E-Estland - Die vernetzte Nation

Estland

E-Estland - Die vernetzte Nation

Das Verkehrsschild ist in Europa einzigartig: "@ Internet" steht darauf. Es zeigt an, wo sich der nächste Gratis-Hotspot befindet. Denn Estland garantiert seinen Bürgern kostenlosen Zugang zum Internet - per Gesetz. Wer keinen eigenen Rechner hat, kann an einem von mehreren hundert öffentlichen Terminals ins Netz gehen: in Ämtern, Cafés oder Dorfläden. Seit 1997 wird in Estland unter dem Motto "Internet vereinigt Menschen, nicht Computer" die Digitalisierung des öffentlichen Lebens vorangetrieben. Die Esten sind überzeugt: Der schnellste Weg zu Freiheit und Modernität führt über die Datenautobahn.

"Tiigrihüppe" - Der Tigersprung

Viele Menschen sitzen in einer Bibliothek nebeneinander an Computern.

66 Prozent der Esten benutzen das Internet

Als Estland 1991 endlich unabhängig wurde, hatte die Nation große Pläne - aber sehr wenig Geld. Verwaltung, Justiz und Kommunikationssysteme - alles musste ganz neu aufgebaut werden. Nur knapp die Hälfte der Esten besaß zu diesem Zeitpunkt überhaupt einen Telefonanschluss. "Statt aufholen lieber gleich überholen", dachten die estnischen Autoritäten vielleicht und verkündeten 1997 das Programm "Tiigrihüppe" - Tigersprung. Alle Schulen wurden ans Internet angeschlossen, Informationstechnologien (IT) als Mittel zur Modernisierung propagiert.

Seitdem heißt es in Estland: Laptop statt Aktenordner, Dateien statt Papierberge, Handy statt Festnetz. Tankstellen, Busse, Bahnen, sogar manche Badestrände haben drahtlose Internet-Zugänge - oft kostenlos. Die "digitale Revolution" war erfolgreich: Im "Global Information Technology Report" belegte Estland 2014 Platz 21 der am besten vernetzten Länder der Welt - und lag damit vor Österreich, Frankreich oder Belgien.

Der papierlose Staat

Seit 2000 hat Estland eine papierlose Regierung. Alle Sitze im Parlament und im Stadthaus von Tallinn sind mit Laptops ausgestattet, abgestimmt wird per Mausklick. Nach jeder Parlamentsdebatte können die Esten den aktuellen Stand von Gesetzesentwürfen an ihrem Rechner ansehen und Verhandlungen über Staatsausgaben im Internet in Echtzeit verfolgen.

Seit 2005 können die Esten sogar ihre Politiker über das Internet wählen. E-Voting - als erste Nation in Europa. Allerdings sind die Wahlen übers Internet auch in Estland umstritten - schließlich kann niemand garantieren, dass auf den unbeobachteten Wähler zu Hause nicht Druck ausgeübt wird. Immerhin gibt es die Möglichkeit, seine Internetstimme zu widerrufen und erneut abzugeben.

Wirtschaftsmotor Internet

Der Turm des alten Stadthauses in Tallinn vor modernen Hochhäusern.

Estland ist stolz auf alte Traditionen und neue Techniken

Informationstechnologien sind die treibende Kraft hinter Estlands Modernisierung und wirtschaftlichem Wachstum, allein in Tallinn gibt es hunderte IT-Firmen (Informationstechnologie). Manche behaupten, der Grund für das Interesse der Esten am Internet seien die langen kalten Winter, die sowohl die Menschen als auch die Entwickler vor die Rechner ziehen. Sicher ist: Estnische Entwickler sind sehr erfolgreich. Hotmail, Kazaa und Skype, das Telefonieren übers Internet, das alles wurde in Estland erfunden.

Die Wirtschaftskrise hat auch in Estland große Probleme verursacht. Nachdem das Wirtschaftswachstum 2006 mit 11,6 Prozent sogar über dem von China lag, schrumpfte die Wirtschaft 2009 um acht Prozent. Seit 2011 wächst die estnische Wirtschaft aber wieder.

Ein Personalausweis fürs Internet

2002 wurde in Estland eine neue Identifikations-Karte (ID-Karte) eingeführt. Sie gilt als Ausweis und sieht aus wie eine Kreditkarte, ist aber mehr - der Schlüssel zur totalen Vernetzung. Die ID-Karte ermöglicht die Feststellung der elektronischen Identität und damit rechtsgültige Unterschriften. Die Einsatzmöglichkeiten sind enorm: Mit der ID-Karte können die Esten Behördengänge über das Internet erledigen, ihre Einkommenssteuererklärung einreichen, Bankgeschäfte tätigen, wählen oder ein Busticket kaufen. Finanziert wurde das Großprojekt von Banken- und Telekommunikationsunternehmen.

Hand in schwarzem Lederhandschuh an Computermaus.

Und der Datenschutz?

90 Prozent der Esten haben die ID-Karte, viele benutzen sie im Netz und die meisten fühlen sich ganz gut damit. Die Karte soll praktisch unkopierbar und ohne Kenntnis der persönlichen PIN-Nummern völlig nutzlos sein. Deutsche Datenschützer allerdings erschaudern bei der Vorstellung, dass Daten aus so vielen verschiedenen Bereichen an einer Stelle zusammengeführt werden.

Angriff auf den Cyberstaat

Wie gefährlich die große Vernetzung sein kann, erlebte Estland im April 2007. Hacker überschwemmten Webserver mit einer Flut unsinniger Datenanfragen, bis sie unter der Last der Spams zusammenbrachen. Fast die gesamte staatliche Infrastruktur im Netz wurde lahmgelegt: Die Internetseiten des Präsidenten, der Ministerien, der Behörden, von Schulen, Banken und vielen Zeitungen waren vorübergehend nicht mehr zu erreichen. Vier Tage dauerten die Angriffe.

Aber wo waren die Hacker? In den Tagen vor den Computerangriffen war in Tallinn ein Kriegerdenkmal entfernt worden, weil es für die Esten ein Symbol der sowjetischen Besatzung war. Als Reaktion darauf kam es in Tallinn zwei Tage lang zu schweren Straßenschlachten zwischen russischstämmigen Jugendlichen und der Polizei. Estnische Politiker sahen die Angriffe im Netz als eine Fortführung dieser Straßenschlachten auf den Datenstraßen im Internet. Waren die Angriffe womöglich sogar eine Aktion des Kreml, wie in Estland gemutmaßt wurde? Das konnte nie bewiesen werden und wurde von Russland vehement bestritten. 2009 erklärte sich die russische pro-Kreml-Jugendorganisation "Nashi" verantwortlich.

Polizisten in gelben Warnwesten nehmen Jugendliche fest.

Ausschreitungen in Tallinn am 28. April 2007

Die Computerangriffe auf Estland 2007 waren weltweit der erste schwere Hackerangriff auf einen ganzen Staat. Als Reaktion darauf wurde in Tallinn das "Gemeinsame Exzellenzzentrum für Computer-Verteidigung" der NATO gegründet. Der Staatenbund will gerüstet sein für einen "Krieg 2.0".

Autor/in: Christine Buth

Stand: 11.03.2015, 12:00

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