Fasnacht im Südwesten

Bei einem Ronsenmontagsumzug gehen zwei traditionell verkleidete Narren mit

Brauchtum

Fasnacht im Südwesten

Die Fasnacht im Südwesten, die sogenannte "schwäbisch-alemannische Fasnet", boomt seit vielen Jahren. Selbst in Gegenden, in denen es vor Jahren noch keine Narrenzünfte gab, schießen sie wie Pilze aus dem Boden. Ein Ende dieses Booms ist nicht abzusehen. Seit das Fernsehen die großen Narrentreffen mit ihren Umzügen überträgt, kennt man auch in anderen Gegenden Deutschlands die farbenprächtigen "Häs" (so werden die Kostüme der Narren genannt), die so anders aussehen als die Kostüme der Narren im rheinischen Karneval.

Fasnacht und Fastenzeit

Viele Brauchtumspfleger im Südwesten führen den Ursprung "ihrer" Fasnet immer noch gern auf vorchristliche, heidnische Wurzeln zurück und erzählen, dass in und mit der Fasnet und ihrem lärmenden Treiben der Winter ausgetrieben und die baldige Ankunft des Frühlings gefeiert werde.

Hexe beim Narrensprung in Ulm.

Narrensprung in Ulm

Doch für Volkskundler und Historiker ist die Sache klar: Die Fasnacht ist ein christliches Fest und eng verbunden mit der darauf folgenden 40-tägigen christlichen Fastenzeit als Vorbereitung auf das Osterfest. Das wird schon am Namen deutlich: Denn das Wort "Fasnacht" bezeichnet den Zeitraum vor Anbruch der Fastenzeit. Sie dauert sechs Tage, vom Donnerstag bis zum Aschermittwoch.

Das gilt genauso für den rheinischen Karneval und seine Vorläufer. Das niederdeutsche Wort "Fastelovend", das zum Beispiel die Kölner auch heute noch für ihren Karneval verwenden, bedeutet ebenfalls nichts anderes als "der Abend vor der Fastenzeit". Und auch im Wort "Karneval", das aus dem italienischen "carnevale" abgeleitet wurde, findet sich der Hinweis auf die Fastenzeit. Denn "carnevale" ist eine Kurzform des kirchenlateinischen Begriffs "carnislevamen", was soviel bedeutet wie "Fleischwegnahme". Der Verzicht auf Fleisch und alle anderen tierischen Produkte war ein bestimmendes Element der Fastenzeit, die in früheren Jahrhunderten viel strenger eingehalten wurde als heute.

Fasnacht im Mittelalter

Traditionelles Hexenkostüm zur Fasnet in Süddeutschland

Stelldichein der Fabelwesen

Verboten war der Genuss von Alkohol (allerdings nur Wein, nicht Bier) und schließlich bezog sich das Gebot der Enthaltsamkeit auch auf die Sexualität. Kein Wunder, dass es an den "tollen Tagen" in jeder Hinsicht hoch herging, zum wachsenden Missfallen der Kirche. Diese sah in der Fasnacht zunehmend eine Gegenwelt zur Welt des Heils, die der Mensch nur in der konsequenten Hinwendung zu Gott erfahren könne, nicht aber in der Hingabe an weltliche Genüsse. Die Welt der Fasnacht wurde als gottlos, ja, teuflisch angesehen, und in ihr regierte die Figur des Narren, der bereits im Psalm 53 der Bibel als derjenige charakterisiert wird, der sagt: "Es gibt keinen Gott."

Auf die Verurteilungen der Kirche reagierten die Feiernden, indem sie sich erst recht als Teufel oder Narr verkleideten. Die Teufelsfigur ist eine der ältesten der Fasnacht, und der Narr wurde in den verschiedensten Ausprägungen zu der zentralen Figur der Fasnacht, die er bis heute geblieben ist.

Auch andere beliebte Figurentypen wie Tierfiguren, zum Beispiel der Villinger "Butzesel", oder "wilde Männer" symbolisierten ursprünglich Gottesferne oder Lasterhaftigkeit. Bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt sich der Brauch, die Tage vor der Fastenzeit mit Schlemmen und Saufen und mit ausgelassenem Treiben in den verschiedensten Verkleidungen zu feiern.

Eine der ältesten Darstellungen fasnachtlichen Treibens zeigt den Nürnberger Metzgertanz. Seit dem 15. Jahrhundert durften die Metzger in Nürnberg zu Fasnacht einen eigenen Tanz aufführen, bei dem sie sich gegenseitig an Wurstringen festhielten. Die Metzger hatten damals allen Grund, vor der Fastenzeit noch einmal "die Sau rauszulassen", denn ihr Berufsstand war wie kaum ein anderer von der Fastenzeit betroffen. Nach Aschermittwoch bis kurz vor Ostern blieben sie beschäftigungslos.

Aber nicht nur die Metzger waren betroffen, die Abstinenzgebote der Fastenzeit trafen die gesamte Bevölkerung empfindlich. Verboten waren nicht nur das Fleisch, sondern alle aus Großvieh- und Geflügelhaltung gewonnenen Nahrungsmittel: Schmalz, Fett, Milch, Butter, Käse, Eier.

Aus der Notwendigkeit, all diese Dinge möglichst vor der Fastenzeit noch aufzubrauchen, entstand unter anderem der Brauch, an Fasnacht die traditionellen schmalzgebackenen und reichlich Eier enthaltenden Fasnachtskrapfen oder -küchlein zu essen. Auch die im Südwesten verbreitete Bezeichnung "schmutziger/schmotziger Donnerstag" für den ersten der "tollen Tage" kommt daher, denn Schmutz/Schmotz bedeutet Fett.

Fasnachtsverbote und Wiedergeburt

Im Zuge der Reformation wurde ab dem 16. Jahrhundert in vielen Städten das Fasnachtfeiern verboten, zum Beispiel in Nürnberg. Die katholische Kirche tolerierte die Fasnachtsfeiern, auch aus der Überlegung heraus, dass man das Übel kennen müsse, um sich umso überzeugter dem Heil zuzuwenden und dass dem reuigen Sünder vergeben werde. Die evangelische Kirche dagegen strebte ein durch und durch gottgefälliges Leben schon auf Erden an und lehnte die Fasnacht deshalb grundsätzlich ab.

Obwohl im Laufe des 17. Jahrhunderts durch die Einflüsse des Barock einerseits und italienische Einflüsse andererseits viele Figuren und Masken sehr verfeinert worden waren, erlebte die Fasnacht im 18. Jahrhundert einen immer stärkeren Niedergang durch die Aufklärung, deren Vertreter die Umtriebe des Volkes als völlig überholtes Überbleibsel einer dunklen Vergangenheit ablehnten und verboten. Schließlich wurden am Ende des 18. Jahrhunderts viele Fasnachtstraditionen durch Kriege und die nachfolgenden Besatzungstruppen unterbrochen.

Erst zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert fanden die alten Überlieferungen im Zuge einer romantischen Rückbesinnung wieder Interesse. Statt der Handwerkerschaft nahm sich nun das Bürgertum der Fasnacht an und begründete eine "romantische Karnevalsreform". Sie begann mit dem ersten Rosenmontagszug in Köln 1823.

Prinz Karneval auf einer Bühne. Er hat die Arme weit ausgebreitet.

Mit "Prinz Karneval" wurde eine ganz neue Figur geschaffen

Mit "Prinz Karneval" und den närrischen Garden wurden neue Figuren geschaffen. Statt auf der Straße und in Schänken feierte man im geordneten Zug und auf Bällen und Prunksitzungen. Die Idee verbreitete sich rasch rheinaufwärts, und spätestens ab den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts herrschte auch im Südwesten "Prinz Karneval". Die alten Fasnachtsfiguren und -bräuche waren in den Hintergrund getreten.

Erst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelten sich die südwestdeutsche Fasnet und der Karneval auseinander. In vielen Städten und Städtchen des Südwestens wollten die einfachen Leute, Handwerker vor allem, den "Honoratiorenkarneval" nicht mehr mitmachen beziehungsweise von ihm ausgeschlossen sein. Sie holten ihre alten Narrenkleider und Masken wieder aus den Truhen hervor, besannen sich auf alte Fest- und Umzugstraditionen und kehrten zur vorromantischen Fasnet zurück.

Diese neue alte Form fand diesmal auch beim gehobenen Bürgertum Anklang, sodass sie sich gegenüber dem Karneval durchsetzte. Bald entstanden auch dort neue Narrenzünfte, wo keine Fasnachtstradition vorhanden oder bekannt war. Man orientierte sich an Traditionsstädten wie Rottweil, Villingen oder Laufenburg und schuf sich nach deren Vorbildern eigene Figuren und eigene Traditionen. Viele Figuren der schwäbisch-alemannischen Fasnet, die uns heute bei den Umzügen begegnen, sind also nicht einmal 100 Jahre alt, viele bedeutend jünger.

Das 21. Jahrhundert - der Südwesten im Fasnet-Fieber

Gab es 1924 im gesamten deutschen Südwesten 40 Narrenzünfte, so sind es heute nach Schätzungen von Experten über 1700. Über 1000 wurden alleine seit den 1990er Jahren gegründet. Volkskundler wie der Freiburger Fasnachtsexperte Werner Mezger erklären diese rasante Entwicklung mit dem Bedürfnis der Menschen nach festen Bräuchen und Bezügen in einer Zeit der Globalisierung und Anonymisierung. Die Popularität und das starke Anwachsen in den letzten zehn Jahren führt Mezger auf den Einfluss des Fernsehens zurück, dass mit seinen Übertragungen der Narrentreffen vielen Leuten Lust gemacht habe, selbst aktiv zu werden, sich in einer Zunft zu organisieren und eigene Fasnachtsfiguren nach bekannten Vorbildern zu entwickeln.

Typische Maske der schwäbisch-alemannischen Fasnacht.

Im "Fasnet-Fieber"

Und so bevölkern in der Zeit von Dreikönig bis zum Aschermittwoch immer mehr Hexen, "Wilde Männer" und die unterschiedlichsten Narrenfiguren die Straßen und Plätze im Südwesten. Sie rufen "Narri Narro" oder juchzen und "huhuhen", nicht immer zur Freude der traditionellen Brauchtumskenner und -pfleger, die sich vor lauter neuen Narren gar nicht mehr auskennen. Doch wie lautet das alte Fasnet-Motto: "Jedem zur Freud und niemand zum Leid."

Autor/in: Hildegard Knoop

Stand: 12.02.2015, 12:00

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