Harald Welzer: "Konsum macht nicht glücklich"

Minimalismus

Harald Welzer: "Konsum macht nicht glücklich"

Er hat über Nazis, Soldaten und Klimakriege geschrieben, jetzt sucht Harald Welzer als Professor für Transformationsdesign und Direktor von "Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit" nach Wegen in eine zukunftsfähige Moderne: weg von einer Wirtschaft, die auf ständiges Wachstum angelegt ist und die Gesellschaft mit dem Konsum-Virus infiziert und gelähmt hat.

Gast Harald Welzer im Planet Wissen Studio.

Harald Welzer

Planet Wissen: Herr Professor Welzer, viele Menschen haben Glücksgefühle, wenn sie sich etwas kaufen – fühlen sich aber auch unglaublich erleichtert, wenn sie Dinge loslassen und weggeben. Warum ist das so?

Harald Welzer: Weil es viele Dinge gibt, die wir eigentlich gar nicht haben wollen. Wir denken, dass wir sie brauchen, weil es uns durch die Werbung eingeredet wird, weil es gerade ein Trend ist oder weil Freunde sie besitzen. Viele Menschen haben zum Beispiel unglaublich große Fernsehbildschirme zu Hause, die in keiner Relation zur Größe des Zimmers stehen. Um das Bild scharf zu sehen, müsste man eigentlich rausgehen auf den Balkon. Dass jemand, der so einen Fernseher hat, damit nicht glücklich ist, ist doch klar.

Aber das ist das kulturelle Grundprogramm unserer Gesellschaft: Haben und immer mehr haben. Danach definiert sich alles. Deshalb glauben Leute, dass sie etwas haben wollen – aber wenn sie es dann haben, macht es sie nicht glücklich. Das ist das Problem.

Die Formel "Mehr Konsum = mehr Zufriedenheit" geht also nicht auf?

Aus der Glücksforschung wissen wir, dass Menschen heute nicht glücklicher sind als zum Beispiel in den 1960er Jahren. Die Quadratmeterzahl, die man damals zum Wohnen zur Verfügung hatte, war aber nur halb so groß, und die Leute haben nicht drei Autos gehabt. Wenn sie eins hatten, dann war es auch nur halb so groß, wie es heute ist. Auf die Idee eines Stadtgeländewagens, all diese Absurditäten, wäre man gar nicht erst gekommen. Und die Leute waren genauso glücklich.

Was noch verschärfend dazukommt: Die Menschen verbringen heute mehr Zeit mit Kaufentscheidungen als mit dem Konsumieren selbst. Das ist etwas völlig Verrücktes.

Weil es so viel Spaß macht? Oder weil es so schwierig ist, eine Entscheidung zu treffen?

Man tut vieles, von dem man gar nicht weiß, warum man es tut. Vieles ist geprägt von einer Gesamttendenz; von dem, was alle machen. Nehmen Sie zum Beispiel Werbeslogans wie "Geiz ist geil" oder "Ich bin doch nicht blöd". Das formuliert ja nur, dass es das Allerallertollste ist, das Allerallerbilligste zu kaufen. Also unterliegt man dem Zwang, ständig Preisvergleiche anzustellen – und fühlt sich total schlecht, wenn man 50 Cent zu viel für irgendwas ausgegeben hat, obwohl man unglaublich viel Geld hat. Daran sieht man, dass vieles nicht unbedingt vom Willen abhängig ist: Die Leute tun sich auch was an.

Wie schaffen wir es, den ständigen Konsumimpulsen zu widerstehen?

Die Kunst besteht darin, aus den Dingen und Möglichkeiten, die man hat, genau das zu machen, bei dem man spürt: Das ist jetzt gut für mich. Das sagt sich leicht dahin, ist aber gar nicht immer so einfach.

Dieses ständige Bedürfnis nach Mehr kann man ja auch als Ausdruck von Mangel verstehen. Das ist ja eigentlich der Witz an der Sache: Wenn jemand an einer bestimmten Stelle sagen kann "Das genügt jetzt", ist das ein ganz starker Ausdruck dafür, keinen Mangel zu haben. Wir leben aber in einer Kultur, die uns ständig sagt: Du hast zu wenig, dir fehlt etwas, du bist nicht optimal, du musst mehr Sport machen. Uns wird dauernd vermittelt: Da gibt es ein Defizit, bitte behebe das. Wir haben da was für dich.

Macht Verzicht uns wirklich glücklicher?

Ich finde es interessant, dass in einer Überflussgesellschaft diejenigen, die den Überfluss haben, in einem psychologischen Sinne eigentlich nichts davon haben, sondern unter immer größeren Stress geraten und sich fragen: Warum eigentlich?

In unseren superreichen Gesellschaften sehe ich Verzicht nicht als Verzicht, sondern als Entlastung: Ich lasse bewusst etwas weg. In einer Hyperkonsumgesellschaft verzichten wir ja auch – zum Beispiel auf die Möglichkeit, uns innerhalb von drei Sekunden für eine Zahnpasta zu entscheiden. Weil es ungefähr 80 verschiedene davon gibt. Man muss die Perspektive einfach mal umdrehen: Diese Form von Gesellschaft lädt uns so viel auf, dass wir, wenn wir uns dem verweigern, nicht verzichten, sondern gewinnen: Orientierung, Zeit – und Verfügung über uns selbst. 

Interview: Kerstin Deppe

Stand: 15.12.2015, 12:00

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