Heimat

Jubelnde Fußballfans mit deutscher und türkischer Flagge.

Brauchtum

Heimat

"Heimat" - nur ein zuckersüßer Kitschausdruck für Oma und Opa, besetzt mit Bildern von Kuckucksuhren und Krachledernen? Etwas für ewig Gestrige? Von wegen! Überall begegnet einem dieser Begriff. Junge Rock- und Popmusiker setzen sich in ihren Texten mit dem Thema auseinander und stürmen die Charts. Sehr beliebt sind Heimatmuseen. Außerdem spielt Heimat in der Literatur eine große Rolle. Heimat erlebt eine Renaissance als Gegenentwicklung zur Globalisierung und Internationalität. Doch was die Menschen unter Heimat verstehen, hat sich im Lauf der Geschichte stark verändert.

Typisch deutsch? Ein Begriff mit langer Geschichte

Für die Deutschen ist das Wort "Heimat" ein beliebter und gängig gebrauchter Ausdruck. Will man ihn aber übersetzen, gibt es Probleme. Beim Aufschlagen von Wörterbüchern bemerkt man schnell, dass es eine Eins-zu-eins-Übersetzung in andere Sprachen nicht gibt.

Weder das englische "homeland" oder "home country" trifft die deutsche Bedeutung, noch das lateinische Wort "patria", das sich heute im Italienischen und Spanischen wiederfindet, beinhaltet die Sinnvielfalt des deutschen Heimatbegriffs. All diese "Ersatzwörter" beziehen sich auf die Heimat als das Vaterland, in dem man geboren wurde. "Homeland" lässt sich beispielsweise als Gegenbegriff zur "Kolonie" verstehen, was aus dem britischen Kolonialisierungszeitalter herrührt.

Schloss Burg bei Wermelskirchen

My home is my castle: Schloss Burg ist heute ein Museum

Begibt man sich auf die Suche nach der sprachlichen Herkunft von "Heimat", muss man bis ins Germanische zurückgehen, den Ursprung mehrerer europäischer Sprachen. Hier taucht das Wort "heim" auf, was soviel bedeutet wie "Wohnplatz", "Dorf" oder "Haus". Eine Ableitung ist davon nicht nur im deutschen ''Heim'', sondern auch im englischen "home" erhalten. Bezeichnet wird allgemein der Ort, an dem man lebt.

Doch das "zu Hause", wie wir es in unserer Zeit kennen, beinhaltet weit mehr als ein tatsächlich bewohnbares Gebäude. Eine Heimat hat man dort, wo Gefühle und persönliche Assoziationen hineinspielen. Eine wichtige Sinnerweiterung erhält das germanische "heim" schließlich in der nächsten Entwicklungsstufe: Im Althochdeutschen (8. Jahrhundert bis 1050 ) taucht "heimoti" auf, später wird daraus das mittelhochdeutsche "heimote" (1050 bis 1350).

Durch die Nachsilben "-oti" und "-ote" erhält das Wort eine erweiterte Bedeutung: "heimoti" lässt sich demnach mit "zu dem Heim gehörig" übersetzen. Die materiellen vier Wände eines "Heims" werden durchbrochen und beziehen weitere immaterielle Aspekte mit ein, beispielhafter Ausdruck ist hierfür das "zu Hause sein".

Vom Rechtsbegriff zur ideologischen Waffe

Ein Edelweiß

Das Edelweiß ist bis heute ein Symbol für Heimat

Die sprachliche Entwicklung lässt sich kaum von der jeweiligen Lebenswirklichkeit trennen. Im Mittelalter war "Heimat" ein klar definierter Rechtsbegriff. Eine Heimat zu haben, bedeutete Haus und Hof in einer Gemeinde zu besitzen. Wer "Heimatrecht" hatte, durfte sich in einer Siedlung niederlassen, dort leben und seinem Handwerk nachgehen.

Erworben wurde dieses Recht auf dreierlei Wege: entweder durch Geburt, durch die Verheiratung mit einem Gemeindebewohner oder durch eine offizielle Gestattung der Niederlassung, beispielsweise im Falle eines Hauskaufs. Mit dem Erhalt des Heimatrechts ging man einerseits gesetzliche Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde ein. Anderseits hatten die, die in Armut lebten, aber auch finanzielle Unterstützungsansprüche. Das, was früher "Heimatrecht" hieß, ist heute am ehesten auf das Wort der "Staatsangehörigkeit" zu übertragen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfährt der Heimatbegriff dann eine weitere Bedeutungswandlung. Die fortschreitende Technisierung und Industrialisierung hatten die Lebensräume der Menschen so verändert, dass sie sich entfremdet fühlten. In dieser Zeit, der Epoche der Romantik (1795 bis 1848), entsteht die ganz eigene Gattung "Heimatdichtung".

Heimat entwickelt sich zum Gegenentwurf zu einer Realität, in der die Menschen sich nicht mehr zurecht finden. Deutsche Dichter wie Joseph von Eichendorff (1788-1857) setzen sich lyrisch mit ihrem Heimatland auseinander. Beschrieben wird die vertraute Landschaft und Natur, nach der man sich in der Fremde stets zurücksehnt.

Das 19. Jahrhundert ist dann auch eine Zeit des sozialpolitischen Wandels. Der Ruf nach einer Deutschen Nation wird immer lauter. Und so erlebt der Begriff Heimat im Rahmen der Nationalbewegung eine Politisierung. Die national-liberalen Kräfte im Land verlangen nach Einigkeit in dem staatlich zersplitterten Deutschland. Zwar scheitert die Märzrevolution von 1848, doch kommt es im Jahre 1871 schließlich zur Gründung des Deutschen Reiches. Heimat wird im sprachlichen Gebrauch zum Synonym von Vaterland und Nation.

Ideologie und Idylle - Heimat im 20. Jahrhundert

Einband eines Liederbuchs von 1905

Der Heimatbegriff im 20. Jahrhundert

Die ersten Nationalgedanken aus der Gründungszeit des Deutschen Reiches (1871) heben stets den Einheitsgedanken Deutschlands hervor. Es gibt endlich eine Nation in einem zusammengehörigen Vaterland. Schlagartig ändert sich dieser positive Vaterlandsbegriff im Dritten Reich. Die Nationalsozialisten stellen Heimat in den Dienst der sogenannten Blut- und Bodenideologie. "Wir wollen das Blut und den Boden wieder zur Grundlage einer deutschen Agrarpolitik machen", heißt es im Juli 1932 in der Monatsschrift "Deutsche Agrarpolitik".

Neben diesem agrarpolitischen Gesichtspunkt steht die Blut- und Bodenideologie aber vor allem auch für die extreme Ansicht Hitlers, dass nur die "hochwertige arische Rasse" das Recht habe, auf "deutschem Boden" zu leben. Das Nürnberger Blutschutzgesetz aus dem Jahre 1935 hat das Ziel, das ''deutsche Blut'' und die ''deutsche Ehre'' zu bewahren. Andere Volksgruppen, allen voran die jüdische, werden im nationalsozialistischen Deutschland nicht geduldet. Heimat wird zu etwas, das "Ausschluss" für alle Nicht-Deutschen bedeutet.

Lange Zeit haftete daher dem Begriff "Heimat" etwas sehr Negatives an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Heimat auf ganz andere Art und Weise in Deutschland wieder populär: In den 50er Jahren entsteht ein neues und sehr erfolgreiches Filmgenre: der Heimatfilm. Doch woher rührt der große Erfolg dieser "typisch deutschen" Filmart? Der Heimatfilm bot dem Zuschauer eine heile Welt nach den Schrecken des grausamen Krieges. Man sehnte sich nach Frieden und Geborgenheit. Und solch eine Idylle präsentierte die Kinoleinwand - in Filmen wie "Das Schwarzwaldmädel" (1950) oder "Die Mädels vom Immenhof" (1955).

Die sprachliche Heimat

Karnevalisten beim Rosenmontagszug.

Karneval: ein wahres Freudenfest der regionalen Heimatgefühle

"Lurens, sachens, hörens un opjepaas!" ("Schauen Sie mal, sagen Sie mal, hören Sie mal und aufgepasst!") Kein Wort verstanden ohne die Übersetzung? Dann haben Sie einen neuen Trend verpasst: Dialekte sind nicht länger verpönt als Ausdruck von Ungebildetheit. Neben der anhaltenden Fülle von Anglizismen in der Jugend- und Werbesprache sind regionale, deutsche Mundarten wieder hoch im Kurs: Die "Akademie för uns kölsche Sproch" erweitert ihr Programm und Angebot ständig.

Auch singt man wieder deutsch, die eigene Sprache taugt für aktuelle Musik. Eine regelrechte "neue deutsche Welle" hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit Gruppen aus der Rock-, Pop- und HipHop-Szene eingesetzt. Deutsche Texte sind wieder (mit-)singbar und haben schon lange nichts mehr mit altbackener Schlagermusik zu tun. Man muss sich vor seiner Muttersprache nicht länger verstecken, denn als vertrauter Klang im Ohr bedeutet sie auch ein Stückchen Heimat.

Ebenso ist Heimat mit Blick auf die zeitgenössische Literatur sehr wichtig. Regionale Anbindung gibt es beispielsweise bei Köln-Krimis oder der Thriller-Reihe aus der Eifel von Autoren wie Edgar Noske. Der Bezug zur "eigenen Ecke", zur "kleinen Heimat" konkurriert mit der "großen weiten Welt" als literarischem Motiv. Die Kunst ist ein verlässlicher Seismograph für gesellschaftliche Änderungen. Und sie zeigt ganz deutlich: Es ist nicht mehr uncool, kein Kosmopolit zu sein und seine Stadt, sein Land zu mögen.

Autorin: Ulrike Vosberg

Stand: 09.05.2016, 09:59

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