Staudämme

Architektur

Staudämme

Sie sind Symbole des Fortschritts, des Wachstums - und der Macht. Es hat Zeiten gegeben, da haben Staudämme amerikanischen Präsidentschaftskandidaten zum Wahlsieg verholfen. Die Politiker versprachen ihrem Publikum Riesenbauwerke mit großen Vorteilen. Mehr als 45.000 Großstaudämme gibt es weltweit. Doch aus den Prestigeprojekten sind Streitobjekte geworden. Den Vorteilen der riesigen Bauwerke stehen gewaltige Nachteile gegenüber.

Dämme aus Reisig und Erde

Die Ingenieure von heute würden sich wohl schwer damit tun, das als Staudämme zu bezeichnen: Schmale Wehre aus Reisig und Erde, hinter denen sich das Wasser der Flüsse und Bäche sammelte, um dann in das dichte Netz aus Bewässerungskanälen abzufließen. Dieses 8000 Jahre alte Bewässerungssystem haben Archäologen nahe der Gebirgsausläufer der Zagros-Kette im heutigen Iran aufgespürt - und wenig später die Bewohner dieser uralten Stadt zu den ersten Staudammbauern erklärt.

Luftaufnahme des Drei-Schluchten-Staudamms in China. Ein rieisger beleuchteter Staudamm zieght sich durch ein Gewässer, das große Wassermengen führt.

Großstaudamm

Allein das Ziel - das Wasser zu nutzen - verbindet die schmalen Wehre aus vorchristlicher Zeit mit den "großen" Dämmen der Moderne. Mehr als 45.000 gibt es derzeit weltweit. "Groß" sind nach einer Definition der Internationalen Kommission für Großstaudämme (ICOLD) Dämme, die mehr als 15 Meter hoch sind oder mehr als drei Millionen Kubikmeter Wasser aufstauen.

Etwa die Hälfte dieser großen Dämme steht in China, mehr als 300 in Deutschland. Die mit der Wasserkraft gewonnene Energie deckt etwa ein Fünftel des weltweiten Stromverbrauchs; die Dämme liefern das Wasser für 30 bis 40 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen. Auch in puncto Hochwasserschutz haben die Dämme ihre Aufgaben bislang recht gut gemeistert, so die ICOLD.

Große Versprechen, gute Geschäfte

Mehrere Männer, die turbanähnliche Kopfbedeckungen tragen, zerschlagen mit Werkzeugen Steine.

Bau des Assuan-Damms

Viele Dämme sind in den 1960er und 70er Jahren gebaut worden - der Blütezeit des Staudammbaus. Täglich zerschellten irgendwo auf der Welt Sektflaschen an frisch gegossenen Staumauern, die damit ihrer Bestimmung übergeben wurden. Das, was die Staudämme alles bringen sollten, klang verheißungsvoll: Hochwasserschutz und einen gleichförmigen, gezähmten Fluss, der das ganze Jahr hindurch Schifffahrt möglich macht. Dazu ausreichend Wasser für die Felder und Haushalte und sauberen Strom. Denn es wird Energie genutzt, die die Natur - anders als Kohle oder Gas - in großer Fülle zur Verfügung stellt: die Energie des Wassers.

In den Dämmen fällt das gestaute Wasser auf Turbinen, die nichts anderes sind als moderne Wasserräder. Bloß treiben sie keinen Mühlstein an, sondern Generatoren, die die Rotationsenergie schließlich in elektrische Energie umwandeln. In Strom, den alle Volkswirtschaften brauchen. Verheißungsvoll waren diese Projekte aber auch und vor allem für die westlichen Industrien, die die Riesenturbinen lieferten und gute Geschäfte machten.

Vergessene Kosten

Blick auf die Mauer des Assuan-Staudamms. Rechts schießt Wasser unter großem Druck hervor.

Umstrittenes Projekt: der Assuan-Damm

In der Euphorie gingen solche Aspekte unter. Es gerieten auch die Dammbaukosten in Vergessenheit, die sich nicht genau beziffern oder im Voraus kalkulieren lassen. "Externe Kosten" sind das in der Sprache der Experten. Von einer "Katastrophe" sprachen die, die davon betroffen waren. Ein Beispiel aus Südafrika: Dort haben die Dämme, die den Oranje-Fluss stauen, zwar die Erwartungen bei der Stromversorgung weit übertroffen. Stromabwärts aber bewirkte das aufgestaute Wasser eine Mückenplage. Riesige Mückenschwärme fielen über die Rinderherden her und töteten sie. Früher waren die Mückenlarven gestorben, wenn der Fluss in der Trockenzeit kaum noch Wasser führte. Seit die Dämme die Strömung des Oranje-Flusses kontrollieren, fließt das ganze Jahr über gleichmäßig viel Wasser. Optimale Brutbedingungen für die Insekten.

Und noch ein Beispiel - aus Ägypten: Wenn die Regierenden über den Assuan-Staudamm sprechen, dann werden sie nicht müde zu betonen, dass sich die landwirtschaftliche Produktion durch den Dammbau vervielfacht hat. Überschwemmungskatastrophen seien ausgeblieben und die Turbinen, die tief im Damm verborgen sind, lieferten etwa ein Viertel der ägyptischen Energie. Kaum jemand aber spricht von der Versalzung des Bodens: Durch die künstliche Dauerbewässerung ist der Grundwasserspiegel im Niltal drastisch gestiegen. Im Boden gelöste Salze gelangten so nach oben. Früher spülte die jährliche Nilflut die Salze weg. Der ausgebrachte Kunstdünger verstärkt das Problem zusätzlich.

Proteste von Umweltschützern

Zu sehen ist eine verlassene Stadt, deren Bewohner wegen eines Dammbaus umsiedeln mussten. Vor den leeren Gebäuden liegt ein großer Haufen Steine.

Mancher Damm hinterlässt Geisterstädte

Würden alle Folgen des Baus für Menschen und Umwelt in die Rechnungen einbezogen, dann wäre kein einziger Großdamm ökonomisch sinnvoll, heißt es bei der "Erklärung von Bern", einer Gruppe, die sich seit mehr als 30 Jahren gegen Staudammprojekte engagiert. Seit den 80er Jahren stimmten immer mehr Fachleute in dieses Credo ein: In Europa und in Nordamerika sank die Zahl der Projekte drastisch, nachdem die Umweltschützer auch politische Erfolge feierten. Immer mehr Widerstand regte sich aber auch in den Entwicklungsländern. Umweltschützer und Menschenrechtler demonstrierten, wenn wieder einmal ein ganzes Tal entvölkert und zum See umgewandelt werden sollte.

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ist zum Gesicht des Widerstands im Narmada-Tal geworden. Dort wird seit 1987 an einem der größten Dammprojekte der Geschichte gebaut: Entlang des Narmada-Flusses sollen 20 große, 135 mittelgroße und mehr als 300 kleine Staudämme entstehen. Herzstück ist der Sardar-Sarovar-Staudamm. 245 Dörfer und 200.000 Menschen müssten dafür aus dem Tal verschwinden. Roy beschreibt Dämme deshalb drastisch als "Massenvernichtungswaffen".

Die Experten haben das Wort

Mit ihrem gewaltlosen Protest zwangen die Menschen im Narmada-Tal Mitte der 90er Jahre die Weltbank, und damit einen der Hauptfinanziers, zum Ausstieg aus dem Projekt; 1999 stoppte der Oberste Gerichtshof Indiens das Projekt. Auch wenn schon ein Jahr später wieder gebaut wurde: Der Erfolg hatte den Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen Auftrieb gegeben. Gemeinsam mit der Weltbank drängten sie 1997 darauf, die World Commission on Dams (WCD) einzusetzen. Das Expertengremium war bis 2001 aktiv und setzte sich aus Mitgliedern von 68 Institutionen zusammen, die ganz unterschiedliche Meinungen zum Staudammbau vertraten. Gut drei Jahre später legten sie die erste unabhängige Studie zu Schaden und Nutzen von Staudämmen vor: einen 400 Seiten starken Band mit Analysen abgeschlossener und laufender Bauvorhaben - vor allem aber mit Leitlinien, nach denen zukünftige Projekte sich richten sollen.

Einhellig stellt der Bericht fest, dass Staudämme großen Anteil an der Entwicklung vieler Länder hatten und weiterhin eine wichtige Option bleiben, um auf den wachsenden Entwicklungsbedarf zu reagieren. Diesen Erfolgen, heißt es im Bericht weiter, stünden aber enorme soziale und ökologische Schäden gegenüber. Allein 40 bis 80 Millionen Menschen mussten wegen der Dämme umziehen. Zugleich seien nicht nur Flora und Fauna in der gefluteten Region zerstört worden. Oft seien unterhalb des Dammes ganze Regionen ausgetrocknet, Fischpopulationen seien verschwunden. Vielen Menschen am Unterlauf der Flüsse habe das die Lebensgrundlage genommen.

Haben Dämme eine Zukunft?

Das Wasserkraftwerk des Hoover-Staudamms.

Energie-Erzeuger Staudamm

Die Welt der Staudämme hat sich in zwei Hälften geteilt: Während in den westlichen Industriestaaten der Dammbau nahezu eingestellt worden ist, weil alles verbaut ist und die Zweifel am ökonomischen und ökologischen Nutzen der Großstaudämme überwiegen, boomen die Dämme in den Entwicklungsländern weiter. Die Unternehmen orientieren sich nach Richtung Asien, wo weiter gebaut wird.

Bei aller Kritik hält Frauke Neumann-Silkow von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Staudämme nicht für Auslaufmodelle. "Bis 2020", sagte sie im Herbst 2005, "brauchen die Entwicklungsländer schätzungsweise fünf Prozent mehr elektrische Energie." Die Wasserkraft zu nutzen, liegt weiterhin nahe. Schätzungen zufolge wird derzeit nur etwa ein Fünftel des Potenzials genutzt. Die Alternative wären Kern- oder Kohlekraftwerke. "Niemand kommt deshalb drum herum, einen Großteil der Bauvorhaben zu testen und anzuwenden." Allerdings sei es dabei absolut notwendig, viel mehr als zuvor die Bevölkerung in die Planung einzubeziehen, die Projekte zu beobachten und zu begleiten. Außerdem müssten bei den Bauentscheidungen, so Neumann-Silkow, soziale und ökologische Kriterien absolut gleichwertig neben den wirtschaftlichen und technischen Aspekten stehen. Dafür habe der Bericht der WCD sensibilisiert.

Autor/in: Katharina Beckmann

Stand: 26.05.2014, 13:00