"Es ist nicht verwerflich, soziale Probleme zu lösen und Geld zu verdienen"

Johannes Weber.

Sozialunternehmer

"Es ist nicht verwerflich, soziale Probleme zu lösen und Geld zu verdienen"

Johannes Weber investiert mit seinem "Social Venture Fund" in Sozialunternehmen mit guten Ideen. Für den Gründer des Fonds und sein Team ist es kein Widerspruch, soziale Probleme lösen und Geld verdienen zu wollen. Bisher hat Weber mit dem Fonds sechs Sozialunternehmen unterstützt. In Deutschland gilt der Finanzinvestor in diesem Bereich als Pionier.

Planet Wissen: Bevor Sie 2011 den "Social Venture Fund" gründeten, haben Sie in Kooperation mit der Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) einen Nachhaltigkeits-Fonds verwaltet. Worin liegt der Unterschied?

Johannes Weber: Der WWF ist eine Non-Profit-Organisation, die ökonomisch betrachtet für einen Investor nicht nachhaltig ist. Sie brauchen stets neue finanzielle Zuwendungen, um weiter existieren zu können und ihre Arbeit zu machen.

Ein Unternehmer will aber Umsätze und Gewinne, damit ihm irgendwann seine Investitionen erfolgreich ausbezahlt werden können. Sozialunternehmen können neben einer sozialen auch eine ökonomische Rendite erwirtschaften. Und es ist nicht verwerflich, ein soziales Problem zu lösen und damit Geld zu verdienen.

Das Ziel eines Sozialunternehmens darf nicht der Gewinn sein, sondern etwas Gutes für die Gesellschaft zu tun. So hat es Muhammad Yunus formuliert, der in Bangladesch Kleinkredite für Arme vergibt. Sie sagen, Sozialunternehmen können beides zusammen – wie funktioniert das?

Ich denke, es ist gefährlich zu sagen, ein Sozialunternehmen darf keinen Gewinn machen. Ein Investor denkt nun einmal wirtschaftlich: Ohne Gewinne gibt es kein Geld. Schauen Sie sich zum Beispiel die Berliner Firma Auticon an. Hier arbeiten Menschen mit Autismus als Computerspezialisten. Sie testen für Unternehmen Software und haben eine besondere Art logisch zu denken.

Mitarbeiter von Auticon am Bildschirm.

Autisten arbeiten bei Auticon als IT-Experten

In ihrer Arbeit überzeugen sie durch eine geringere Fehlerquote als andere Menschen. Das Start-up ist erfolgreich, macht Gewinne und wächst. Nach Berlin folgten Düsseldorf, München, Frankfurt und Stuttgart als Standorte.

Vor allem am Anfang ist es meiner Ansicht nach wichtig, soziale Unternehmen in ihrem Wachstum zu fördern. Besteht erst einmal ein Angebot, kommt die Nachfrage automatisch dazu. Neben einer finanziellen Unterstützung fördert der "Social Venture Fund" auch durch eine aktive Rolle im Beirat. Einige Investoren des Fonds helfen den Sozialunternehmen durch ihr Netzwerk, ihr Fachwissen oder sogar als aktive Mitarbeiter.

Der größte Investor des "Social Venture Fund" ist mit zehn Millionen Euro der Europäische Investitionsfonds (EIF). Auch internationale Stiftungen, Banken und große Familien gehören zu ihrem Investorenkreis. Wann werden diese ausbezahlt?

Wir unterstützen mit unserem "Social Venture Fund" ausgewählte Sozialunternehmen über einen längeren Zeitraum. Das bedeutet, der Fonds ist ein geschlossener Fonds und nicht täglich handelbar wie bei börsennotierten Unternehmen.

Ein Investment ist bei uns auf zehn bis zwölf Jahre angelegt. Spätestens dann muss ein von uns gefördertes Sozialunternehmen das Kapital plus eine vorher vereinbarte Verzinsung an den Investor zurückzahlen.

Euroscheine und Münzen übereinandergestapelt.

Investieren lohnt sich

Auf Fondsebene streben wir fünf bis sechs Prozent Rendite an. Die Sozialunternehmer sind gezwungen, eigene Einnahmen zu erzielen, um ihre Kosten zu decken und schließlich den Investor auszuzahlen. Die Herausforderung ist dabei, die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlichem Nutzen zu wahren.

Wie wählen Sie aus, in welches Sozialunternehmen Sie investieren?

Unser Team bekommt viele hunderte Geschäftsideen auf den Tisch, aber es sind natürlich nicht alle erfolgreich.

Wir investieren nur in Betriebe, die gegründet wurden, um ein soziales Problem zu lösen und die ein wirtschaftlich tragbares Konzept haben. Wenn ihre Idee schon im Kleinen, zum Beispiel auf regionaler Ebene, funktioniert und eine soziale Rendite erwirtschaftet, steigen wir ein.

Ein Kind hält an einer Supermarktkasse eine Sprechblase mit der Aufschrift "Aufrunden bitte!" in die Luft.

Deutschland rundet auf

Ziel ist es, dass sich die sozialen Unternehmen mit ihrer Geschäftsidee langfristig selbst tragen können und dieses Potenzial prüfen wir. Eine erste soziale Wirkung muss also messbar sein, bevor wir in das Wachstum eines Unternehmens investieren.

Neben der Firma Auticon ist zum Beispiel auch VerbaVoice ein Sozialunternehmen, das wir fördern: Hier können hörgeschädigte Menschen einen Gebärdensprecher oder Schriftdolmetscher über das Internet zuschalten, der ein Gespräch oder einen Vortrag transkribiert.

Ein weiteres Beispiel ist das Projekt "Deutschland rundet auf" - an über 40.000 Kassen im Supermarkt oder Schuhgeschäft kann jeder bis zum nächsten zehn-Cent-Betrag aufrunden und damit sozial benachteiligte Kinder in Deutschland unterstützen.

In den Medien und Studien über Sozialunternehmen heißt es immer wieder, diese Branche stecke in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Und auch Fördermöglichkeiten wie der "Social Venture Fund" seien im Vergleich zu den USA und Großbritannien hierzulande schwierig und weniger etabliert - woran liegt das?

Die angelsächsischen Länder haben zum Wagnis und Risikokapital eine andere Einstellung. Darüber hinaus fühlen sich Privatpersonen dort viel stärker für soziale Probleme mitverantwortlich als hier in Deutschland, wo das eben in großen Teilen der Sozialstaat übernimmt.

In den USA und Großbritannien ist ganz klar, nicht nur der Staat muss soziale Probleme lösen, sondern auch Privatpersonen helfen dabei. Und wenn diese von einer guten Idee und dem dazugehörigen Ideengeber überzeugt sind, dann machen sie trotz gewisser Risiken Gelder dafür frei. Dort herrscht eine andere Kultur, was diesen Markt angeht.

In Deutschland ist dieser noch sehr klein, aber das Interesse wächst, was man auch am Volumen unseres Fonds sehen kann. Der erste "Social Venture Fund" umfasste 7,3 Millionen Euro, der zweite ist mit aktuell 18,4 Millionen Euro – das Ziel liegt bei 20 Millionen Euro – mehr als doppelt so groß.

Interview: Annika Zeitler

Stand: 20.03.2014, 12:00

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