Das unheimliche Wachstum der Megacities

Shanghai

Stadtentwicklung

Das unheimliche Wachstum der Megacities

Zwei Drittel aller Menschen sollen im Jahr 2050 in einer Stadt leben, prognostiziert die Abteilung für Wirtschafts- und Sozialangelegenheiten der Vereinten Nationen. Die Menschheit befindet sich auf der größten Landflucht der Geschichte. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern nur im Reich der Fantasie. Doch die Bevölkerungsexplosion der jüngeren Vergangenheit ließ bis 2017 weltweit 32 solcher Gigantenstädte zu steinerner Realität werden.

New York war die erste Megacity

Zuerst erreichte die Metropolregion New York um 1930 die Marke von zehn Millionen Einwohnern, bald darauf war es im Großraum Tokio so weit. 1954 überholte Tokio sogar New York, wuchs immer weiter und ist bis heute die größte Stadt der Welt geblieben.

Bald knackten immer mehr Städte die zehn Millionen Einwohner Marke: 1959 gesellte sich Osaka hinzu, 1974 Mexiko-Stadt, 1976 São Paulo, 1984 Bombay (heute: Mumbai) und Los Angeles, 1986 Buenos Aires und Kalkutta (heute: Kolkata).

New York um 1950

New York um 1950

Ein Ende dieser Entwicklung ist derzeit nicht in Sicht. Viele Städte wachsen weltweit immer weiter, und ihre Ausmaße flößen Respekt ein: Mit 37 Millionen Einwohnern hat der Großraum Tokio etwas mehr Einwohner als Kanada.

In China vereint der Großraum Chonqing mit 32 Millionen Einwohnern auf einer Fläche so groß wie Österreich so viele Menschen, wie zusammengenommen in Österreich, der Schweiz, der Slowakei, Bulgarien, Serbien und Slowenien leben.

Der Westen wächst kaum noch

Die Statistiken der Vereinten Nationen zeigen: Das Städtewachstum findet vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern statt. Von den zehn Megacities des Jahres 1990 lagen zwei in Nordamerika, drei in Südamerika und fünf in Asien, aber keine in Afrika und Europa.

São Paulo, aktuell.

In São Paulo wuchern die Favelas immer weiter in den Wald

25 Jahre später gibt es 30 Megacities auf der Welt. Von den 20 Neuzugängen liegen zwölf in Asien, je drei in Afrika und Europa sowie einer in Südamerika. Einer, Istanbul, erstreckt sich auf zwei Kontinente. Bis 2030 sollen noch einmal zwölf Megacities hinzukommen, sieben in Asien, drei in Afrika und zwei in Südamerika.

Die Städte wachsen so rasant, weil sich der wirtschaftliche Aufschwung der Schwellenländer auf die Städte konzentriert:

Viele Industriearbeitsplätze haben sich in den letzten Jahrzehnten aus den westlichen Ländern in die Schwellenländer verlagert. Der Arbeitskräftebedarf dort hat viele Menschen vom Land in die Städte gelockt. Und in ihnen vollzieht sich eine Entwicklung, die Europas Städte in viel kleinerem Maßstab im 19. und 20. Jahrhundert erlebt haben, wie im Zeitraffer.

Die Infrastruktur hält mit dem Tempo vielerorts nicht Schritt, oft sind die Stadtverwaltungen überfordert: In Rio de Janeiro protestierten die Einwohner 2016 wegen des schlechten öffentlichen Personenverkehrssystems. Immerhin haben sie eines, anders als etwa die Einwohner der afrikanischen Megametropole Lagos, wo zudem eine Müllabfuhr fehlt und Wasser- und Stromversorgung unzuverlässig und chaotisch sind.

Vogelperspektive von dem Armenviertel in Lagos.

Makoko ist eines der Armenviertel von Lagos (Nigeria)

Wie beherrschbar ist die Landflucht?

Die Schwellenländer Südostasiens, allen voran China, scheinen Infrastrukturprobleme besser im Griff zu haben. Nachdem der immense Arbeitskräftebedarf der chinesischen Industrie hunderte Millionen von Chinesen in die Städte gelockt hat, musste das Reich der Mitte Wege finden, den Zuzug zu den großen Metropolen zu reglementieren.

Zugleich baut China rund um manche seiner Megacities sogenannte "Entlastungsstädte", die ebenfalls Millionen von Einwohnern Platz bieten. So soll Peking mit mehreren Großstädten in seiner Umgebung zur städtischen Großregion Jing-Jin-Ji verschmelzen, in der mehr als 100 Millionen Menschen leben werden.

Modell einer neuen Stadt

Modell einer "Entlastungsstadt" für Peking

Was auch China als Herausforderung bleibt, sind Umweltprobleme. Regelmäßig versinken die großen Städte im Smog. Nicht von ungefähr forciert China die Entwicklung von Elektroautos.

Viele Hoffnungen, nicht nur in China, richten sich auf die Entstehung sogenannter "Smart Cities". Sie sollen mithilfe digitaler Technologien unter anderem umweltfreundlicher und  Ressourcen schonender werden.

In der koreanischen Stadt Songdo etwa gibt es Müllcontainer, die ihren Füllstand an die Stadtwerke melden, sodass die Routen der Müllfahrzeuge effizienter geplant werden können.

Frau vor großem Touchscreen.

Die Smart City Songdo ist bis ins private Zuhause vernetzt

Megacities – kein Zukunftskonzept?

Vielleicht verschwinden die Megacities auch in ein paar Generationen wieder. Ein erstes bescheidenes Anzeichen liefert die ungewöhnliche Entwicklung von Südkoreas Hauptstadt Seoul. Sie ist die bislang einzige ehemalige Megacity. In den elf Jahren nach 1988 hatte sie mehr als zehn Millionen Einwohner, danach sank ihre Einwohnerzahl bis 2015 auf 9,7 Millionen.

Auch der Großraum Tokio soll 2019 mit 38,3 Millionen Einwohnern seinen Zenit erreichen und sich bis 2030 leicht rückläufig entwickeln.

Zudem ist die Geburtenrate in großen Städten oft niedriger als auf dem Land. Darüber hinaus sinken weltweit die Fruchtbarkeitsraten. Dass die Weltbevölkerung trotzdem noch eine Weile zunimmt, liegt an der steigenden Lebenserwartung.

Zu guter Letzt haben es die Gesellschaften der bevölkerungsreichen Länder selbst in der Hand, das unheimliche Wachstum der Megacities zu stoppen: indem sie Wege finden, das Leben auf dem Land lebenswerter zu gestalten.

Autor: Frank Drescher

Stand: 14.09.2017, 10:00

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