Barockmusik

Musik

Barockmusik

Die meisten Sänger, Komponisten, Bildhauer, Literaten und Architekten des 17. und 18. Jahrhunderts hielten sich für große Künstler. Sie hatten keine Ahnung, dass ihr gesamtes Werk in den kommenden Jahrhunderten belächelt werden würde. Der Name, den die Geschichtsschreiber für diese Epoche fanden, war zunächst alles andere als schmeichelhaft. Sie nannten sie "Barock".

Unebene Perle

Das Bild zeigt ein französisches Gemälde aus dem Jahr 1750, das eine reiche, in Kostüme gehüllte Barockgesellschaft zeigt, die sich um eine Frau am Spinett versammelt hat.

Mit sehr viel Gefühl und noch mehr Pomp

Das Wort "Barock" ist nach Meinung vieler Gelehrter eine Entlehnung aus den portugiesischen Wörtern "pèrola barroca". Übersetzt bedeutet dies "unebene Perle" und spielt auf die Perlen in den aufwändigen Barockkostümen an.

Andere sehen den Ursprung des Wortes in einer überlieferten Beschreibung des Palazzo Pamphili in Rom: Einem entsetzten Besucher aus Frankreich soll beim Betrachten der ausladenden Architektur entfahren sein: "Ce ridicule baroque" - "diese seltsame Lächerlichkeit".

Ganz gleich, wo das Wort "Barock" herkommt, in beiden Fällen schwingt ein negatives Werturteil mit, das sich bis ins 19. Jahrhundert gehalten hat. Barock - egal ob in der Architektur, Bildhauerei, Malerei oder Musik - galt lange Zeit als überladene, dekadente und kitschige Kunstepoche.

Direkt ins Herz

Doch gerade das Überladene, Pracht- und Prunkvolle war es, das die Menschen damals am Barock so faszinierte. Die Musiker sogen diesen Zeitgeist auf und befriedigten ihr Publikum mit pompösen Opern und emotionalen Sonetten - als gelte es zu zeigen, wie viel Gefühl man auf ein Notenblatt zwängen kann. Mit allen musikalischen Mitteln versuchten die Komponisten und Musiker sogenannte "Affekte" ("con affecto"), also menschliche Gefühle und Stimmungen, auszudrücken. Melodien, Rhythmen und Klangfarben wurden diesem Ziel untergeordnet. Die Streich- und Blasinstrumente dieser Zeit waren nicht auf einen lauten und Raum füllenden Klang ausgelegt, sondern darauf, ein möglichst breites Klangspektrum spielen zu können. Der Klang der Instrumente sollte zu an die menschliche Stimme mit all ihren Nuancen erinnern.

Generalbasszeitalter

Kupferstich eines Gambaspielers - ein Instrument, das einem Kontrabass ziemlich ähnlich sieht.

Musiker im Generalbasszeitalter

Im Frühbarock - circa 1590 bis 1620 - entstand die Oper als neue Kunstform, die damals zur populären Unterhaltung gezählt wurde. Nicht nur für die Oper, sondern für viele Formen des musikalischen Zusammenspiels im Barock bildete der sogenannten Generalbass - basso continuo - den Orientierungspunkt für die Solisten. Der Dirigent hatte zu bestimmen, welches Instrument diese zentrale Stimme spielen sollte. Den anderen Musikern stand es frei, im Rahmen des harmonischen Gerüsts des Generalbasses, ihren Part durch Improvisation emotionaler zu gestalten. Die Musik nahm im Barock eine so große Rolle ein, dass der Frühbarock auch als "Generalbasszeit" bezeichnet wird.

Macht und Musik

Das barocke Residenzschloss von Ludwigsburg: Vor dem Schlossgebäude liegt der aufwändig gestaltete Ziergarten mit Springbrunnen.

Residenzschloss von Ludwigsburg

Doch nicht nur der musikalische Stil veränderte sich, auch die Darbietung der Musik entsprach dem Zeitgeist: Königshäuser unterhielten große Orchester, Chöre und eigene Kapellmeister. Besonders am Hof sollte die Musik nicht nur unterhalten, sondern ihre imposante Darbietung auch die Machtstellung ihres Finanziers, des Königs, unterstreichen.

Damit die Musik bombastischer wirkte, wurde das Orchester getrennt im Saal aufgestellt, so dass der Klang räumlicher wurde. Auch die Stimmen der Chöre wurden getrennt im Raum positioniert.

Nicht nur am Hof wurde die Musik als Repräsentation von Macht und Reichtum genutzt, auch der Klerus stellte große Chöre auf, perfektionierte die Orgelmusik zu einem musikalischen Erlebnis und engagierte hochkarätige Organisten. Kapellmeister am Hof wurden nicht nur für viel Geld engagiert, weil sie ein Orchester leiten konnten. Ihre Aufgabe war es auch, die Musik zu komponieren.

Talentschmiede Italien

Händel stehend, in einer mit aufwändigen Bordüren verzierten Jacke, mit weißer lockiger Perücke. In der linken Hand hält er mehrere Blätter. Sein Blick geht in die Ferne.

Einer der wichtigsten Komponisten: Georg Friedrich Händel

Es gab nicht viele solcher Universaltalente. Im Früh- und zum Teil auch noch im Hochbarock (1620-1680) fand man die talentiertesten Musiker in Italien. Italienische Musiker wurden zu Stars, um deren Gunst die Königshäuser ganz Europas buhlten. Junge Musiker wurden in italienische Musikschulen geschickt. Sie verbreiteten die Musik im Hochbarock über ganz Europa, vor allem in Frankreich erlebte sie zu dieser Zeit eine Blüte.

Die tragischen Glücksritter der barocken Musikwelle waren die Kastraten. Durch Kastration behielten sie auch im Alter ihre Knabenstimme und waren durch ihre "übernatürlichen" Stimmen bei Kirchenchören und Opernkomponisten heiß begehrte Sänger. Der musikalische Erfolg stieg vielen der gebrochenen Persönlichkeiten zu Kopf - Kastraten gelten als die ersten Superstars, aber auch als die ersten Diven in der Musikgeschichte. Georg Friedrich Händel, neben Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi einer der berühmtesten Komponisten des Spätbarocks (1680-1770), weigerte sich mit Kastraten zusammen zu arbeiten. Der Umgang mit ihnen war ihm zu kompliziert.

Rehabilitation einer Epoche

Barocker Gipsengel mit goldenen Flügeln, der die Hände faltet.

Kitsch oder Kunst?

Für die rückschauende klassizistische Ästhetik des 18. Jahrhunderts war die Barockzeit negativ besetzt. Im 19. Jahrhundert wandelte sich das Bild: Barocke Kunstwerke wurden wiederentdeckt und in den Opernhäusern wurden wieder die Werke der Barockkünstler aufgeführt.

Erst im 20. Jahrhundert einigten sich die Kunstwissenschaftler, die Zeit zwischen Renaissance und Klassizismus einheitlich als "Barock" zu bezeichnen und ihr damit den Status einer kunstgeschichtlichen Epoche zu geben. Unklarheit besteht jedoch nach wie vor über Beginn und Ende. Je nach Kunstart reicht die Spanne von 1580-1600 bis 1750-1770.

Autor: Götz Bolten

Stand: 01.07.2015, 13:00

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