Von der Gründerzeit zum Bauhaus

Verschnörkelte Figur oberhalb eines Fenster an einem Haus aus der Gründerzeit.

Architektur

Von der Gründerzeit zum Bauhaus

Vom Tapetenmuster bis zum Bau moderner Siedlungen reichten die Reformbestrebungen um 1900. Die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst und die Gartenstadt Hellerau waren beispielhaft. Künstler und Architekten wehrten sich gegen das Imitieren alter Stilelemente, gegen pompösen Zierrat bei Möbeln und Bauwerken. Mit der Reform kam der Jugendstil und die funktionale Form. Selbst Industriedesign wurde langsam salonfähig.

Kritik an der Stillosigkeit

Um 1871 zweifelten in Deutschland nur wenige am Sinn oder Unsinn, alte Stile zu imitieren. In dieser Zeit stand die Einigung des Deutschen Reiches im Mittelpunkt und mit ihr ein neues Geschichtsbewusstsein. Das Bürgertum war stolz auf sein historisches Kulturgut und begeisterte sich für die deutsche Renaissance. Möbel, Tapeten, Einrichtungen und Bauwerke wurden "auf Renaissance getrimmt".

Reich verzierte, restaurierte Mehrfamilienhäuser stehen dicht beieinander

Restaurierte Häuser aus der Gründerzeit

Diese sogenannte Neo-Renaissance wurde zum deutschen Nationalstil, später bekannt als Stil der "Gründerzeit". Es war die Zeit der wachsenden Industrialisierung, in der immer mehr neue Unternehmen gegründet wurden. Repräsentative Formen mit viel Zierrat waren beliebt und galten traditionsgemäß als wertvoll.

Das änderte sich aber mit der zunehmenden industriellen Produktionsweise. Der Zierrat konnte nun massenhaft hergestellt werden. Es kam zur "Schnörkel-Inflation" in einem chaotischen Stilgemisch.

Vor allem Künstler empfanden diese Stillosigkeit als unerträglich: Dinge sollten nicht möglichst "pompös" gestaltet sein, sondern funktional. Die Engländer begegneten diesem Problem mit der Reformbewegung "arts and crafts", die auf hochwertige Qualität setzte. In Amerika wurden nüchterne Büroeinrichtungen modern, ein Stil, der als funktionalistisch bezeichnet wurde. In Japan bevorzugte man fast leere Räume.

Plastisch am Bauwerk eine weibliche Figur mit entblößter Brust, als Stütze für einen Balkon. Sie steht zwischen zwei Fenstern und hält die Arme über ihrem Kopf, um den pompös verzierter Balkon zu tragen.

Historistische Balkonstütze

Diese verschiedenen Stilrichtungen fanden auch in Deutschland immer mehr Beachtung. Sie dienten an den Kunstgewerbeschulen als Orientierungshilfen. Vor allem das japanische Design und die Formen aus der Natur gefielen vielen Künstlern. Das passte zur neu entwickelten Lebensphilosophie, den Sinn für die Natur und die Einheit von Körper und Geist wecken. Die Reformbewegungen führten in der angewandten Kunst zur "art nouveau", zur neuen Kunst, die man Jahre später in Deutschland "Jugendstil" nannte.

Verelendung in den Städten

Nicht nur die kulturelle Situation ließ um 1870 zu wünschen übrig, auch die soziale: Die Volkszählung von 1861 hatte ergeben, dass knapp ein Zehntel der Berliner in Kellerwohnungen lebten. Von rund 100.000 Wohnungen in Berlin hatte nur die Hälfte ein beheizbares Zimmer. Oft teilten sich mindestens fünf Personen den beheizten Raum. Immer mehr Menschen zogen vom Land in die Stadt, um dort in den neu gegründeten Fabriken zu arbeiten. Mietskasernen entstanden.

Trotzdem fehlte es an Wohnraum. Deutschland, bis dahin überwiegend ein Agrarland, kam mit dem Bau von städtischen Wohnungen nicht nach. In dieser Zeit war sozialer Wohnungsbau noch keine Aufgabe der Kommunen. Nur die Unternehmer kümmerten sich darum, weil sie Wohnraum für ihre Arbeiter benötigten. 1871 lebten etwa 36 Prozent der Deutschen in Städten. Im Jahr 1914 waren es sogar schon rund 60 Prozent.

Soziale Lage verbessern durch Gartenstädte

Im Vergleich zu Deutschland kämpfte England schon 50 Jahre früher mit den negativen Folgen der Industrialisierung. Der englische Parlamentsstenograph Ebenezer Howard brachte eine Reformbewegung in Gang. Er hatte die Idee Gartenstädte zu bauen, damit die Arbeiter gesünder und zufriedener leben.

Es sollte eine gemeinnützige, kapitalkräftige Gesellschaft gegründet werden, eine "Garden-Cities-Association". Die müsste ein großes Areal kaufen um die Siedlung darauf zu bauen. Das Terrain könnte billig zum landwirtschaftlichen Nutzwert erworben werden und es sollte an einer Eisenbahnlinie liegen. Das waren die wichtigsten Voraussetzungen.

Die Gartenstadt dürfe nicht zu groß sein, höchstens 50 Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt und müsse alle öffentlichen Einrichtungen haben. Von dem erworbenen Terrain sollte nur ein Sechstel für die Stadt selbst genutzt werden, der andere Teil für Landwirtschaft und Gewerbebetriebe. Oberstes Gesetz sei, dass es keinen Privatbesitz gebe, sondern alles Gemeindebesitz bleibe.

Die Finanzierung sei einfach: Die Gemeinde kaufe billigen Landboden und nach der Bebauung habe sie teuren Stadtboden. Dennoch müssten die Bewohner keine so hohe Pacht zahlen wie in der Großstadt und die Ansprüche an Hygiene, Technik, Ästhetik und Gesundheit seien optimal. Jedes Haus habe einen Privatgarten und dazu gäbe es noch öffentliche Anlagen. So sei diese Stadt mehr Garten als Stadt. 1903 wurde mit dem Bau der ersten englischen Gartenstadt Letchworth begonnen. Es blieb die einzige in England.

Nach englischem Vorbild: Gartenstadt Hellerau

Nach englischem Vorbild wurde 1902 auch in Deutschland eine Gartenstadtgesellschaft gegründet. Karl Schmidt, der Begründer der Dresdner Werkstätten für Kunsthandwerk, hatte nämlich die Vision ein Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Kleine zweigeschossige Reihenhäuser mit einem hohen ausgebauten Dach mit Dachfenster. Die Fenster im Erdgeschoss haben grüne Fensterklappen. Jedes Haus hat einen kleinen, weiß eingezäunten Vorgarten. Auf der Straße davor stehen mehrere Kinder mit Fahrrädern.

Siedlung in der Gartenstadt Hellerau

Mit dem Nationalökonom Friedrich Naumann, dem Architekt Hermann Muthesius, der die englischen Reformbestrebungen kannte, und dem Architekt Richard Riemerschmid besprach er den Plan, eine Gartenstadt bei Dresden zu gründen, in der man nicht nur anspruchsvoll wohnen, sondern auch arbeiten sollte.

Er fand geeignetes Land nördlich von Dresden, einen hügeligen Ausläufer der Heide. Der Ort sollte Hellerau heißen, weil es die Aue an dem Flüsschen Heller ist. Mit 73 Landbesitzern musste Schmidt verhandeln, bis er die gewünschten 140 Hektar Land hatte.

Wohnung und Arbeitsplatz in der Nähe

Hellerau sollte eine Siedlung "...bemittelter und minderbemittelter, aber freier Menschen werden. Nur aus diesem Stück Heimatgefühl in Berufsarbeit und im eigenen Heim (könne) rechter Gemeinsinn und staatsbürgerliches Pflichtbewusstsein erwachsen." Die Gesamtleitung für den Bau übernahm der Architekt Richard Riemerschmid, der auch die neue Fabrik für die Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst entwerfen sollte, später bekannt als Deutsche Werkstätten.

Die Behörden gaben nur eine zweijährige Genehmigung für den neuartigen Bebauungsplan. Ungewöhnlich erschien zum Beispiel, dass Riemerschmid das Straßennetz nicht geradlinig anlegte, sondern der Geländebewegung anpasste wie bei alten gewachsenen Ortschaften. Auch trennte er Hauptverkehrsstraßen, Zubringer- und Wohnstraßen.

Die Deutschen Werkstätten in Hellerau sind Gebäude mit großen unterteilten Fenstern, dazwischen ein halbrunder Erker, der sich im Dach des Gebäudes als kleiner Turm absetzt. Im roten Ziegeldach sowie in dem kleinen Turm gibt es eine Reihe von Dachfenstern. Die Gebäude sind hell verputzt.

Werkstätten in Hellerau

Insgesamt gab es fünf Baubereiche. Ein Bereich war für kleine Häuser vorgesehen, einer für Landhäuser, einer für die Werkstattgebäude, einer für Wohlfahrtseinrichtungen und ein letzter, der noch nicht festgelegt war.

1909 konnten die ersten Familien einziehen und Ende 1913 gab es schon 1900 Einwohner und 383 Wohnhäuser. Zehn Jahre später zogen auch die Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst von Dresden nach Hellerau um. Die neuen Werkräume hatten große, helle Fenster. An jeder Maschine gab es ein Saugrohr, das die Späne absaugte. Auch gab es eine eigene Energieversorgung. Wohnen im Grünen und Arbeiten in Fußnähe, das Ziel war erreicht.

Die großen Hoffnungen, die man mit der Verwirklichung der Gartenstadt verbunden hatte, wurden am Ende nicht erfüllt. Es hat nicht so recht geklappt ein höheres soziales Bewusstsein zu schaffen. Ein Bewohner der Siedlung sagte dazu, dass man sich eigentlich nur ein Haus leisten könne, wenn man zu den besser verdienenden Arbeitern gehöre.

Von den Sozialdemokraten wurde die Gartenstadt Hellerau aber trotzdem positiv bewertet. So gäbe es wenigstens für einen Teil der Arbeiter bessere Wohnverhältnisse. Außerdem gab die Gartenstadtbewegung den Anstoß, die bisher grauen Großstädte zu begrünen.

Künstler entwerfen Einrichtungen

Karl Schmidt, Leiter der Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst, beschäftigte keine Gewerbezeichner mehr, die im historisierten, verschnörkelten "Nationalstil" arbeiteten. Entwürfe für Mobiliar und Einrichtung sollten nur noch richtige Künstler machen, schlicht und funktional im Stil. Ganz neu: Jeder Gegenstand trug jetzt nicht nur den Namen der Herstellerfirma, sondern auch den des Künstlers.

1907 kam es zum Zusammenschluss der Dresdner mit den Münchener Werkstätten zu den "Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst". Qualität und modernen Stil machten sie zum international anerkannten Markenzeichen. Zum Schutz der künstlerischen Interessen entstand 1907 in München ein Verband, der "Deutsche Werkbund".

Durch die Schaffung deutscher Qualitätsarbeit wolle man einen Beitrag leisten, die Weltwirtschaft zu fördern, hieß es. Die Kunst habe auch eine ethische Kraft, welche die Leistungskraft der Arbeitenden steigere. So wirke sie schließlich auf die Wirtschaft und auch auf die Außenpolitik, um den Weltmarkt erobern zu können.

Vom Sofakissen zum Städtebau

Ein graues mehrgeschossiges Haus, an das horizontal an der Außenwand die Aufschrift 'Bauhaus' angebracht ist. Die Fassade ist durch eine vorgehängte Konstruktion aus Glas und Stahl gekennzeichnet.

"Bauhaus" - eine neue Baukunst

Der Erste Weltkrieg stoppte die Entwicklung in vielen Bereichen. Was an reformerischem Denken in den Köpfen der Künstler und Architekten war, ging aber nicht verloren. In den Jahren nach dem Kriegsende 1918 ging es weiter. Architekten und Künstler, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts pompösen Zierrat abgelehnt hatten, forderten jetzt erst recht eine wirtschaftliche, soziale, funktionale und ästhetische Gestaltung. Da lag aber auch der Streitpunkt. Die einen sagten, dass Funktionalität und Ästhetik die wesentlichen Faktoren in der Architektur seien. Die anderen waren der Ansicht, dass der wirtschaftliche und der soziale Aspekt im Vordergrund stehen müssten. Nicht das Extravagante und Ausgefallene sei wichtig, sondern der solide und preiswerte Bau, damit auch ärmere Schichten dort wohnen könnten.

Beide Richtungen hatten aber das Ziel Gesamtwerke zu schaffen, vom Sofakissen bis zum Städtebau alles gestalten zu können. Diese Idee war ausschlaggebend für die Gründung des Bauhauses 1919 in Weimar. Es war eine Schule mit Werkstätten für gestaltendes Handwerk, für Architektur und für die bildenden Künste. Dort wurde der moderne Stil weiterentwickelt. Der Begriff "Bauhaus" steht noch heute für Funktionalität und Ästhetik.

Autorin: Bärbel Heidenreich

Weiterführende Infos

Stand: 14.10.2014, 13:00

Darstellung: