Der Siegeszug des Tonfilms

Anfänge des Films

Der Siegeszug des Tonfilms

Als der Tonfilm in den 1920er und 30er Jahren seinen Siegeszug antrat, war das Publikum begeistert. Wie viele technischen Neuerungen, hatte aber auch der Tonfilm erbitterte Gegner. Als "Tod der Künstler!" wurde er beschimpft – und das nicht ohne Grund.

Am Anfang war die Filmspur

Auch wenn die Entwicklung des Tonfilms durch die rasche Abfolge von Erfindungen, Erstvorführungen, Weiterentwicklungen und Patent-Streitigkeiten bestimmt ist, so gilt doch ein Mann als wichtiger Wegbereiter. In den frühen 1920er Jahren hat der polnische Ingenieur Józef Tykociński-Tykociner die Idee, Film- und Tonspur zu kombinieren. Er stellt ein Verfahren vor, mit dem es möglich ist, auf das Trägermaterial eines Films eine optische Spur für den Ton hinzuzufügen.

Der Wahlamerikaner strebt die Anmeldung eines Patents an. Aufgrund von Unstimmigkeiten mit dem Präsidenten seiner Universität, ist allerdings ein Konkurrent, der Erfinder Lee de Forest, schneller. Forest produziert die ersten kommerziellen Tonfilme und verkauft seine Erfindung schließlich 1927 an die Fox Film Corporation, die bereits im Jahr zuvor zusätzlich die Rechte an dem deutschen Tri-Ergon-Tonverfahren erworben hat.

Obwohl Tykociński-Tykociner als Vater der Idee gilt, machen sich andere Erfinder früh ähnliche Gedanken und setzen sie schneller um. Man könnte Tykociner deshalb als den ersten Verlierer der Tonfilm-Ära bezeichnen, aber bei weitem nicht als den tragischsten.

You ain't heard nothin' yet!

Jolson und Besserer in einer Szene des "Jazz Singer".

Seit dem "Jazz Singer" zählt jedes Wort

Als Warner Brothers Ende des Jahrs 1927 den Film "The Jazz Singer" veröffentlichen, ist das Unternehmen stark angeschlagen. Bereits im Vorjahr wollte die Filmgesellschaft mit "Don Juan" einen Tonfilm in die Kinos bringen - ein Versuch, der das Unternehmen an den Rand des Konkurs führte. "The Jazz Singer" ist zwar bereits eine erfolgreiche Broadway-Produktion, dennoch grenzt das Wagnis, noch einen Tonfilm auf den von Stummfilmen bestimmten Markt zu werfen, an ökonomischen Selbstmord.

Wenige Kinos haben die Technik einen Tonfilm zu zeigen, doch die Begeisterung des Publikums gibt den Warner Brothers Recht. "The Jazz Singer", der erste abendfüllende Film mit synchroner Musik, Geräuschen und sogar Sprechszenen wird zum internationalen Erfolg. Weltweit rüsten Studios und Kinos nun auf den Tonfilm um.

Geradezu prophetisch klingt in diesem Zusammenhang übrigens einer der ersten Sätze, die auf Film festgehalten wurden. Al Jolson, Hauptdarsteller des "Jazz Singer", unterbricht in der Eröffnungsszene das, damals noch nicht separat aufgenommene, Orchester mit den Worten "Wait a minute, I tell yer, you ain't heard nothin' yet", also "Wartet einen Augenblick, ich sage euch: noch habt ihr nichts gehört".

Protest der Musiker

Schwarzweiß-Zeichnung einer Filmvorführung mit Grammophon.

Grammophone und Orchester kamen aus der Mode

Beim Stummfilm sind oft viele Leute an einer Vorführung beteiligt: Neben der Variante des von Edison entwickelten Phonographen, also eines Grammophons, das mit dem Film synchronisiert wird, werden viele Stummfilme von einem Orchester, einer Kapelle oder einem Film-Pianisten, begleitet. Kinos und wandernde Vorführungen bieten damit in den 1920er Jahren einen wichtigen Arbeitsmarkt für Musiker.

Der Tonfilm setzt diesem Arbeitsverhältnis ein jähes Ende. Der Film bringt nun Begleitmusik und atmosphärische Geräusche bereits in die Vorführsäle mit. Ein wilder Disput entbrennt zwischen Künstlervertretern und der Filmindustrie.

In Pamphleten wird zum Protest aufgerufen. Es heißt unter anderem Tonfilm sei "Kitsch" oder "wirtschaftlicher und geistiger Mord" und "seine Konservenbüchsen-Apparatur klingt kellerhaft, quietscht, verdirbt das Gehör und ruiniert die Existenzen der Musiker und Artisten". Die Proteste nutzen nichts, allein in Deutschland werden 12.000 Musiker arbeitslos.

Sprachfehler und schlechtes Englisch

Der junge Emil Jannings sitzt auf einem Stuhl.

Karriereknick für Oscargewinner Jannings

Viele Verlierer gibt es auch unter den Schauspielern weltweit. Manche haben eine quietschige oder unangenehme Stimme, andere lispeln, näseln oder, und das ist mit am fatalsten, sprechen die Sprachen der Länder nicht oder schlecht, in denen sie drehen. All das wird nun hörbar.

Der bekannteste deutsche Schauspieler, dessen Karriere sich durch den Tonfilm ändert, ist Theodor Friedrich Emil Janenz, bekannt als Emil Jannings. Er ist in der Weimarer Republik ein beliebter Schauspieler, bevor er 1926 nach Hollywood wechselt. Auf dem Höhepunkt seines internationalen Erfolgs wird ihm 1929 der Oscar in der Kategorie "Bester Schauspieler" verliehen. Doch Jannings spricht nur schlecht Englisch, und mit dem Tonfilm bleiben Engagements aus. Er kehrt nach Deutschland zurück und hat, im Gegensatz zu vielen Kollegen, Glück: Wenigstens das nationale Kino bleibt ihm gewogen.

Charlie Chaplin hält sich ein Ohr zu.

Gegen den Lärm der "talkies": Chaplin

Ein großer Gegner der synchronisierten Tonfilme ist zu Beginn der Technik auch der durch Stummfilme legendär gewordene Charlie Chaplin. Seiner Meinung nach zerstören "talkies", also sprechende Filme, die älteste Kunst der Welt: die Pantomime.

In "Lichter der Großstadt" (1931) setzt er zwar zum ersten Mal selbstkomponierte Musik ein, doch die wird dem Film noch so beigeordnet, dass sie ihn mehr karikiert als untermalt. Im Jahr 1936 wehrt sich Chaplin ein letztes Mal gegen die Entwicklung, "Moderne Zeiten" wird sein letzter Stummfilm in Spielfilmlänge, danach passt er sich an.

Filmisches Denkmal

Gene Kelly und Debbie Reynolds in einer Szene von Singing in the Rain.

Am Ende siegt das Liebespaar

Hollywood selbst setzt der wichtigen Umbruchphase vom Stumm- zum Tonfilm mit ihren Problemen und Eigenheiten im Jahr 1952 ein Denkmal. In dem Musical-Klassiker "Singin' In The Rain" (im Deutschen "Du sollst mein Glücksstern sein") sollen die fiktiven Stummfilm-Legenden Don Lockwood (Gene Kelly) und Lina Lamont (Jean Hagen) in einem der ersten Tonfilme ihre Standard-Rolle, das Liebespaar, darstellen.

Die Aufnahmen werden allerdings massiv behindert durch den unflexiblen Schauspielstil der Diva; so knistern entweder ihre Kleider an den Aufnahmegeräten, oder sie dreht sich aus Versehen von den Mikrofonen weg. Schlimmer ist aber noch, dass erst durch den Tonfilm deutlich wird, wie unangenehm schrill Lamonts Stimme ist. Nach viel Tanz, Musik, Drama und Intrigen endet der Film damit, dass die Diva durch eine junge, talentiertere Schauspielerin ersetzt wird.

Autorin: Laura Niebling

Stand: 06.01.2016, 10:24

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