Schillers Wilhelm Tell

Reclam-Heft: Wilhelm Tell

Schweiz

Schillers Wilhelm Tell

Weimar 1803. Ein kränkelnder Friedrich Schiller schleicht rastlos über die Holzbohlen seiner Studierstube. Er ist auf der Suche nach dem Stoff für ein neues Drama – eine Volkssage soll es sein, tief verwurzelt in den Herzen der Menschen und gleichzeitig ein Fanal der Freiheitsliebe. Erst als ihn das völlig grundlose Gerücht erreicht, er arbeite an einem Tell-Schauspiel, fällt die Entscheidung für den berühmten Schweizer Mythos.

Schillers "Tell": ein Papiermythos aus der Bibliothek

Tuschezeichnung Tells mit seinem Sohn; Tell hat eine Armbrust in der Hand, der Sohn einen Pfeil mit Apfel.

Stoff für Schillers letztes Drama

Allem Anschein nach weiß Schiller genau, was ihn an der wilden Schweizer Bergwelt fasziniert: die Geradlinigkeit, ja fast einfältige Unverdorbenheit ihrer Bewohner – brave Bauern, die sich, geschieht ihnen Unrecht, unversehens in Helden verwandeln können. Nicht, dass ihm diese Welt aus eigener Erfahrung vertraut wäre: In die Gegend um den Vierwaldstättersee hat er noch nie einen Fuß gesetzt.

Also lässt er sich von seiner Frau, die einen Teil ihrer Jugend in der Urschweiz verbracht hat, und vom ausdauernden Reisenden Goethe von dort erzählen – und steigert sich mit Landkarten, Reisebeschreibungen sowie mit Aegidius Tschudis berühmter "Schweizer Chronik" von 1536 in ein regelrechtes Schweizfieber hinein.

Was Schiller allerdings nicht weiß oder auch nicht wissen will: Tschudi war dem realitätsverschönernden Fabulieren ebenso wenig abgeneigt wie der Weimarer Dichter selbst. Doch wen kümmert das, wenn es um einen Mythos geht? So nimmt eine Erfolgsstory ihren Lauf.

Porträtbild Schillers: Ein zarter junger Mann schaut, aufgestützt auf seinen rechten Arm, den Betrachter verträumt an.

Friedrich Schiller (1759-1805)

Wie sich die Geschichte bei Tschudi und damit über weite Strecken auch bei Schiller zuträgt, ist schnell erzählt. Im 11. Jahrhundert ächzen die Schweizer Gemeinden unter der Herrschaft der Habsburger. Die von König Rudolf I. eingesetzten Landvögte führen ein hartes, oft despotisches Regiment: In Altdorf etwa stellt Vogt Gessler einen Stock mit einem Hut auf, den jeder Vorübergehende zu grüßen hat.

Wilhelm Tell verweigert sich der demütigenden Geste, wird verhaftet und von Gessler dazu gezwungen, vom Kopf des eigenen Sohnes einen Apfel zu schießen. Tell trifft den Apfel – gesteht jedoch, dass der zweite Pfeil in seinem Köcher, hätte er danebengeschossen, dem tyrannischen Landvogt gegolten hätte.

Erneut wird er festgenommen, kann jedoch fliehen und tötet Gessler schließlich in der hohlen Gasse bei Küssnacht. Jubelnd schleift das Volk daraufhin die habsburgische Zwingburg in Altdorf. Das Drama endet mit dem Versprechen der versammelten Eidgenossen, künftig nie mehr in Unfreiheit leben zu wollen.

In Berlin zu brisant, in der Schweiz zu französisch

Tell, neben ihm sein Sohn mit Armbrust, umringt von zwei Soldaten in zeitgenössischer Uniform.

Tell wird von Gesslers Schergen verhaftet

Schillers "Tell" gibt ein flammendes Bekenntnis zur Selbstbestimmung des Volkes ab, zum Tyrannenmord als letztem Mittel – und ist damit offenbar von solcher Brisanz, dass man es 1804 in Berlin entgegen Schillers Wunsch nicht zur Uraufführung bringen will. Kein Wunder, sind doch die Verse, die er dem Bauern Stauffacher in den Mund legt, mehr als eindeutig:

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
wenn unerträglich wird die Last - greift er
hinauf getrosten Mutes in den Himmel
und holt herunter seine ew'gen Rechte,
die droben hangen, unveräußerlich
und unzerbrechlich wie die Sterne selbst -
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
wo Mensch dem Menschen gegenübersteht -
zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben.

Verse, die in der Schweiz allerdings nicht ganz so schnell ihr Publikum finden. Zwar ist die Tell-Gestalt bereits seit Tschudis Schweiz-Chronik fest im kollektiven Selbstverständnis verankert, doch identifizieren ihn die Schweizer zur Entstehungszeit von Schillers Drama kurioserweise mit dem Regime des machthungrigen Napoleon.

Der Grund: Das sogenannte Helvetische Direktorium, das die Schweiz im Auftrag Napoleons zu einem zentralistischen Schwesterstaat Frankreichs formen soll, versieht seine Briefköpfe mit einer Tell-Zeichnung, um so der neu zu gründenden Republik gewissermaßen den Segen der Schweizer Geschichte zu erteilen. Eine Marketingaktion, die in der Bevölkerung bestenfalls ein geteiltes Echo auslöst – und deshalb dauert es noch eine ganze Weile, bis Tell in der Schweiz wieder gänzlich rehabilitiert ist.

Tell wird zum Star – zu Recht?

Foto von 2004: Tell-Schauspieler läuft mit Kind durch angedeuteten Wald.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts beliebt: Tell unter freiem Himmel

Im Vorfeld der Schweizer 600-Jahr-Feier von 1891 ist es dann so weit. Unzählige Schützen-, Trachten- und Gesangvereine bringen Schillers Drama zur Aufführung. Verschiedenste politische Gruppierungen versuchen, sich mit dem Freiheitshelden zu schmücken. Die Tell-Gestalt wird zur konsensfähigen Identifikationsfigur einer sprachlich, konfessionell und immer mehr auch sozial gespaltenen Gesellschaft.

In den Urkantonen der Innerschweiz hat der Mythos bereits einige Jahre zuvor wieder Einzug gehalten – dank der Tell-Touristen: Mit Schillers Versen in der Hand pilgern romantische Reisende Richtung Vierwaldstättersee. Auch Bayerns Märchenkönig Ludwig II. möchte da nicht zurückstehen und mietet 1881 eigens einen Dampfer, auf dem ihm ein mitgebrachter Schauspieler an den jeweiligen Schauplätzen die entsprechenden Szenen rezitieren muss.

Tell-Statue aus Bronze; Armbrust in der einen, Apfel in der anderen Hand.

Die Apfelschuss-Sage: ein Import aus Dänemark?

Spätestens jetzt will keiner mehr wahrhaben, dass Wilhelm Tell vor allem eines nicht ist: eine historisch bezeugte Gestalt aus Fleisch und Blut. Bis heute hat man weder in den habsburgischen Archiven Wiens noch in abgelegenen Innerschweizer Pfarrsammlungen einen Beweis für seine Existenz finden können. Erstmals erwähnt wird Tell bezeichnenderweise in Volksliedern und Sagengeschichten, und auch das erst 150 Jahre nach den angeblichen Geschehnissen.

Der Apfelschuss wiederum scheint nichts genuin Schweizerisches zu sein, sondern taucht bereits im 10. Jahrhundert in der dänischen Heldenerzählung vom Meisterschützen Toko auf. All diese märchenhaften Quellen hat schließlich der Historiker Tschudi im 16. Jahrhundert zu seiner folgenreichen Tell-Geschichte verwoben – und Schiller hat eifrig an ihr weitergestrickt.

Soldatenvorbild und Schüleralptraum

Der fehlende Wahrheitsgehalt hätte den Weimarer Dichterfürsten dabei wohl kaum gestört, bescherte ihm der "Tell" doch den Erfolg seines Lebens und – besonders – seines Nachlebens. Keines seiner Dramen ist bei der Uraufführung mit solch ungeteiltem Lob bedacht, keines in der Folge so eifrig aufgeführt und so bereitwillig zur Schullektüre geadelt worden. Generationen von Gymnasiasten können Tell-Zitate wie "Durch diese hohle Gasse muss er kommen" oder "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" im Schlaf hersagen.

Allerdings lässt sich das Schauspiel auch ebenso gut missbrauchen: Im Ersten Weltkrieg bietet man den Soldaten zur Stärkung der Kampfmoral Tell-Freilichtaufführungen direkt hinter der Front. Auch die Nazis schätzen Schillers "Nationaldrama" – bis Hitler 1941 dämmert, dass die Zuschauer seine Person durchaus mit dem Landvogt Gessler gleichsetzen könnten und er alle Aufführungen verbietet.

Wilhelm Tell als Marketingmotiv

Porträtbild Max Frisch: große schwarze Brille, Pfeife in der Hand.

Hat den Tell-Mythos entstaubt: Max Frisch

Und die Schweiz? Die entdeckt ihren Nationalhelden alsbald als Marketingmotiv: 1907 ziert er die erste Tell-Briefmarke. Mit seiner Armbrust wirbt man für Zigaretten, mit seinem Namen für eine Biersorte. In Bützberg bei Bern prunkt seit einiger Zeit vom Schild eines indischen Restaurants der Name "Tell-Bombay", und 2004, 200 Jahre nach der Uraufführung von Schillers Drama, lädt der Kanton Uri das Weimarer Nationaltheater zu einem "Tell"-Gastspiel auf der Rütli-Wiese ein.

Den Mythos zu hinterfragen, blieb einem Schweizer Literaten vorbehalten: 1970 schreibt der Schriftsteller Max Frisch seinen "Wilhelm Tell für die Schule" – eine furiose Abrechnung mit der Heldensage, in der Apfelschuss und Tyrannenmord als bloße Folge von Zufällen dargestellt werden. So hat es also beide Male die Literatur gebraucht: um den Mythos populär zu machen – und um ihn wieder zurück auf Normalmaß zu stutzen.

Autorin: Kerstin Hilt

Stand: 29.08.2016, 10:20

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