstens auf mehrere Schultern.

Auf einem Fließband werden Computertower gefertigt.

Computerherstellung - ein Fall fürs Fließband

Und die Schlachthöfe? Die müssen heute strengen Tierschutz- und Hygienestandards genügen - manche Bio-Schlachter lassen ihre Kunden sogar per Webcam zuschauen. Fließbänder gibt es in diesen Schlachtereien kaum noch - zum Wohl von Tier und Mensch.

Autorin: Kerstin Hilt

Weiterführende Infos

Stand: 12.11.2015, 10:00

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