Werner Tiki Küstenmacher: "Ich bin kein Feind von Sachen"

Minimalismus

Werner Tiki Küstenmacher: "Ich bin kein Feind von Sachen"

Für viele ist er der "Aufräum-Papst": 2001 landete Werner Tiki Küstenmacher mit  "simplify your life" einen weltweiten Bestseller. Das Buch wurde in über 40 Sprachen übersetzt und machte den ehemaligen Pfarrer auf einen Schlag berühmt. Alleine in Deutschland haben zwei Millionen Menschen seine Tipps für ein einfacheres und glücklicheres Leben gelesen.

Gast Tiki Küstenmacher im Planet Wissen Studio.

Tiki Küstenmacher

Planet Wissen: Herr Küstenmacher, wie kamen Sie auf die Idee, sich mit dem Thema Ausmisten und Entrümpeln zu beschäftigen?

Werner Tiki Küstenmacher: Die Idee reifte in den 1990er Jahren. Damals war ich für ein paar Jahre Hausmann, meine Frau Fulltime im Beruf. Ich habe mich um unsere beiden Kinder und den Haushalt gekümmert – und mir irgendwann gesagt: Das muss doch einfacher gehen. Also habe ich mir Rat geholt bei Profis, habe Bücher gelesen übers Aufräumen, Putzen und so weiter.

Auf einer Reise durch die USA bin ich dann 1997 in einer Buchhandlung in New York über ein schmales Büchlein mit dem Titel "Simplify your Life" gestolpert. Es kam mir sehr amerikanisch vor, und ich habe es erstmal zurück ins Regal gestellt. Aber der Titel ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe gemerkt: Das könnte ein Trend sein. Daraus wurde erst ein monatlicher Newsletter, später kam dann das Buch auf den Markt.

Und das wurde nicht nur in Deutschland ein irrer Erfolg: Inzwischen gibt es mehr als 40 Auslandsauflagen. Wie erklären Sie sich das große internationale Interesse?

Ein Grund ist sicher, dass das Buch zwei Wochen nach 9/11 erscheinen ist, also kurz nach den Terroranschlägen in den USA. Die Menschen waren verunsichert, und viele haben sich gefragt: Mit was für Kleinkram vertue ich meine Zeit?

Was mich tatsächlich erstaunt hat, ist, dass das Buch auch in Japan und Korea ein Bestseller wurde. Wir Deutschen finden die Japaner ja immer so aufgeräumt; wir stellen uns vor, sie sitzen auf Bambusmatten und alles ist clean. Die Japaner haben dieses Selbstbild überhaupt nicht. Sie wohnen in ganz kleinen Wohnungen, die vollgestopft sind mit Elektronik. Und sie bewundern uns Deutsche dafür, dass wir so gut organisieren und vereinfachen können – auch wenn wir das selbst wiederum vielleicht gar nicht so sehen. Ich denke, das Buch ist auch so erfolgreich, weil es von einem Deutschen kommt.

Wie sieht es denn bei Ihnen zu Hause aus? Sammeln Sie etwas? Sind Sie ein chaotischer Mensch?

Bei mir häufen sich Bücher an, das ist Wahnsinn. Und es ist eine Menge Arbeit, sie wieder loszuwerden, sie zu verschenken oder weiterzugeben, auf Bücherflohmärkten zum Beispiel. Bücher einfach in die Tonne schmeißen, kann ich nicht, dagegen sträubt sich bei einem Autor etwas. Das größte Problem habe ich persönlich aber nicht mit den Dingen, sondern mit der Zeit. Aufräumen kann ich ganz gut.

Warum sammelt sich überhaupt immer wieder so viel Zeug an?

Das liegt unter anderem an den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Die Kriegsgeneration zum Beispiel tut sich sehr schwer mit dem Wegschmeißen: Man könnte das ja nochmal brauchen, es könnten ja nochmal schlechte Zeiten kommen. Das kenne ich von meinen Eltern, und ein bisschen was davon habe ich wohl geerbt. Bei meinen Kindern ist das anders: Sie wollen viel weniger aufheben, sind viel virtueller, wollen nichts mehr besitzen, haben alles irgendwie online. Sie wollen auch kein Haus mehr, nicht mal ein Auto. Da verändert sich etwas.

Was halten Sie von der Theorie, dass wir süchtig sind nach dem Moment, in dem etwas in unseren Besitz übergeht, und wir deshalb dazu neigen, viel zu viel anzuhäufen?

Das kann ich gut nachvollziehen. Ich bin aber nicht grundsätzlich ein Feind von Dingen; ich finde es schlimm, wenn Leute sagen "Sachen sind schrecklich, ich muss alles loswerden". Aber wenn wir es nicht mehr erfassen können, wenn es uns über den Kopf wächst, wenn die Sachen etwas mit uns machen und nicht mehr wir etwas mit den Sachen, dann ist der Punkt gekommen, wo wir sagen müssen: jetzt entrümpeln.

Interview: Kerstin Deppe

Stand: 15.12.2015, 12:30

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