Die Kurische Nehrung

Kurische Nehrung in Litauen

Litauen

Die Kurische Nehrung

Auf Satellitenbildern betrachtet ist sie nur ein Strich vor der litauischen Küste. 98 Kilometer lang und an ihrer schmalsten Stelle nur 380 Meter breit, trennt die Kurische Nehrung das Haff von der Ostsee.

Die schöne Riesin Neringa

Geologisch gesehen entstand die Landzunge nach der letzten Eiszeit aus einer Inselkette von Endmoränenhügeln, an die der Westwind über Jahrhunderte stetig Sand wehte. Doch natürlich hält die litauische Sagenwelt eine ganz andere Version über die Entstehung der Kurischen Nehrung bereit: die Geschichte einer Riesin mit schönem blonden Haar.

Skulptur der Riesin Neringa aus Holz.

Skulptur der Riesin Neringa aus Holz

Einer Legende nach lebte einst die schöne Riesin Neringa in der Gegend des Kurischen Haffs. Sie war sehr beliebt, denn sie trieb die Fische in die Netze der Fischer und zog in Seenot geratene Boote wieder an Land. Beeindruckt von ihrer Güte und auch von ihren goldblonden Haaren warb so mancher Freier um sie. Doch nur einer konnte sie für sich gewinnen: Naglis, der Herr der Burg Ventė.

Leider war der Wellengott Bangputys mit der geplanten Hochzeit nicht einverstanden – er wütete und tobte, sodass sich riesige Wellen auf der Ostsee auftürmten. Neringa handelte rasch. Sie sammelte Sand in ihrer Schürze und schüttete ihn vor der Küste zu einem Schutzwall auf. So konnten sie und Naglis ausgelassen ihre Hochzeit feiern. Und die Fischer können seitdem ungestört im Haff fischen – geschützt von der Landzunge, die den Namen der schönen Riesin trägt.

Der Tourismus boomt

Ein Fischerhäuschen aus Holz auf einer großen Wiese.

Die Holzhäuschen-Idylle lockt viele Touristen an

Noch immer werfen viele Fischer im Haff ihre Netze aus. Doch inzwischen ist der Tourismus für die Bevölkerung zu einer wesentlich wichtigeren Einnahmequelle geworden. Angelockt werden die Urlauber von kilometerlangen Sandstränden, hohen Dünen, dunklen Kiefernwäldern und den vielen bunt bemalten Holzhäusern mit ihren verwilderten Blumengärten.

Schon der Gelehrte Wilhelm von Humboldt schrieb im Jahr 1809 von einer Reise an seine Frau Caroline: "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Doch so beliebt die Nehrung auch bei den Fremden ist – die Bewohner hatten hier lange Zeit mit der Natur zu kämpfen.

Wettstreit zwischen Mensch und Natur

Ein riesiger Sandberg, der goldbraun schimmert.

Die Große Düne im Abendlicht

Vor rund 500 Jahren holzten die an der Nehrung lebenden Menschen die Kiefernwälder weiträumig ab. Die Natur rächte sich: Die Dünen begannen zu wandern und begruben insgesamt 14 Dörfer unter sich. Manche Ortschaften zogen sogar zweimal um und wurden doch wieder von den Sandmassen eingeholt.

Erst als im 19. Jahrhundert wieder Kiefern gepflanzt wurden und sich ein Waldstreifen bilden konnte, beruhigten sich die Dünen. Am Ufer des Meeres wurden außerdem Vordünen angelegt. Sie sollten verhindern, dass der übers Meer gewehte Sand die Wanderdünen noch weiter wachsen lässt. Diese Rechnung ist aufgegangen.

Doch inzwischen ist die Sorge ins Gegenteil umgeschlagen. Die berühmte Große Düne in der Nähe von Nida schrumpft. Noch ist sie mit über 60 Metern Höhe eine der größten Europas, doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sie etwa 15 Meter eingebüßt. Nun sind die Höfe und Häuser zwar sicher, aber die Existenz der "nördlichen Sahara" ist bedroht. Die wüstenartige Landschaft aus feinem Sand könnte es eines Tages hier nicht mehr geben.

Nationalpark und Weltkulturerbe der Unesco

Eine große Dünenlandschaft im Vordergrund, weit hinten zwei winzige Köpfe.

Nur Punkte am Horizont: Wanderer in den Dünen

Um die einzigartige Naturlandschaft auf der Landzunge zu schützen, wurde sie in den 1990er Jahren zum Nationalpark erklärt. Wer hier Urlaub macht, wird angehalten, die befestigten Wege durch die Dünenlandschaft nicht zu verlassen, nicht wild zu campen und offenes Feuer zu vermeiden.

Doch nicht nur die Natur, auch die Kulturlandschaft der Kurischen Nehrung gilt seit dem Jahr 2000 als besonders schützenswert. Seitdem gehört die Region zum Weltkulturerbe der Unesco. Nur ein Umstand trügt die Idylle: Die Kurische Nehrung ist geteilt. 52 Kilometer gehören zu Litauen, 46 zur russischen Provinz Kaliningrad. Wer diese Grenze passieren will, braucht ein Visum.

Nida - Touristisches Zentrum der Nehrung

Braunes Holzhaus mit blauen Verzierungen.

Das einstige Ferienhaus von Thomas Mann

Die meisten westlichen Touristen haben nicht das Ziel, diese Grenze zu überqueren. Sie beschränken sich auf den litauischen Teil – und insbesondere auf das pittoreske Örtchen Nida (deutsch: Nidden). Hier verbrachte auch Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann drei Jahre lang hintereinander mit seiner Familie den Urlaub. Von seinem Arbeitszimmer aus konnte er auf das Kurische Haff blicken und nannte die Aussicht seinen "Italienblick".

Sicher wäre er noch häufiger in das nach seinen Vorstellungen gebaute Sommerhaus zurückgekehrt. Doch nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahr 1933 war das nicht mehr möglich. Heute ist in dem hölzernen, reetgedeckten Haus ein kleines Museum eingerichtet.

Juodkrantė - Zentrum des Bernsteinhandels

Viele verschiedenfarbige Bernsteinketten aufgereiht nebeneinander hängend.

Schmuck aus Bernstein besitzt angeblich Heilkräfte

Ein wenig im Schatten von Nida steht der zweitgrößte Ort im litauischen Teil der Nehrung. Dabei ist Juodkrantė (deutsch: Schwarzort) legendär: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden hier Unmengen an Bernstein abgebaut. Auch die ältesten bekannten Schnitzereien aus Bernstein stammen von hier. Über 400 Schmuckstücke wurden gefunden – Amulette, Knöpfe und Figuren – etwa 4000 Jahre alt. Betrachten kann man die Schmuckstücke in Juodkrantė jedoch nicht. Der Großteil der zunächst in Königsberg ausgestellten Sammlung ging in den Kriegswirren verloren, die verbliebenen Stücke befinden sich heute in Göttingen.

Ein kleiner Trost für Touristen ist der sogenannte Hexenberg in Juodkrantė. Hier stehen viele geschnitzte Holzskulpturen aus der litauischen Sagen- und Götterwelt. Unter den rund 80 bizarren Gestalten fehlt auch die Riesin Neringa nicht.

Autorin: Jennie Radü

Stand: 10.08.2016, 13:00

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