Wie arbeitet eine Schuldnerberatung?

Ein Taschenrechner und ein Blatt Papier mit der Aufschrift Schulden

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Wie arbeitet eine Schuldnerberatung?

Fast die Hälfte aller deutschen Haushalte ist verschuldet, acht Prozent davon so schwer, dass die Ausgaben die laufenden Einnahmen regelmäßig übersteigen. Hilfe, um aus den roten Zahlen herauszukommen, bietet die Schuldnerberatung.

Darum geht's:

  • Der Anfang der Überschuldung wird als Kettenreaktion erlebt.
  • Eine Schuldenkarriere beginnt oft mit Arbeitslosigkeit.
  • Häufig trifft es Menschen aus dem Mittelstand.
  • Mit Spar- und Schuldenplan behält man den Überblick.
  • Privatinsolvenz ist oft der letzte Ausweg.

Abstieg in Raten

2004 merkte die Sekretärin Erika Mirnig (Name von der Redaktion geändert) von einem Tag auf den anderen, dass sie mit einem Phantom verheiratet war. Das Phantom: ihr Ehemann Dieter, wie sie ihn kannte – liebenswürdig, zuverlässig und mit seiner Beraterfirma beruflich erfolgreich.

Die Wirklichkeit sah anders aus: Dieter hatte seine Geschäftspartner jahrelang systematisch betrogen und war nun, nachdem die Sache aufgeflogen war, hoch verschuldet – mit einem Betrag, der in die Hunderttausende ging. "Mir hat das damals den Boden unter den Füßen weggezogen", sagt sie.

Erika Mirnigs gesamtes Lebensgebäude stürzte in sich zusammen – nicht nur bildlich, sondern buchstäblich. Sie war es nämlich, die für die Schulden ihres nun mittellosen Mannes haftbar gemacht wurde – und musste dafür nicht nur ihre Sparrücklagen und ihre private Altersvorsorge auflösen, sondern sich auch von der gemeinsamen Eigentumswohnung und dem Ferienhäuschen in Bayern trennen.

"Ich bin ein ziemlich gradliniger Mensch", beschreibt sich Erika Mirnig und ringt dabei trotzdem um Fassung. "Da habe ich eben alles Schritt für Schritt zu Geld gemacht und damit seine Schulden bezahlt." Etwas anderes blieb ihr, trotz sofortiger Scheidung, auch nicht übrig – und so fing sie mit Anfang 50 ein zweites Mal bei Null an.

Warteraum mit Tischen und Plakaten an den Wänden.

Schuldnerberatung Berlin: Hier hat Erika Mirnig Hilfe gesucht

Doch dann passiert etwas, womit keiner gerechnet hat. Der Käufer ihres Ferienhäuschens behauptet, Erika Mirnig habe die Quadratmeterzahl des Anwesens falsch beziffert, und zieht vor Gericht. Einen schriftlichen Vertrag gibt es nicht, deshalb auch keine Beweise. Der Richter entscheidet sich für die Version des Klägers, Erika Mirnig soll 50.000 Euro zurückzahlen.

Dann geht alles sehr schnell. Der Kläger will sein Geld sofort. Gleichzeitig muss Erika Mirnig aber auch anderen Verbindlichkeiten nachkommen: Ihr Girokonto ist überzogen, der Scheidungsanwalt noch nicht ganz bezahlt, und mangels verbliebener Ersparnisse hat sie vor kurzem einen kleinen Verbraucherkredit aufgenommen, um sich für die neue Wohnung eine Küche leisten zu können.

Zahlungen, die diesmal nicht nur ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen, sondern auch ihre Kraft: "Ich hatte so viel ausgestanden – aber jetzt hatte ich das Gefühl: Alleine schaffe ich das nicht mehr." Nach kurzem Zögern wendet sich Erika Mirnig an eine Schuldnerberatung.

Die Schuldenfalle – Gründe und Gefahren

"Der Anfang einer Überschuldung wird von den Betroffenen oft als fatale Kettenreaktion erlebt", erzählt Bettina Heine, Erika Mirnigs Beraterin vom Diakonischen Werk Berlin. "Wie auf einer Perlenschnur reiht sich Forderung an Forderung, Mahnung an Mahnung, ohne dass ein Ende abzusehen wäre."

Anders als Erika Mirnig leben viele Schuldner allerdings oft jahrelang so weiter – öffnen keine Rechnungen mehr, stecken den Kopf in den Sand, bis die Katastrophe kaum noch abzuwenden ist.

"Besonders problematisch wird es", so Schuldnerberaterin Heine, "wenn die Leute monatelang der Schuldentilgung den Vorrang geben und darüber ihre laufenden Kosten wie Miete und Stromrechnung hinten anstellen."

Im schlimmsten Fall kann der Vermieter sogar die Wohnung kündigen – der Schuldner steht dann auf der Straße und findet wegen seines Schufa-Eintrags auch nicht mehr so schnell eine neue Bleibe.

Doch wie gerät man überhaupt hinein in die Schuldenfalle? Sind es, wie im Fall von Erika Mirnig, persönliche Schicksalsschläge oder können sich manche Schuldner vielleicht auch einfach nicht nach der Decke strecken? Mit dieser Erklärung, meint Bettina Heine von der Schuldnerberatung, mache man es sich zu einfach.

Salzteig-Namensschild an einer Haustür, versehen mit dem Aufkleber 'Heute Zwangsversteigerung'.

Albtraum eines Schuldners: Verlust des eigenen Hauses

Am Anfang einer "Schuldenkarriere" stehe meist ein biografischer Bruch – Arbeitslosigkeit etwa oder oft auch eine gescheiterte Unternehmensgründung. Bettina Heine berät verschuldete Friseurmeister oder Blumenhändler genauso wie junge selbstständige Architekten, denen unverhofft ein wichtiger Auftrag weggebrochen ist. Auch Trennungen oder Scheidungen stellen ein Schuldenrisiko dar, besonders wenn Unterhaltszahlungen für Kinder mit im Spiel sind.

Immer häufiger trifft es dabei Menschen aus dem Mittelstand – etwa den Familienvater, der vor einigen Jahren ein Häuschen im Grünen gekauft hat und nun wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Scheidung den Kredit dafür nicht mehr abbezahlen kann.

Wirtschaftliche Unerfahrenheit oder gar mangelnde Disziplin allein seien selten der Auslöser für Schulden, meint Bettina Heine – allerdings verschlimmerten sie die Zwangslage oft. "Viele tun sich eben schwer, ihr Leben sofort radikal umzustellen, wenn sie zum Beispiel Knall auf Fall arbeitslos werden. Aber das ist meistens der einzige Weg, eine Überschuldung zu verhindern."

Leben unterm Spardiktat

Erika Mirnig weiß, wie es sich anfühlt, wenn man für den Alltag auf einmal nur noch einen Bruchteil des Bisherigen zur Verfügung hat. Auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee für unterwegs kaufen, abends mal ins Kino gehen – unfinanzierbarer Luxus. Dabei sieht man Erika Mirnig die Not nicht an: Sie trägt Perlenohrringe ("Natürlich nicht echt!"), ist stilbewusst und schick gekleidet. "Man hat so seine Tricks", lächelt sie.

Trotzdem: Oft fühle sie sich wie in einem Käfig. "Man fragt sich ständig: Wo kann ich noch streichen?" Ihre Mitgliedschaft im Sportverein hat sie gekündigt, genauso alle Versicherungen – bis auf die obligatorische Haftpflicht.

Auch das war Teil ihres persönlichen Spar- und Schuldenplans, den sie gemeinsam mit Bettina Heine aufgestellt hat. Dieser Plan gehört zu jeder Beratung, genau wie die vollständige und ehrliche Auflistung aller ungetilgten Schulden.

Oft übernimmt Bettina Heine dann auch die Verhandlungen mit den Gläubigern und versucht, für ihre Klienten Kompromisse zu erreichen – zum Beispiel niedrigere Zahlungsraten bei Krediten.

Privatinsolvenz als Ausweg

Im Fall von Erika Mirnig ging sie allerdings noch einen Schritt weiter: Sie riet ihr zu einem Insolvenzverfahren. Denn seit 1999 können sich nicht nur Unternehmen für zahlungsunfähig erklären, sondern auch Privatleute. Das Verfahren ist kompliziert, aber oft die einzige Möglichkeit, überhaupt jemals aus den Schulden herauszukommen.

Taschenrechner, im Hintergrund Tabellen und Informationsmaterial zu Schulden und Insolvenz.

Erster Schritt beim Insolvenzverfahren: Kassensturz

Der Schuldner erarbeitet dabei mit seinen Gläubigern einen sogenannten Schuldenbereinigungsplan für die kommenden sechs Jahre. Während dieser Zeit erhalten alle Gläubiger anteilsmäßig einen vereinbarten Betrag, der sich danach bemisst, wie viel der Schuldner von seinem Gehalt und einem eventuell verbliebenen Vermögen zur Tilgung beiseite legen kann.

Nach sechs Jahren werden ihm schließlich die Restschulden erlassen. Ein Gericht muss sich nur dann einschalten, wenn einer oder mehrere Gläubiger mit dem vorgeschlagenen Schuldenbereinigungsplan nicht einverstanden sind.

Erika Mirnig hatte Glück: Bei ihr haben inzwischen alle Gläubiger zugestimmt, die sechs Jahre Schuldenbereinigung können beginnen. Auch für Beraterin Bettina Heine ist das eine gute Nachricht – denn bei ihrer Arbeit sieht sie tagtäglich, wie sehr unbewältigte Schulden an einem Menschen nagen können. "Viele werden sogar richtig krank davon oder ziehen sich aus Scham vor ihrem gesamten sozialen Umfeld zurück."

Erika Mirnig hat dagegen gelernt, abends beim Weggehen auch mal auf ihren Stolz zu verzichten und sich von Freunden einladen zu lassen. Und deshalb weiß sie auch schon, was nach dem geglückten Insolvenzverfahren als Erstes anstehen wird: eine große Feier für alle, die zu ihr gehalten haben.

Autorin: Kerstin Hilt

Weiterführende Infos

Stand: 11.08.2017, 16:00

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