Krimis

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Krimis

Im Prinzip ist es immer wieder das Gleiche: Ein Mord ist geschehen und die Frage lautet "Wer hat es getan und warum?". Doch so einfach dieses Grundkonzept ist, so erfolgreich ist es auch. Denn seit dem Erscheinen der ersten Krimis im 19. Jahrhundert fanden sich bis heute unzählige Autoren, die das Rätsel um einen Mord immer wieder neu und spannend zu gestalten wussten. Und die große Zahl von Krimifans beweist, dass dieses Genre der Literatur noch lange nicht am Ende ist.

Literatur oder Schund?

Gebäude New Scotland Yard in London

Der heutige Sitz der berühmten Londoner Polizei

Noch in den 1970er Jahren galt der Krimi in der Literaturwissenschaft als suspekt. Hauptkritikpunkt war, dass der Krimi den Leser nicht durch die Kraft oder Schönheit seiner Sprache fesselt, sondern ihn in ein Rätsel einbindet. Der Leser soll permanent "logisch denken". Deshalb stellten einige Kritiker den Krimi auf die Stufe von Kreuzwort-Rätseln. In einem literaturwissenschaftlichen Buch zum Kriminalroman aus dem Jahr 1971 ging ein besorgter Krimigegner sogar davon aus, dass der Kriminalromanleser "für das gute Buch von literarischem Wert verloren ist". Über so etwas werden Krimifans nur schmunzeln können. Denn bis heute haben zahlreiche Autorinnen und Autoren ausreichend bewiesen, dass ihre Sprache mehr ist als nur Funktionsträger für ein Rätsel.

Die ersten Krimis im 19. Jahrhundert

Der Kriminalroman ist ein noch relativ junges Genre, dessen Anfänge im 19. Jahrhundert liegen. Natürlich gab es auch davor schon Morde in der Literatur. Aber erst das Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft in jener Zeit machte den Krimi als solchen erst möglich. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in keiner Kultur einen Polizeiapparat, der sich überhaupt um die beweissichere Aufklärung von Verbrechen bemühte. In Frankreich wurde 1810 die erste ermittelnde Polizei gegründet - bezeichnenderweise von einem früheren Berufsverbrecher, der somit eine gute Kenntnis der Szene hatte. In England wurde ab 1829 "Scotland Yard" aufgebaut. In Deutschland verfügten die großen deutschen Städte gegen Ende des 19. Jahrhunderts über eine eigene Kriminalpolizei.

Erst in einer Gesellschaft, die Verbrechen als solche zu ergründen und aufzuklären suchte, konnte der Kriminalroman entstehen. Krimiforscher wie der Kölner Buchhändler Manfred Sarrazin belegen diese Theorie damit, dass in Staaten mit geringem Rechtsbewusstsein und wenig Demokratie auch keine Krimis geschrieben oder gelesen wurden. Selbst in Westdeutschland dauerte es bis in die 1960er Jahre, bis eine eigene "Krimikultur" entstand. Auch in der Sowjetunion kam der Detektivroman erst nach der Einführung demokratischer Strukturen in Mode. Da Länder wie Frankreich, England und die USA in Sachen Rechtsstaat weit voraus waren, stammt die frühe und bedeutende Krimiliteratur vorwiegend aus diesen Ländern.

Dabei ist nicht ganz eindeutig, wer den Titel des ersten Krimis für sich beanspruchen kann. Immer wieder genannt wird "Die Frau in Weiß" (1860) von Colin Wilkie. Ebenso ein Anwärter für den ersten Krimi ist Edgar Allen Poes Kurzgeschichte "Der Doppelmord in der Rue Morgue" von 1841. Einige Literaturwissenschaftler datieren den ersten Krimi sogar noch ein Jahrhundert früher und bezeichnen Friedrich Schillers "Verbrecher aus Infamie - eine wahre Geschichte" von 1786 als ersten Krimi.

Die Detektive sind los

Filmbild: Dr. Watson und Sherlock Holmes

Sherlock Holmes: 'De Kralle' mit Nigel Bruce als Dr. Watson und Basil Rathbone als Sherlock Holmes

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass es in vielen frühen Krimis oft Privatdetektive waren, die sich auf die Suche nach dem Täter begaben. Dieses Phänomen erklärt sich zum Teil daraus, dass die frühe Polizei als sehr korrupt und auch nicht sonderlich gut ausgebildet galt. Ebenso lässt die Figur eines Privatdetektivs mehr gestalterische Möglichkeiten zu. Anders als ein Polizeikommissar kann der Detektiv den Täter sogar laufen lassen, wenn seine Tat einer wie auch immer definierten höheren Gerechtigkeit dient - zum Beispiel wenn der Täter einen Massenmörder getötet hat, der bis dahin von der Justiz völlig unbehelligt blieb.

Eine der wohl bekanntesten Detektivfiguren des Kriminalromans ist der Ermittler Sherlock Holmes. Erfunden hat ihn der Londoner Arzt Arthur Conan Doyle (1859-1930). 1887 tauchte diese Figur erstmals in einer von Doyle geschriebenen Erzählung auf. Eigentlich hatte der Arzt nicht vor, daraus eine Serienfigur zu machen. Ein amerikanischer Verleger konnte ihn jedoch dazu überreden, die Figur des Sherlock Holmes weiterzuentwickeln und ganze Romane mit ihm zu gestalten.

Die ersten Starautoren der Krimiszene

Standbild aus dem Film "Maigret kennt kein Erbarmen"

Jean Gabin als Kommissar Maigret

Der absolute Star unter allen Krimiautoren ist bis heute Agatha Christie (1890-1976). Zwischen 1920 und 1973 schrieb sie 66 Romane und mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten. Nach Schätzungen soll sie weltweit über zwei Milliarden Bücher verkauft haben. Vor allem zwei Figuren machten Agatha Christie berühmt: die schrullige Miss Marple und der belgische Detektiv Hercule Poirot. Dennoch wurde auch ihr eigener Name zu einem Markenzeichen. Denn bei "Agatha Christie" konnte sich der Leser immer darauf verlassen, dass die Geschichten einen gewissen Witz haben und voller überraschender Wendungen stecken.

Die Krimis von Agatha Christie spielen meist in sogenannten "besseren gesellschaftlichen Kreisen", ähnlich wie die des französischen Erfolgsautors Georges Simenon (1903-1989). Seine berühmteste Figur wurde der ständig Pfeife rauchende Kommissar Maigret, der im Unterschied zu vielen anderen Detektiven ein Polizeikommissar war - und der seine Fälle dennoch meist im Stil eines Privatdetektivs alleine löste. Ähnlich wie Agatha Christie hatte auch Simenon ein Talent, Situationen und Landschaften so zu beschreiben, dass der Leser mehr geboten bekam als nur ein reines Mordrätsel.

Literarisch weniger anspruchsvoll und trotzdem sehr erfolgreich waren die Krimis von Edgar Wallace (1875-1932). Eines seiner berühmtesten Werke ist "Der Hexer". Wallace beherrschte die Kunst, den Leser sehr schnell in seine Geschichte einzubinden und hielt auch den Kreis der beteiligten Personen überschaubar. Dennoch wirkt sein "Hexer" aus heutiger Sicht sehr konstruiert und - ohne die Auflösung verraten zu wollen - recht unglaubwürdig. Wallace setzte offensichtlich mehr darauf, den Leser möglichst zu überraschen, selbst wenn die Lösung geradezu absurd war. Wallace galt als Fließbandautor, der seine Krimis möglichst schnell schrieb und dabei sogar selbst die Namen seiner Charaktere vergaß und immer wieder änderte - was seine Sekretärin dann korrigieren durfte.

Der moderne Krimi

Inzwischen hat sich das Krimigenre deutlich weiterentwickelt. Längst regieren nicht mehr die schrulligen Privatdetektive, die in der feinen Gesellschaft einen Mord aus Habgier aufdecken. Krimis spielen heute in allen möglichen gesellschaftlichen Kreisen. Autoren wie der Schwede Henning Mankell haben dazu beigetragen, dass der Krimi zu einem Abbild der Gesellschaft wurde. Mankell sieht seine Rolle als "Autor, der den Puls seiner Epoche misst, indem er über Gewalt schreibt und die Gesellschaft wie in einem zerbrochenen Spiegel betrachtet".

Eine Zusammenstellung verschiedener Tatwaffen, darunter Messer, Pistolen, Schlagstöcke und Elektroschocker.

Eine Sammlung von Tatwaffen, unverzichtbar in einem Krimi

Die Krimiszene hat sich in die unterschiedlichsten Richtungen entwickelt. Neben dem klassischen Detektivroman findet man diverse Untergenres wie "Medizin-Thriller" oder "Wirtschaftskrimis". Selbst im Tierreich werden Kriminalfälle angelegt und dann zum Beispiel von Katzen gelöst ("Felidae" von Akif Pirinçci). Auch ist der Leser längst nicht mehr nur Begleiter des Ermittlers. Er kann auch aus Sicht des Täters am Mord teilhaben. Die Motive kennen ebenfalls keine Grenzen mehr und gehen bis ins Dunkelste der menschlichen Seele.

Dreharbeiten zu einem Tatort mit Dietmar Bär, der vor der Kamera für seine nächste Szene bereitsteht, während ein Assistent die typische Filmklappe vor ihm betätigt.

Dreharbeiten zu einem Tatort

Frühe Krimis waren meist in den allseits bekannten Großstädten angesiedelt. Das ergab schon deshalb Sinn, weil diese Orte einem großen Lesepublikum bekannt waren. Doch während allgemein eine Globalisierung stattfindet, entwickelt sich der deutsche Krimi seit Jahren in die gegenläufige Richtung. Mittlerweile haben sich einige Verlage darauf spezialisiert, Krimis gezielt in bestimmten Regionen Deutschlands anzusiedeln, um die jeweilige Bevölkerung als feste Kundschaft zu erobern. Die Rechnung scheint aufzugehen, der Regionalkrimi erfreut sich steigender Beliebtheit. Der Leser kann den Krimi nun auf eine besondere Weise "miterleben". Die Tat- und Spielorte sind zum Teil persönlich vertraut. Kommissare sowie Täter bleiben unterwegs in dem Stau stecken, den man selbst täglich erlebt. Somit entsteht eine besondere Form von Nähe zur Geschichte, die - sofern gut gemacht - aber auch für den ortsunkundigen Leser spannend bleibt wie jeder andere Krimi. Denn streng genommen spielt ja jeder Krimi in irgendeiner Region.

Der Krimimarkt

Eine große Krimiabteilung in einem Buchladen.

Ein Paradies für Krimifans

Gut jedes vierte Buch, das in Deutschland gelesen wird, ist ein Krimi. Nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels betrug im Jahr 2012 der Krimianteil in der Warengruppe Belletristik 25,9 Prozent. Damit liegt der Krimi an zweiter Stelle hinter den Romanen, die 51,8 Prozent des Marktes ausmachen. Diese Zahlen sind seit Jahren relativ konstant. Entsprechend der Nachfrage ist das Angebot sehr groß. In einigen Städten findet man inzwischen sogar reine Krimibuchhandlungen mit spezialisiertem Personal, das einen genau zu dem Krimi führen kann, den man gerne lesen möchte. Auch im Internet gibt es Seiten, wo man per Suchmaschine gezielt nach einem Krimi seiner Wahl suchen kann. Dazu kann man bestimmte Kriterien wie Schauplatz oder Zeitraum der Handlung und selbst stilistische Eigenschaften wie Humor oder Grad der Brutalität bestimmen.

Autor/in: Helmut Brasse

Stand: 13.11.2014, 12:00