Tibet

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Bis zum heutigen Tag erkennt die chinesische Regierung den Unabhängigkeitsanspruch Tibets nicht an. Sie legitimiert die eigene Annexionspolitik mit dem Argument, dass Tibet in früheren Zeiten zu China gehört habe. Dagegen verlangt die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala die Souveränität Tibets endlich anzuerkennen. Ihr geistlicher und weltlicher Führer, der Dalai Lama, versucht sich dafür in der ganzen Welt Gehör zu verschaffen. Bisher sind die chinesischen Machthaber jedoch trotz aller Bemühungen des tibetischen Oberhauptes stur geblieben.

Die Annexion durch China

Der chinesische Revolutionär Mao Zedong hatte bald nach der Machtergreifung und der Ausrufung der Volkrepublik China am 1. Oktober 1949 die "Heimkehr Tibets ins chinesische Mutterland" zu einem der wichtigsten politischen Ziele Chinas erhoben.

Schwarzweiß-Bild: Chinesische Soldaten marchieren im tibetischen Hochland.

1950 marschiert Chinas Armee in Tibet ein

Bereits im Oktober 1950 fiel die chinesische Volksbefreiungsarmee in Tibet ein, um die "friedvolle Befreiung Tibets" zu bewirken, so die geschönte Formulierung im chinesischen Politjargon. Tatsächlich marschierten 80.000 Soldaten Maos in Tibet ein und annektierten das Land, um es der Volksrepublik einzuverleiben.

Im November 1950 reichte Tibet offiziell Klage vor der UNO ein. Einzig das mittelamerikanische El Salvador verurteilte die Aggression gegen Tibet, alle übrigen Länder enthielten sich aus politischen Gründen der Stimme. Tibet hatte der chinesischen Waffengewalt nichts entgegenzusetzen. Es musste Zwangsverhandlungen mit dem chinesischen Aggressor aufnehmen, die in einem Abkommen mündeten, das das tibetische Oberhaupt, der Dalai Lama, nur widerwillig unterzeichnete.

Das Abkommen sicherte China die volle Souveränität über den Staat Tibet zu. China garantierte im Gegenzug religiöse, kulturelle und weitgehende politische Freiheiten. Doch schon bald war das Abkommen nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem es geschrieben war.

Beginn der Unterdrückung

Schwarzweiß-Bild: Chinesische Soldaten stehen in Reih und Glied und bilden einen Sperriegel.

Aufstände werden gewaltsam niedergeschlagen

In den 1950er Jahren griff China massiv in das politische Leben Tibets ein. In großer Zahl wurden chinesische Bauern in Tibet angesiedelt. Eine neue Steuerpolitik sowie Eingriffe in die Sozialstruktur und althergebrachte Kultur des Landes führten zu Unruhen und massiven Protesten seitens der Bevölkerung. Im Jahr 1958 bildete sich eine tibetische Guerilla heraus, die offen gegen die chinesischen Unterdrücker operierte.

Als der Dalai Lama sich weigerte, den tibetischen Freischärlern Einhalt zu gebieten, drohten die Chinesen ihn festzusetzen. Gerüchte über seine Entführung nach Peking lösten am 10. März 1959 einen Volksaufstand in Tibet aus, der von den Chinesen blutig niedergeschlagen wurde.

Dem Dalai Lama gelang die Flucht nach Indien, wo er am 30. März 1959 ankam. Seither lebt er in Indien im Exil und versucht von dort aus, politisch und religiös auf Tibet einzuwirken.

Nach chinesischen Angaben waren 87.000 Tibeter bei den Unruhen umgekommen, weitere 80.000 nach Indien, Nepal und Bhutan geflohen. China setzte nun zu groß angelegten politischen "Säuberungen" an. Der Kommunismus wurde zur offiziellen Staatsdoktrin erhoben, die traditionellen Klassenstrukturen in Tibet aufgelöst.

Verheerend waren die Eingriffe ins religiöse Leben. Der tibetische Buddhismus wurde unterdrückt, Mönche und Nonnen bedrängt und verhaftet. Es begann die Zeit der offenen Unterdrückung Tibets.

Die chinesische Kulturrevolution

Mao 1969 während der Feiern zum zwanzigjährigen Bestehen der Volksrepublik China. Er trägt eine Uniform. Auf der Mütze prangt ein roter Stern. Er klatscht in die Hände.

Mao Zedong knechtete das tibetische Volk

Als Mao Zedongs Macht in der kommunistischen Partei aufgrund gravierender politischer Fehler und Verbrechen zu schwinden begann, löste er Ende 1965 die "Große Proletarische Kulturrevolution" aus. Die Kulturrevolution war eine Bewegung, die den kommunistischen Klassenkampf radikalisierte und Mao die Macht sichern sollte.

Mittels gleichgeschalteter Jugendverbände, den berüchtigten "Roten Garden", begann Mao einen bürgerkriegsartigen Feldzug gegen die sogenannte "bürgerlich-reaktionäre Linie". Etablierte Funktionäre und Intellektuelle fielen zu Millionen der Denunziation, Folter und Mord zum Opfer. Den "Vier Alten" wurde der Krieg erklärt: Alte Ideen, alte Kulturen, alte Gewohnheiten und alte Sitten sollten systematisch ausgelöscht werden.

Massenmorde in Tibet

In den Jahren 1966 bis 1969 fielen die Chinesen mit unermesslicher Zerstörungswut über das Land Tibet und seine Jahrtausende währende Kultur her. Der Terror der Kulturrevolution erfasste Land und Menschen, Gebäude und Traditionen. 6500 Tempel und Klöster wurden geplündert, gebrandschatzt und bis auf die letzten Fundamente zerstört. Etwa 1,2 Millionen Tibeter fanden den Tod.

Mönche und Nonnen wurden geschlagen, gefoltert, vergewaltigt und öffentlich ermordet. Etwa 80 Prozent der buddhistischen Stätten wurden vernichtet, über 93 Prozent der Mönche und Nonnen an der Religionsausübung gehindert. Für Tibet bedeuten die Jahre der Kulturrevolution von 1966 bis 1969 ein bis heute unauslöschliches, noch lange nicht aufgearbeitetes Trauma.

Jahre der Stagnation

Erst mit dem Tod Maos 1976 konnte auch die Lage in Tibet etwas zur Ruhe kommen. Unter den Reformen seines Nachfolgers Deng Xiaoping begann eine langsame wirtschaftliche Liberalisierung Tibets. Allmählich wurden auch einheimische Kräfte in Führungspositionen zugelassen, die Industrialisierung und Infrastruktur wurden ausgebaut, Bildungsmöglichkeiten für Tibeter erweitert.

Das Land wurde 1985 für den Massentourismus geöffnet, was zu einem halbherzigen Wiederaufbau einiger Klöster und Kulturdenkmäler Tibets führte.

Blick von oben auf einen Panzer, der über eine Straße in Lhaasa fährt.

Die chinesische Armee ist allgegenwärtig

Nach vier Jahrzehnten der Unterdrückung kam es zwischen 1987 und 1989 erneut mehrfach zu Unruhen im Land, die jedes Mal mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden. Im Jahr 1989 verhängten die chinesischen Machthaber sogar das Kriegsrecht über Lhasa. Obwohl der Dalai Lama mehrfach die Initiative ergriff und China gegenüber 1987 und 1988 mit einem Friedensplan große Zugeständnisse machte, verliefen alle Maßnahmen durch die Blockadepolitik der chinesischen Regierung im Sand.

Die Tibeter werden zur Minderheit

Ein Ende der leidvollen Geschichte Tibets ist auch heute noch nicht abzusehen. Aufgrund der durchweg positiven Wahrnehmung Tibets im Ausland ist die Unterdrückungspolitik Chinas subtiler geworden. Mittlerweile siedeln sich in Tibet so viele Chinesen an, dass die Tibeter zur Minderheit im eigenen Land werden. Der Dalai Lama schätzt, dass sechs Millionen Tibetern 7,5 Millionen Chinesen im eigenen Land gegenüberstehen.

Drei Tibeter in Tracht: Links eine junge Frau, in der Mitte ein Baby, rechts eine sehr alte Frau.

Minderheit im eigenen Land

Die Exiltibeter bewerten die massive Einwanderungspolitik Chinas als schleichenden Völkermord am tibetischen Volk. Die eingewanderten Chinesen verfügen über das größere Bildungspotenzial und besetzen auch weiterhin die Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft.

Das religiöse Leben in Tibet wird auch heute streng überwacht, die Anzahl der buddhistischen Klöster, Mönche und Nonnen auf ein Mindestmaß begrenzt. Seit Mitte der 1990er Jahre verschärft China den Ton gegenüber dem Dalai Lama. Besitz und Verbreitung von Bildern des Dalai Lama sind in Tibet verboten.

Menschenrechtsverletzungen an Tibetern und Übergriffe gegen buddhistische Mönche und Nonnen sind auch weiterhin an der Tagesordnung. Wie der Dalai Lama befürchten auch viele Tibeter langfristig den Untergang der tibetischen Kultur und den Verlust der tibetischen Identität.

Verlust der Identität

Tibetisches Hochland mit verschneiten Bergen im Hintergrund. In der Mitte des Bildes ein Gespann mit Yak-Ochsen.

Noch sind viele Landschaften intakt

Nach mehr als einem halben Jahrhundert blutiger und bisweilen trotziger Auflehnung gegen das generelle Religionsverbot und die politische Unterdrückung der droht der tibetischen Kultur auch Gefahr durch eine zunehmende Verweltlichung. Dafür verantwortlich ist einerseits der konsumorientierte Zeitgeist, der von China nach Tibet schwappt, andererseits die Lähmung des tibetischen Volkes, das unter Massenarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und zunehmend unter den Folgeerscheinungen Alkoholismus, Drogenkonsum und Prostitution leidet.

Besonders die nachkommenden tibetischen Generationen verlieren den Bezug zu Tibets Wurzeln. Der Zugang zur eigenen Kultur und das Interesse am tibetischen Buddhismus nehmen kontinuierlich ab, immer weniger Tibeter beherrschen ihre eigene Sprache.

Neben die schleichende, aber offenkundige Zerstörung der tibetischen Kultur tritt der ökologische Raubbau im Land. Die Uniformität einfallsloser Betonbauweise prägt zunehmend die Architektur der Städte. Rücksichtslos betriebener Tagebau, die Verkarstung großer Landstriche, die großflächige Abholzung ohne Wiederaufforstung und die Errichtung atomarer Endlager haben zu irreparablen Schäden in der einzigartigen Landschaft Tibets geführt.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 06.06.2016, 10:36

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