Soziales Textilunternehmen

Textilfabrikantin Sina Trinkwalder.

Sozialunternehmer

Soziales Textilunternehmen

Sina Trinkwalder führt in der Textilbranche das erste Sozialunternehmen Deutschlands. Sie beschäftigt in ihrer Augsburger Näherei Menschen, die sonst kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben: Langzeitarbeitslose, Migranten, Menschen über 50. In der Kleidermanufaktur Manomama produzieren sie Textilien unter transparenten und fairen Bedingungen.

Menschlichkeit als Gewinn

Die Unternehmerin Sina Trinkwalder zahlt ihren Mitarbeitern mindestens zehn Euro pro Stunde und gibt ihnen unbefristete Verträge bis zur Rente. Sie setzt nicht auf Profit, sondern will Menschen eine Chance geben.

"Wer sagt denn, dass man möglichst viel Gewinn machen muss? Der wahre Gewinn eines Unternehmens muss Menschlichkeit sein und nichts anderes." Dieses Statement äußerte Trinkwalder in einer TV-Dokumentation über ihr Unternehmen. Die Marge ihrer Textilfirma ist gering, sie arbeitet kostendeckend.

Und wenn unterm Strich doch etwas übrig bleibt, kauft sie neue Maschinen oder macht das, was ihr am Wichtigsten ist: Sie stellt neue Menschen ein.

"Wenn ich durch meine Halle gehe, und meine Ladies sehe, dann kann ich ganz stolz behaupten: Schöner kann Geld nicht arbeiten", so die Jungunternehmerin. "Ladies", so nennt die den weiblichen Teil ihrer Belegschaft.

Bei Manomama gibt Trinkwalder arbeitslosen Näherinnen und Nähern eine Chance und macht auch bei dem, was sie herstellt, keine Kompromisse.

Mit ihren Mitarbeitern produziert sie Bekleidung in Bio-Qualität: Vom Stoff über den Faden bis hin zur Färbung ist alles zertifiziert biologisch und möglichst aus der Region rund um und aus Augsburg.

Geld allein macht nicht glücklich

Sina Trinkwalder studierte Politik und Betriebswirtschaft, brach ihr Studium ab und arbeitete zunächst über zehn Jahre als Geschäftsführerin ihrer eigenen Werbeagentur, mit der sie viel Geld verdiente. "Aber Geld alleine macht nicht glücklich", ist Trinkwalders Überzeugung.

Im Jahr 2010 gründete sie dann ihre sozial-ökologische Textilfirma Manomama mit drei arbeitslosen Näherinnen. Die Werbeagentur führte ihr Mann weiter.

Sina Trinkwalder mit zwei Ankleidepuppen.

Sina Trinkwalder setzt nicht auf Profit, sondern auf Menschlichkeit

Die Entscheidung, ihr Berufsleben zu verändern, traf Trinkwalder am Wuppertaler Hauptbahnhof: Dort unterhielt sie sich mit einem Obdachlosen, der mit seiner Frau aus ihren weggeworfenen Frauenzeitschriften Weihnachtsschmuck basteln wollte.

"Es muss doch möglich sein, solche Menschen in Lohn und Brot zu bringen", dachte sich Sina Trinkwalder.

An diesem Tag hatte sie die Idee ein Unternehmen zu gründen und Jobs für Menschen zu schaffen, die von der Gesellschaft abgeschrieben sind, um ihnen Sicherheit und Wertschätzung zurückzugeben.

Für ihr ökologisches und soziales Engagement wurde Trinkwalder 2011 von der Bundesregierung als "Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit" ausgezeichnet. Ihre Geschäftsidee für Manomama schien vielen zu gefallen, trotzdem war es für die Jungunternehmerin schwierig, finanzielle Unterstützung zu finden - ihr Geschäft barg zu viel Risiko.

Die Banken stellten sich quer und gaben Manomama keinen Kredit. Und für das Wirtschaftsministerium erwirtschaftete Trinkwalders Unternehmen zu wenig, um staatlich gefördert zu werden.

Schließlich investierte sie ihr komplettes Privatvermögen in die Firma und fand über das Internet, durch sogenanntes Crowdfunding, Paten für Nähmaschinen.

"Wunder muss man selber machen"

"Wenn man auf Wunder wartet, dann geschieht nichts und deswegen muss man selber den Hintern hochbringen und die Ärmel hochkrempeln und dann kann man Dinge, die man nicht für möglich gehalten hat, möglich machen", davon ist Sina Trinkwalder überzeugt.

140 Näherinnen und Näher arbeiten heute in ihrem Textilunternehmen. Die meisten sind Frauen, alleinerziehend und über 50 Jahre, ihre Geschichten oft ähnlich: Ausbildung, Heirat, Kinder und dann irgendwann arbeitslos oder sie arbeiteten, bis der Chef entschied, dass sie zu alt oder zu teuer waren.

Langzeitarbeitslose gewöhnt Sina Trinkwalder langsam wieder an einen Job: "Wenn die sofort acht Stunden arbeiten sollen, diesen Druck halten die gar nicht aus." Sie kommen für vier Stunden pro Tag und machen bei Manomama nach jeder Stunde eine Pause. Wer das schafft, wird eingestellt und angelernt.

Dann heißt es Nähen üben. Von 20 Arbeitslosen hat Sina Trinkwalder in einem Projekt mit dem Arbeitsamt in Augsburg 16 auf den Arbeitsmarkt zurückgebracht.

Nach Biobaumwolltaschen kommt Biokleidung

"Wenn man sieht, was das bewegt bei den Leuten, wie schlecht drauf die waren, wie geknickt die gelaufen sind - und jetzt herrscht hier eine Fröhlichkeit. Das ist unglaublich", sagt Hilde Seegerer. Die 61-Jährige ist eine von Sina Trinkwalders engsten Mitarbeiterinnen. Sie hatte selbst mal eine Näherei und bringt deshalb viel Erfahrung mit.

Hilde Seegerer lernt die neuen Mitarbeiter an den Nähmaschinen an. Mit ihr und 39 weiteren Frauen hat Sina Trinkwalder 2012 ihren ersten Großauftrag gestemmt: eine Million Biobaumwolltaschen für eine Drogeriekette.

Dieser Auftrag war genau das Richtige, um möglichst vielen Menschen wieder eine sinnvolle Arbeit zu geben. Nach der Pflicht soll aber nun die Kür folgen. "Stoff, Nähfaden und Henkel für Taschen zusammenzunähen war einfach, jetzt wollen wir verstärkt auf Biokleidung setzen", sagt Sina Trinkwalder.

Made in Germany ist nicht einfach

Ihre Bekleidung will Trinkwalder 100 Prozent ökologisch und regional produzieren. Um das zu schaffen, arbeitet sie eng mit Wissenschaftlern zusammen und sucht nach einer Möglichkeit, Jeans mit aus der Region angebautem Biohanf herzustellen.

Noch kommt die Biobaumwolle für die Hosen aus der Türkei, soll aber bald durch Hanf oder Brennnessel aus der Region ersetzt werden. Diese Faserpflanzen bauen in Deutschland nur wenige Landwirte an, weil das Geschäft nicht lukrativ ist. Der Markt ist zu klein und es gibt nur wenige Abnehmer. Zudem müssen Hanf und Brennnessel speziell aufbereitet werden, damit daraus Fasern für die Textilindustrie gewonnen werden können.

Dass die Textilindustrie rund um Augsburg boomte, ist lange her. Heute wird alles in Fernost gefertigt, weil es billiger ist. So war es für Trinkwalder auch nicht einfach, die Maschinen zu beschaffen, die für die Jeansproduktion nötig sind – geschweige denn Menschen zu finden, die sich mit diesen Maschinen noch auskennen. Doch Trinkwalder fand eine Lösung: Ihre Jeans lässt sie im Augsburger Textilmuseum produzieren, wo es eine spezielle Maschine dafür gibt.

Autorin: Annika Zeitler

Stand: 25.11.2016, 09:00

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