Der deutsche Heimatfilm

In dieser Filmszene steht Hans alias Rudolf Prack fragend hinter Bärbel alias Sonja Ziemann, die ein traditionelles Trachtenkostüm trägt. Sie dreht ihm den Rücken zu und spielt mit Weidenkätzchen.

Heimat

Der deutsche Heimatfilm

Die 1950er Jahre in Westdeutschland: Die Städte zeigen noch deutlich die Spuren des Krieges, die Familien sind zerrüttet und ein neues Filmgenre erlebt eine Erfolgsgeschichte: Heimatfilme lassen die Menschen zu Tausenden in die Kinos strömen.

Einfaches Erfolgsrezept - Erfolgskonzept: einfach!

In den Jahren nach 1945 hat sich kaum ein Deutscher in seinem Umfeld heimisch gefühlt. Unzählige Tote, zerstörte Städte, Schuldgefühle – die Sehnsucht nach einer intakten Welt, nach einer beschaulichen Heimat war groß. Genau diese präsentierte der Heimatfilm. Und für die Dauer einer Filmvorführung konnten die Menschen in diese Filmwelt eintauchen.

Aus heutiger Sicht hängt dem Filmgenre ein Image des "Kitschigen" an. Allzu perfekt und idyllisch erscheint die von Celluloidrollen abgespulte Welt: immergrüne Gebirgs- oder Wald- und Wiesenlandschaften, zusammenhaltende Dorfgemeinschaften, gut gelaunte Menschen in Trachten und stets ein Happy End.

Dabei ist die filmische Umsetzung einfach und die Handlung vorhersehbar strukturiert. Ebenso sind die Charaktere klar zu unterscheiden und entweder der guten oder bösen Seite zuzuordnen. Gut und Böse verteilt sich meistens ganz deutlich auf Land und Stadt. Einzige Mischbesetzung beim Filmpersonal: unglückliche Stadtmenschen, die aber auf dem Land endlich ihr inneres Glück und meistens ihre wahre Liebe finden.

Die richtigen Bösewichte hingegen rauchen und führen ein untugendhaftes Leben. Sie brausen in vielen Heimatfilmen mit einem viel zu lauten Auto mitten hinein in die ländliche Idylle und bringen dort alles durcheinander. Allerdings fahren sie am Ende des Films auf demselben Wege in die Großstadt zurück – und zwar allein. Das aber, was zusammen gehört i die Familie und natürlich das obligatorische Liebespaar – ist am Ende glücklich vereint.

Filmplakat des Films "Grün ist die Heide", 1951

"Grün ist die Heide" - mit Rudolf Prack und Sonja Ziemann

Es ist gerade diese Einfachheit und die Realitätsferne, die die Zuschauer in die Kinosessel gebannt und so begeistert hat. Heimatfilme boten den Menschen damals eine Projektionsfläche, um der traurigen Wirklichkeit der Nachkriegszeit zu entfliehen. Eine filmische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen der Zeit sucht man vergebens. Eine Ausnahme bildet der Film "Grün ist die Heide". Da wird tatsächlich das Thema der Vertriebenen umgesetzt, in der Figur des Lüder Lüdersen.

Der aus Schlesien vertriebene Gutsbesitzer leidet unter seinem Heimatverlust und wildert wie aus Zwang. Er wird überführt, kann seine Schuld aber wieder ausgleichen und sich rehabilitieren. Damit ermöglicht er auch die Liebe zwischen seiner Tochter Helga und dem Förster Rainer. In der Schlusssequenz sind die "Gäste" aus Schlesien zum festen Bestandteil der Dorfgemeinschaft geworden.

Das Revival

In den 1970er Jahren waren Heimatfilme verpönt. Umso erstaunlicher, dass in den Achtzigern eine neue "Heimatfilm"-Welle entstand. Mit einem neuen Umweltbewusstsein kam auch ein neues Bewusstsein für Heimat auf. In Zeiten weltweiter Globalisierung, zunehmender Umweltzerstörungen und Naturkatastrophen besann man sich verstärkt auf den eigenen Lebensbereich.

Professor Klaus Brinkmann und Dr. Christa Brinkmann, beziehungsweise Klaus-Jürgen Wussow und Gabi Dohm in trauter Zweisamkeit.

"Bei uns liegen Sie richtig!"

Zu sehen ist dies in den Neugründungen zahlreicher Natur- und Heimatvereine. Die Welt des Fortschritts, die man sich über die Jahre hinweg erschaffen hatte, barg nämlich auch ihre Schattenseiten. Atomkraftwerke wurden vermehrt als tickende Zeitbomben wahrgenommen, die unsere Welt bedrohen. Am 26. April 1986 explodierte mit dem Kernreaktor von Tschernobyl solch eine Zeitbombe.

Dieses neue Lebensgefühl von verborgener Bedrohung fand seinen Niederschlag im deutschen Fernsehprogramm. Serien wie ''Der Landarzt'' oder ''Die Schwarzwaldklinik'' liefen jahrelang mit großem Erfolg. Ihre Bildsprache und ihre Handlungsmuster erinnern stark an das Film-Vorbild aus den 1950ern, sie waren genauso trivial angelegt.

Anders als die Fernsehproduktion von Edgar Reitz: Sein TV-Mehrteiler "Heimat" erzählt eine Familiensaga aus einem kleinen Dorf im Hunsrück. Reitz traf damit genau den Nerv der Zeit, "Heimat" (1984) wurde so erfolgreich, dass nach der ersten Staffel 1984 zwei weitere Teile folgten (1992 und 2004) - ein regelrechter ''Dauerbrenner''.

Und im Jahre 2003 hielt er auch wieder Einzug in den deutschen Kinos, der Film ''Heimatfilm!'' von Daniel Kraus. Ein großer Publikumserfolg war dem Werk nicht beschieden, aber eines wird deutlich: Heimat hat sich seinen festen Platz in der Film- und Fernsehwelt erobert.

Autorin: Ulrike Vosberg

Stand: 30.06.2016, 16:00

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