Britische Schauergestalten

Mann mit Frankenstein-Maske

Fabelwesen

Britische Schauergestalten

Jack the Ripper war einer der ersten Serienmörder. Frankenstein und den Vampirgrafen Dracula kennt inzwischen jedes Kind. Die Existenz des Ungeheuers von Loch Ness ist bis heute weder zu beweisen noch zu widerlegen. Worin liegt die Faszination für all diese Schreckensgestalten? Und ist es nur ein Zufall, dass die meisten der bekannten Horrorwesen aus England stammen?

Der Horror beginnt in der Literatur

Der englische Schauerroman gehört zu den frühesten literarischen Gattungen, die überhaupt ein breiteres Leserpublikum finden. Erste Ansätze reichen zurück bis 1764. In diesem Jahr veröffentlicht der britische Schriftsteller Horace Walpole seinen Roman "The Castle of Otranto".

Damals können lediglich Angehörige der adligen Oberschicht, des Klerus und Teile des sich gerade entwickelnden Bürgertums überhaupt lesen. Außerdem sind Bücher zu dieser Zeit ein Luxus.

Erst die Einführung so genannter "circulating libraries", in denen man für ein geringes Entgelt Bücher entleihen kann, ermöglicht auch Lesern aus der Unterschicht, in größerer Zahl an Lektürestoff heranzukommen.

Diese "libraries" sind aber keine Stadtbüchereien, wie wir sie heute kennen, sondern privat organisierte und am Publikumsgeschmack ausgerichtete Sammlungen, die Kaufleuten als Nebenerwerbsquelle dienen.

Die Faszination des Horrors

Treppe in einem Pub mit einer Art Nebelsäule.

Foto eines angeblichen "Pub-Gespenstes"

Neben Liebesromanen gehören Horrorgeschichten, sogenannte "gothic novels", zu den ersten literarischen Bestsellern. Ab dem 18. Jahrhundert setzt sich Lesen als Freizeitbeschäftigung durch. Die Aufklärung erklärt Bildung zum Wert. Doch sie sorgt gleichzeitig für eine tiefe emotionale Verunsicherung vieler Menschen, weil sie bis dahin als unveränderlich angenommene Weltbilder in Frage stellt.

Gepaart mit dem immer noch stark ausgeprägten Geister- und Aberglauben weiter Teile der Unterschicht finden Horrorgeschichten ein immer größeres Publikum. Denn in diesen fiktiven Schreckensszenarien können die Leser ihren Ängsten freien Lauf lassen und sie kanalisieren. Es ergreift einen beim Lesen ein wohliger Schauder, aber der Schrecken hat keine weiteren Konsequenzen und unterhaltsam ist das Ganze auch noch.

Der englische Schauerroman

Nur die Anfänge des Schauerromans stehen in der Tradition der Aufklärung. Schon sehr bald geht es ähnlich wie in der deutschen "Sturm und Drang"-Literatur, zum Beispiel in Goethes "Die Leiden des jungen Werther", vor allem um Emotionen und das möglichst virtuose Spiel mit diesen Gefühlen.

Der Schauerroman beschreibt nun nicht mehr die vernunftgesteuerte Welt der Aufklärung, sondern die des permanenten Schreckens, aus dem es für die handelnden Personen der Erzählungen am Schluss oft keine Erlösung mehr gibt. Der Horror ist nicht mehr eingebildet und erklärbar, sondern zumindest für die Romanfiguren real und greifbar.

Ein erster Höhepunkt: Frankenstein

Zwei Briefmarken mit den Motiven Frankensteins Monster und Dracula.

Spezielle Horror-Edition englischer Briefmarken

Als Mary Wollstonecraft-Shelley 1818 ihren ersten Roman "Frankenstein" veröffentlicht, wird er sofort eine literarische Sensation. Nicht zuletzt weil die Autorin eine Frau ist, die noch keine 19 Jahre alt ist, als sie mit dem Roman beginnt.

Frankenstein führt erstmals das Thema Wissenschaft und künstliches Leben in die Horrorliteratur ein. Der Roman ist so erfolgreich, dass er bis heute immer wieder neu aufgelegt wird.

Mit "Frankenstein" und dem zwei Jahre später veröffentlichten "Melmoth The Wanderer" von Charles Maturin endet die klassische Epoche des englischen Schauerromans. Auswirkungen dieser Vorbilder sind aber vor allem in unzähligen billigen Schundromanen, sogenannten "Shilling Shockers", noch während des ganzen 19. Jahrhunderts spürbar.

Der Horror wird rational und real

Koloriertes Porträt von Jules Verne. Das Bild zeigt ihn mit vollem Bart und im Anzug.

Auch Jules Verne schrieb Horrorromane

Die zweite Epoche des englischen Schauerromans ab 1850 spiegelt die Wissenschaftlichkeit des 19. Jahrhunderts wider. Autoren wie Jules Verne ("Das Schloss in den Karpaten"), Sir Arthur Conan Doyle ("Sherlock Holmes") und schließlich Bram Stoker ("Dracula") erschaffen zwar immer noch beunruhigende Horrorszenarien, aber diese Schrecken finden nun am Schluss immer eine Aufklärung oder Läuterung.

Außerdem werden in der viktorianischen Epoche soziale Missstände oft nicht direkt angeprangert, sondern in Horrorgestalten monströs übersteigert. Die Grenze zum Kriminalroman verschwimmt.

Da wundert es natürlich nicht, dass eine reale Mordserie, wie die von Jack the Ripper 1888, ebenfalls auf sehr großes öffentliches Interesse stößt – übrigens nicht nur in England. Gerade dass der Täter nie gefasst wird und damit Spekulationen Tür und Tor geöffnet sind, erhöht den wohligen Schauder beim unbeteiligten Publikum.

Das Monster als Forschungsobjekt

Nessie, das angebliche Monster von Loch Ness, ist kein literarisches Produkt. Nach Ansicht derer, die an seine Existenz glauben, ist es ein urzeitlicher Saurier, der auf bislang unbekannte Weise in den trüben Gewässern des schottischen Sees überlebt hat. Verglichen mit dem angeblichen Alter des Ungeheuers verwundert es allerdings, dass diese Legende erst in den 1930er Jahren öffentliches Interesse erregt.

Bei Nessie geht es aber von Anfang an nie um irgendwelche Untaten des Ungeheuers, sondern um seine Existenz an sich. Befürworter wie Gegner versuchen unter Einsatz modernster Mittel ihre Positionen zu beweisen. Das reicht von Dutzenden angeblicher Fotobeweise bis hin zu U-Boot-Untersuchungen des Seegrunds.

Bis heute hat keine Seite den Streit definitiv für sich entscheiden können. Und genau darin scheint die Faszination Nessies zu bestehen: Die bloße Möglichkeit seiner Existenz scheint die eine Hälfte der Monsterjäger ebenso anzustacheln, wie die andere Hälfte daran arbeitet, die ganze Geschichte als Hirngespinst zu entlarven.

Blick von einer Wiese auf einen See. Am Ufer stehen vereinzelt Bäume, der See ist rachts und links von grünen Hügeln eingerahmt.

Hier soll Nessie sein Zuhause haben

Autor: Stefan Morawietz

Stand: 26.10.2016, 16:15

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