Interview: Musik und ihre Wirkungen

Gast Prof. Dr. Eckart Altenmüller

Macht der Musik

Interview: Musik und ihre Wirkungen

  • Mit Musik lässt sich die Erholung des Gehirns bei neurologischen Erkrankungen unterstützen
  • Musikergehirne unterschieden sich von "normalen" Gehirnen
  • Ein emotionales Lautsystem gab es schon lange vor der Sprache

Planet Wissen: Musik – das sind doch eigentlich nur Schallwellen, flüchtige Klänge. Wieso kann man mit Musik heilen?

Eckart Altenmüller: Musik ist ein sehr vielseitiger Stimulus, ein reichhaltiges Medium, das Hören, Bewegen, Emotionen, Gedächtnis, Sehen und Fühlen miteinander verbindet. Und das kann in der Rehabilitation von Krankheiten genutzt werden. Die wesentlichen Eigenschaften, die hier wirken, sind die Fähigkeit, mit Musik neue Nervenzellen-Netzwerke zu knüpfen und die Motivation zu verbessern.

Wo sehen Sie die besten Erfolgsaussichten für Musiktherapie?

Die besten Erfolgsaussichten sehe ich einerseits in der neurologischen Musiktherapie, also wenn es darum geht, beispielsweise nach einem Schlaganfall die Erholung des Gehirns mit Musik zu unterstützen.

Unsere eigenen Untersuchungen haben ergeben, dass sich die Beweglichkeit der Finger mit musikalischen Mitteln wieder erheblich verbessern lässt – zum Beispiel dadurch, dass man lernt, auf einem Klavier zu spielen.

Bei anderen Therapien lernt man, durch Singen die verlorene Sprachfähigkeit wiederzugewinnen oder durch rhythmisches Training das Gehen zu verbessern. Ein zweiter wichtiger Bereich ist die Therapie von psychischen Krankheiten. Hier kann Musik helfen, die Stimmung der Patienten deutlich zu verbessern.

Wie verändert Musik das Gehirn?

Das geschieht überraschend schnell. Schon nach wenigen Minuten des Musizierens kommt es zu ersten Verbindungen zwischen den Hirnzentren für das Hören und das Bewegen.

Nach wenigen Wochen des Musizierens vergrößern sich bestimmte Hirnareale, die am Musizieren beteiligt sind, vor allem die Hörrinde, die Bewegungszentren, aber auch Zentren, die mit dem Gedächtnis in Verbindung stehen. Das weist darauf hin, dass das Musizieren als sehr komplexe Aktivität unsere grauen Zellen stark fordert, was dann eben zu einer Vergrößerung dieser Nervenzellen führt.

Sind Musikergehirne also anders als die von Nichtmusikern?

Ja, wahrscheinlich könnte man sogar mit einem Kernspintomogramm, also einer Art Schichtbild des Gehirns, einen Musiker von einem Nichtmusiker unterscheiden. Musiker haben beispielsweise größere Handregionen, je nachdem, mit welcher Hand sie schnelle Bewegungen ausführen. Geiger haben eine größere Handregion für die linke, Pianisten für die rechte Hand.

Außerdem haben sie größere Hörregionen, und auch die Verbindung zwischen beiden Hirnhälften ist größer. Vielleicht das Interessanteste ist, dass Musiker auch eine größere Sprachregion haben. Das zeigt eben, dass Musik etwas Ähnliches ist wie Sprache.

Prof. Eckart Altenmüller betrachtet den feinmotorischen Fingerablauf eines Pianisten beim Spielen.

Pianisten haben eine größere Handregion im Gehirn

Heißt das auch, dass Musiker besser mit Sprache umgehen können?

Man hat gezeigt, dass musizierende Kinder ein besseres Wortgedächtnis haben und bessere Sprachleistungen erbringen – sogar beim Schreiben – als nicht musizierende Kinder. Und soweit man heute weiß, sind musizierende Kinder sehr viel besser in der Erkennung von Sprache bei Hintergrundrauschen.

Das ist schon bei Vorschulkindern zu beobachten. Erwachsene Musiker haben in der Tat eine größere Sprachkompetenz, sie können sich "farbenreicher" ausdrücken und ebenfalls Sprache besser erkennen.

Oft ist zu hören, dass Musik intelligenter macht. Stimmt das eigentlich?

Bestimmte Unterformen der sogenannten Intelligenz sind tatsächlich bei Musikern regelmäßig besser. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit, komplexe optische Muster zu erkennen. In Tests zeigte sich außerdem, dass Musiker ihre Aufmerksamkeit besser steuern können und schneller reagieren.

Die eigentlichen Intelligenztests sind allerdings uneindeutig. Wenn man sehr gutwillig ist, kann man sagen, dass es eine leichte Steigerung des IQ durch das Musizieren gibt, so im Bereich zwischen vier und sechs Punkten. Das liegt aber nur knapp über der Signifikanzgrenze – also fast noch im Bereich der zufälligen Schwankungen.

Wieso kann Musik Emotionen auslösen?

Das liegt daran, dass Musik wahrscheinlich ein uralter emotionaler Signalgeber ist. In der Musik stecken vermutlich Klänge und Laute drin, die unsere Vorfahren schon lange vor dem Spracherwerb als emotionalen Ausdruck verstanden haben: Seufzen, Lachen, Rufen und so weiter. Und das wurde dann in der Musik später ausgebaut, es wurde ritualisiert und hat dann zu einer Art von emotionaler Verständigung geführt.

Man geht davon aus, dass schon die Hominiden mithilfe von Lauten ihre Gruppe besser auf das eigene Empfinden aufmerksam machen konnten, die Gruppe motivieren konnten und sich durch gemeinsame Gesänge besser als Gruppe formieren konnten. Das ist vermutlich lange vor dem Spracherwerb geschehen.

Später haben unsere Vorfahren dann als paralleles Kommunikationsmedium die Sprache erfunden, aber dieses alte, emotionale Lautsystem beibehalten. Das wurde dann natürlich in den letzten 50.000 Jahren noch unglaublich verfeinert, es entstanden die Musikinstrumente und eine reiche und vielgestaltige Musikkultur.

Aber die Grundlage der musikalischen Emotion ist wahrscheinlich eine uralte Affektsprache, eine Ursprache des Menschen. Die Wortsprache hat ja auch noch musikalische Anteile. An der Sprachmelodie kann man beispielsweise erkennen, ob jemand deprimiert oder guter Laune ist. Wir haben diese emotionale Lautstimmung in der Sprache beibehalten.

Gemälde mit einer Gruppe Neandertalern vor einer Höhle; in der Ferne sind zwei Wollnashörner zu sehen.

Rufen, Seufzen oder Lachen gab es schon lange vor der Sprache

Interview: Frank Eckhardt

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Stand: 21.11.2013, 15:00

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