Der Pariser Untergrund

Die Katakomben in Paris

Paris

Der Pariser Untergrund

Viele Städte haben einen Untergrund – mit U-Bahn, Rohrleitungen und Kanalisation. Der Untergrund von Paris aber ist etwas Besonderes: In 35 Meter Tiefe erstreckt sich über 300 Kilometer ein Geflecht aus Höhlen und Gängen, ein Reich der Dunkelheit, als "schrecklicher Keller" bezeichnet. Hier befanden sich die unterirdischen Steinbrüche, aus dessen Material die Stadt erbaut wurde. Und hier wurden die Gebeine von Millionen Toten gelagert: eine unterirdische Knochenkammer.

Wie das Höhlensystem entstanden ist

Historischer Stich: Menschen in den Pariser Katakomben, umgeben von Totenschädeln und Gebeinen.

Die Katakomben waren lange Zeit ein Friedhof

Nur die Leichenkammer, ein relativ kleiner Teil des Pariser Untergrunds, wird als Katakomben bezeichnet – und nicht die gesamte Unterwelt. Die Katakomben sind Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, als die Toten vom Friedhof in das unterirdische Höhlensystem umgebettet wurden. Der Untergrund mit seinen Steinbrüchen, den sogenannten "carrières", existiert aber schon seit gut 2000 Jahren.

Die Römer begannen bereits im ersten Jahrhundert mit der Ausbeutung des Kalksteinvorkommens im Untertagebau. Für das antike Lutetia wurde Baumaterial zur Errichtung von Thermen, Tempeln und Palästen benötigt.

Auch im Mittelalter war Stein für den Bau repräsentativer Gebäude gefragt. Im 12. Jahrhundert wurde der Steinabbau für die Stadtmauer, die Louvre-Festung und Notre-Dame vorangetrieben. Während des Ancien Régime war sogar von einem regelrechten "Baufieber" die Rede.

Ein Gedenkstein von 1792 befindet sich in den Katakomben.

Die Katakomben wurden einst als Steinbrüche genutzt

Das Leben eines Steinbrucharbeiters war kein leichtes: Die körperlich sehr anstrengende Tätigkeit wurde nicht nur schlecht bezahlt, sondern war auch sehr gefährlich. Die Stollen waren nicht gesichert, so dass tödliche Unfälle an der Tagesordnung waren. Das Tageslicht bekamen die Menschen, die im Untergrund arbeiteten, kaum zu Gesicht.

So wie das unterirdische Höhlensystem über die Jahrhunderte wuchs und wuchs – über die genaue Ausdehnung des Gewirrs an Gängen und Verstecken wusste kaum jemand genau Bescheid – so nahm auch die dichte Bebauung in der Stadt zu.

Doch es kam, wie es kommen musste: Durch fehlende Sicherheitsmaßnahmen geriet der Boden ins Wanken. Vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stürzten ganze Straßenzüge in sich zusammen, weil der Untergrund nachgab.

1777 wurde daher die "Inspection des carrières" gegründet, mit dem Ziel, die Steinbrüche zu sichern – eine jahrhundertelange Aufgabe, wie sich herausstellte. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der letzte aktive Pariser Steinbruch geschlossen.

Vom Steinbruch zur Knochenkammer

Eine Säule ist aus Knochen und Schädeln errichtet.

Gebeine von mehr als sechs Millionen Menschen

Dafür fanden die stillgelegten Steinbrüche eine neue Bestimmung: als unterirdischer Friedhof. Paris hatte lange Zeit ein unappetitliches Markenzeichen: seinen Gestank. Die Friedhöfe waren überfüllt, die Stadt erstickte fast an dem Geruch der Verwesung.

Besonders schlimm war es im Zentrum, wo sich der "Cimetière des Innocents" (Friedhof der Unschuldigen) befand. Im Jahre 1780 passierte es, dass im Keller eines benachbarten Hauses eine Begrenzungsmauer dem Druck der Friedhofserde nachgab und die Leichen in den Keller inmitten von Fässern und Vorräten stürzten. Es musste sich schnell etwas ändern.

1785 wurde der "Cimetière des Innocents" endgültig aufgelöst. Aber wohin mit den Gebeinen? Die zum Teil schon stillgelegten unterirdischen Steinbrüche stellten sich als idealer Ort heraus. Ein 11.000 Quadratmeter großer, zu der Zeit von der "Inspection des Carrières" bereits konsolidierter Bereich, wurde zu Katakomben umfunktioniert.

Auch die anderen Pariser Friedhöfe wurden nach und nach geschlossen, die Leichen umgebettet. Über Jahre fand nachts der Transport von Skeletten in das unterirdische Höhlensystem statt. Die Knochenkammer im Pariser Untergrund beherbergt die Gebeine von mehr als sechs Millionen Menschen.

Inspiration für Literaten

Eine Farblithografie aus dem Jahr 1905 zeigt die Werbung einer Pariser Buchhandlung für Victor Hugos Roman 'Les Misérables'. Man sieht drei gezeichnete Szenen aus dem Buch.

Romanvorlage für ein Musical

Héricart de Thury war ab 1809 Generalinspekteur der Carrières und ließ die Katakomben sehr sorgfältig herrichten. Die Skelette wurden zuvor häufig – um überhaupt der Masse Herr zu werden – nur so übereinander geschüttet. "Ein Sauhaufen", befand Thury, der schließlich eine ästhetische Anordnung von Knochen und Schädeln schaffte. Besucher wollte er anlocken; die Katakomben wurden zum Museum.

Doch welche Dimensionen offenbart der Untergrund wirklich? Wer hat sich dort versteckt? Was ist alles gelagert? Der Fantasie der Bevölkerung waren und sind keine Grenzen gesetzt. Verständlich, dass "die Stadt unter der Stadt" seit jeher auch die Literaten inspiriert hat. Thury hat mit seinem Buch "Déscription des catacombes de Paris" eine ausführliche Beschreibung und Anordnung des Höhlensystems geliefert und ihnen damit eine Grundlage geboten.

Patrick Süskind beschreibt am Anfang seines berühmten Buches "Das Parfum" (1985) sehr eindringlich die Atmosphäre des stinkenden Paris. Alexandre Dumas beschäftigte sich in seinem Roman "Les Mohicans de Paris" (1854) mit revolutionären Kräften im Untergrund; Schauplatz: die Pariser Katakomben.

Die katastrophale Situation der Arbeiter in der Unterwelt soll Victor Hugo zu seinem Werk "Les Misérables" (1862) animiert haben, in dem ein Aufständischer von der Polizei durch die finstere Kloake gejagt wird. Hugo lieferte seinerzeit ein genaues Bild des Pariser Kanalsystems. Und auch "Das Phantom der Oper" (1911) nach der Vorlage von Gaston Leroux führt in die Unterwelt – die der Pariser Oper, wo sich ein entstelltes Wesen verborgen hält.

Partykeller und Kinosaal

Schmugglern und Straßenräubern diente das Stollensystem unter dem Eiffelturm als Zuflucht. Der berüchtigte Bandenchef Cartouche, 1721 hingerichtet, bezog unter Montmartre Quartier. Die Kommunarden – so wurden die Mitglieder der Pariser Kommune von 1871 genannt, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg für eine sozialistische Gesellschaft kämpften – lieferten sich im Untergrund eine mörderische Menschenjagd mit Regierungstruppen. Und die Résistance plante von "unten" ihren Widerstand im Zweiten Weltkrieg.

Während der 1980er Jahre sorgten vor allem die Kataphilen, sogenannte "Höhlenfreunde", für Trubel. Sie drangen in verbotene Bereiche des Untergrunds ein und veranstalteten dort ihre Partys. In den Medien wurde damals vieles hochstilisiert: Von "schwarzen Messen", "Satansorgien", "Sex und Drogenkonsum in gruseligen Grüften" war die Rede.

Jacques Chirac, damaliger Bürgermeister von Paris, verbot das bunte Treiben im Untergrund - zu groß wäre die Gefahr, dass man von herabfallenden Steinbrocken getroffen würde oder sich im Dunkeln des verzweigten Höhlensystems verirrte. Zahlreiche Zugänge wurden daraufhin zugeschweißt. Die Polizei kontrollierte regelmäßig. Wer erwischt wurde, hatte mit einem Bußgeld zu rechnen.

Um die Kataphilen ist mittlerweile Ruhe eingekehrt, doch erst 2004 machte die Polizei eine große Entdeckung: Ein vollständig eingerichteter Kinosaal verbarg sich 20 Meter unter dem Chaillot-Palast gegenüber dem Eiffelturmes – mit Filmrollen, Bar und einer Botschaft: "Sucht uns nicht!"

Der Untergrund heute

Eine Wand, nur aus Knochen und Schädeln bestehend, zieht sich durch den Keller.

Reich der Dunkelheit: Im Keller sind die Knochen aufgebahrt

Ein kleiner Teil der Katakomben ist für Besucher zugänglich. Wie in einem Museum sind hier die säuberlich aufgestapelten Knochen und Schädel zu sehen. Bei der Untergrundtour zu empfehlen: festes Schuhwerk und keine Sonntagskleidung. Im Großteil der Schächte, die nicht zugänglich sind, liegen Wasser- und Stromleitungen. Ein Teil wurde für die Métro ausgebaut. Und sogar ein Schatz ist im Untergrund verborgen: Die Nationalbank lagert hier ihr Gold.

Auch ein Teil der "Egouts de Paris", das von Eugène Haussmann entwickelte labyrinthartige Kanalisationsnetz, kann von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Auf einem 500 Meter langen Weg begleitet man die Kanalarbeiter. Darüber hinaus gibt es Informationen: von der Geschichte der Pariser Abwasserkanäle zu römischer Zeit bis in die Gegenwart.

Autorin: Kathrin Schamoni

Stand: 18.08.2016, 15:38

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